Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 12.09.2019


Migration

Warum die Afrikaner über Europa den Kopf schütteln

Aus afrikanischer Sicht schätzen die Europäer die Migration völlig falsch ein, sagt der MCI-Professor Belachew Gebrewold. Europas Blick auf das Thema und seine Lösungsansätze gingen an der Realität in Afrika vorbei.

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Von Floo Weißmann

Innsbruck – „Wenn in Europa der Begriff Migration fällt, sagen alle als Erstes, wir müssen in Afrika investieren“, beobachtet der MCI-Professor Belachew Gebrewold. Doch Europas Blick auf das Thema und seine Lösungsansätze gehen an der Realität in Afrika vorbei, wie Gebrewold auf einer Forschungsreise zum Sitz der Afrikanischen Union in Addis Abeba herausfand. Auch im österreichischen Wahlkampf werde „komplett faktenentfremdet argumentiert“.

Das Problem fängt damit an, dass in Europa die Wahrnehmung und die Realität nicht übereinstimmen. „Thematisiert werden immer die Afrikaner, die im Mittelmeer ertrinken“, sagt Gebrewold. Tatsächlich aber stammen die meisten Asylwerber in der EU aus dem Nahen und Mittleren Osten (siehe Grafik). Mit Nigeria schafft es nur ein afrikanisches Land unter die Top Ten der Herkunftsländer. Die verzerrte Wahrnehmung kann laut Gebrewold „zu massiven Vorurteilen führen, als würden die Afrikaner Europa überrennen“. Und sie sorgt für Irritation bei Entscheidungsträgern und Experten in Afrika.

Das Problem setzt sich fort in gegensätzlichen Vorstellungen davon, warum Menschen sich auf den Weg machen. Europa redet von Bevölkerungswachstum, Konflikten und Armut. Nichts davon trifft aus afrikanischer Sicht zu. Ihr Bevölkerungswachstum verstehen die Afrikaner laut Gebrewold „als Reichtum und Voraussetzung für Entwicklung“.

Und die allermeisten, die vor Konflikten flüchten, bleiben in der näheren Umgebung in Afrika, nämlich 80 Prozent. Nur zwölf Prozent schlagen sich bis Europa durch. Folglich verstehen die afrikanischen Entscheidungsträger nicht, „warum die Europäer das ständig zum Problem machen“, berichtet Gebrewold.

Apropos Armut: Migration funktioniert umgekehrt, als viele Europäer denken. Die Armen bleiben, wo sie sind, und je wohlhabender und gebildeter die Menschen werden, desto mobiler werden sie. Das sei übrigens im 19. Jahrhundert bei der Auswanderung von Europa nach Amerika auch so gewesen.

Das Problem führt schließlich zu untauglichen Versuchen der Europäer, Druck auszuüben. Untauglich erstens, weil die Forderung nach Migrationskontrolle gegen Afrikas Bemühungen läuft, eine Freihandelszone nach EU-Vorbild aufzubauen. Untauglich zweitens, weil Europa seinen Einfluss in Afrika überschätzt. Längst gibt es andere Akteure.

Das Handelsvolumen zwischen Afrika und China ist in den Jahren 2000 bis 2015 von sieben auf 136 Mrd. Dollar gestiegen. Zudem hat China Investitionen von 60 Mrd. Dollar bis 2021 angekündigt. Auch die Japaner und die Golfstaaten drängen derzeit verstärkt nach Afrika. „Die Afrikaner lassen sich nicht unter Druck setzen, weil sie Alternativen haben“, folgert Gebrewold.

Seiner Ansicht nach wäre es deshalb richtig, dass Europa die Migrations- und die Entwicklungspolitik voneinander entkoppelt. Im Bereich der Migration sieht er Kooperationsmöglichkeiten etwa im Kampf gegen Menschenhandel und in der Aufklärung, damit in Herkunftsländern keine falschen Ideen von einem neuen Leben in Europa entstehen.

Unabhängig davon kann auch Europa profitieren, wenn es in Afrika ein Wirtschaftswachstum gibt – etwa durch lukrative Investitionen und neue Absatzmärkte. Von den zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften befinden sich sechs in Afrika und vier in Asien. Europa solle die wirtschaftliche Zusammenarbeit aber nicht länger politisch instrumentalisieren, empfiehlt Gebrewold.

- TT

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