Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 26.10.2019


Südamerika

Präsidentenwahl in Argentinien: Linke Peronisten vor Comeback

Amtsinhaber Macri steht inmitten einer Wirtschaftskrise auf verlorenem Posten. Oppositionskandidat Fernandez hat Cristina Kirchner als Vizekandidatin im Schlepptau.

Fernandez geht als klarer Favorit ins Rennen. An seiner Seite: Ex-Präsidentin Kirchner.

© AFPFernandez geht als klarer Favorit ins Rennen. An seiner Seite: Ex-Präsidentin Kirchner.



Buenos Aires – Der Fußball ist in Argentinien allgegenwärtig, auch in der Politik. So verglich Staatspräsident Mauricio Macri kürzlich seine Chancen auf eine Wiederwahl am heutigen Sonntag mit der Situation der Boca Juniors, deren Vereinspräsident er 13 Jahre lang war. Boca hatte das Halbfinal-Hinspiel der südamerikanischen Champions League mit 0:2 gegen River Plate verloren. Macri sagte daraufhin, ein Wahlsieg sei für ihn genauso noch drin wie der Finaleinzug für Boca. Denn: Auch Macri muss einen deutlichen Rückstand aufholen. Bei den allgemeinen Vorwahlen im August bekam er nur 32 Prozent der Stimmen. Der linke Kandidat Alberto Fernandez erreichte knapp 48 Prozent. Die Vorwahlen gelten als wichtiger Stimmungstest für die Präsidentenwahl.

Das Rückspiel des Fußballduells ging am Dienstag über die Bühne: Boca gewann zwar mit 1:0, River steht aber wegen seiner zwei Tore aus dem Hinspiel im Finale. Ein schlechtes Omen also für Macri – und es sieht so aus, als könne er nicht einmal auf ein ähnlich knappes Ergebnis hoffen. In Umfragen liegt der frühere Bürgermeister von Buenos Aires um die 20 Prozentpunkte hinter Fernandez, der demnach sogar auf über 50 Prozent der Stimmen kommen könnte. Schon mit 45 Prozent würde er eine Stichwahl vermeiden.

Eins der wichtigsten Wahlversprechen des Konservativen Macri vor vier Jahren war der Kampf gegen die Armut. Doch nun steckt Argentinien wieder einmal in einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise. Nach Angaben der Statistikbehörde rutschten allein im vergangenen Jahr etwa 3,4 Millionen Menschen in die Armut ab. Und die Inflationsrate liegt bei mehr als 50 Prozent. Wegen rasant steigender Lebensmittelpreise gingen im September Zehntausende Argentinier in der Hauptstadt Buenos Aires auf die Straße.

Als der Peso im Vorjahr stark abwertete, hatte der Internationale Währungsfonds Argentinien einen Bereitschaftskredit in Höhe von 57 Milliarden US-Dollar gewährt. Nach den Vorwahlen geriet die Währung aber erneut heftig unter Druck. Die Aussicht auf einen Wahlsieger Fer­nandez besorgte offenbar viele Anleger – vor allem wegen seiner Vizekandidatin, der Ex-Präsidentin Cristina Kirchner. Sie steht für eine protektionistische Wirtschaftspolitik und eine konfliktreiche Beziehung zum IWF. Kirchner, die ihrem inzwischen gestorbenen Ehemann Nestor Kirchner im Jahr 2007 im Präsidentenamt nachfolgte und acht Jahre lang regierte, ist zudem in eine Reihe von Korruptionsskandalen verwickelt. Gegen sie laufen zahlreiche Verfahren. Als Senatorin genießt sie derzeit Immunität. Im Wahlkampf hat Kirchner Fernandez größtenteils das Rampenlicht überlassen. Beide sind so genannte „Peronisten“, gehören also der Justizial­istischen Partei an, die seit ihrer Gründung durch Juan Perón im Jahr 1946 die meisten demokratisch gewählten Präsidenten Argentiniens gestellt hat.

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Fernandez pflegt sein Image als gemäßigter Mitte-links-Politiker. Er war Kabinettschef unter Nestor Kirchner und blieb das auch in den ersten Monaten unter dessen Frau. Dann trat er aber zurück, weil er mit einem Machtkampf der Regierung mit den Bauernverbänden wegen einer geplante Erhöhung von Agrarzöllen nicht einverstanden war.

Fernandez ist selbst nicht durch Korruptionsvorwürfe belastet. Macri wirft ihm jedoch vor, während der Kirchner-Regierungen weggeschaut zu haben. Macri versucht, das Schreckgespenst einer korruptionsaffinen Kirchner als Strippenzieherin einer möglichen Fernandez-Regierung aufzubauen. Doch das scheint nicht zu wirken. Für viele Wähler zählt letztlich, dass es ihnen vor vier Jahren besser ging. (dpa/Kaiser)