Letztes Update am Di, 22.10.2019 17:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Parlamentswahlen in Kanada

Der kanadische Anti-Trump kann weitermachen

Anders als Trump steht Trudeau für Toleranz, Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge sowie Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Bei der Wahl ging er zwar erneut als Sieger hervor, musste aber Verluste hinnehmen.

Trudeau hat Grund zu jubeln.

© AFPTrudeau hat Grund zu jubeln.



Von Michel Comte/AFP

Ottawa — Er kommt wie ein Gegenbild zu US-Präsident Donald Trump daher: Der kanadische Regierungschef Justin Trudeau steht mit seinen 47 Jahren für Toleranz, Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge sowie Gleichberechtigung von Frauen und Männern. „Warum kann er nicht unser Präsident sein?", fragte neidisch das US-Magazin Rolling Stone.

Doch Trump nannte Trudeau, nachdem die beiden mehrfach aneinander geraten waren, „unehrlich und schwach". Nun ist Trudeau aus den kanadischen Parlamentswahlen erneut als Sieger hervorgegangen. Aber sein Stern leuchtet nicht mehr so hell wie 2015, als er mit seiner Liberalen Partei die absolute Mehrheit holte und in die Fußstapfen seines Vaters Pierre Trudeau trat.

Image als Saubermann leidet, trotzdem prominente Unterstützung

Die Liberalen errangen weit mehr Sitze als die Konservativen von Trudeaus Herausforderer Andrew Scheer. Dennoch ist der liberale Regierungschef künftig auf Unterstützung aus anderen politischen Lagern angewiesen. Das hat er sich zum Teil selbst zuzuschreiben. Denn Trudeau hat in den vier Regierungsjahren sein Image als Saubermann aufs Spiel gesetzt. Ende 2017 wurde ihm vom Ethik-Kommissar angekreidet, dass er sich zwei Mal vom Aga Khan auf dessen Kosten auf die Bahamas einladen ließ. Jüngst drängte Trudeau die Justizministerin, sich in eine Korruptionsaffäre um den Konzern SNC-Lavalin einzumischen.

Prominente Unterstützung erhielt Trudeau im Wahlkampf von Ex-US-Präsident Barack Obama. Dieser bescheinigte dem kanadischen Premierminister nach der Einführung einer CO2-Steuer, er sei eine „effiziente" Führungspersönlichkeit und traue sich auch an „große Themen" wie den Klimawandel heran. Das werde in der heutigen Welt gebraucht. Trudeau sagte nach dem Wahlsieg, die Bürger hätten für ein „progressives Programm und starkes Handeln gegen den Klimawandel" gestimmt.

In seiner ersten Amtszeit sorgte Trudeau dafür, dass in seinem Kabinett jeweils 15 Frauen und Männer saßen. Während Trump versuchte, die Südgrenze der USA nach Mexiko abzuschotten, ließ er Zehntausende syrische Flüchtlinge ins Land. Unter Trudeau wurden zudem der Cannabis-Konsum und der medizinisch begleitete Suizid legalisiert.

Biografie

Trudeaus Vater war von 1968 bis 1979 und von 1980 bis 1984 Premierminister. Nach seiner Geburt am 25. Dezember 1971 bewohnte Justin gleich den Sussex Drive 24 in Ottawa, den offiziellen Wohnsitz des kanadischen Regierungschefs. Aber der älteste Filius von Pierre Trudeau fühlte sich zunächst keineswegs berufen, in die Politik zu gehen. Justin Trudeau verdingte sich als Lehrer, Barkeeper, Türsteher und Snowboard-Lehrer, darüber hinaus engagierte er sich für alle möglichen guten Zwecke. Einen Wendepunkt markierte dann seine mitreißende Trauerrede beim Staatsbegräbnis seines Vaters im Jahr 2000.
2005 heiratete Trudeau die TV-Moderatorin Sophie Grégoire, das Paar hat drei Kinder. Zwei Jahre später betrat er dann doch die politische Bühne und trat in einem Arbeiterbezirk in Montréal zur Parlamentswahl an. Ab 2008 saß Trudeau dann im kanadischen Unterhaus, seit 2013 steht er außerdem an der Spitze der Liberalen Partei.

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