Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 31.10.2019


Deutschland

Rache, Machtkampf und ein Anflug von Selbstaufgabe in der CDU

CDU hadert mit Wahlniederlagen und einer angeschlagenen Parteichefin

Merz (r.) unterlag vor knapp einem Jahr Kramp-Karrenbauer (l.) bei der Wahl zum CDU-Vorsitz. Inzwischen geht es schon um mehr.

© Merz (r.) unterlag vor knapp einem Jahr Kramp-Karrenbauer (l.) bei der Wahl zum CDU-Vorsitz. Inzwischen geht es schon um mehr.



Von Gabriele Starck

Berlin – Feind, Todfeind, Parteifreund – der Binsenweisheit von CSU-Übervater Franz Josef Strauß wird die Schwesterpartei CDU seit Sonntag mehr als gerecht. Die Niederlage in Thüringen, wo die CDU in der Wählergunst vom ersten auf den dritten Platz abstürzte, löste einen öffentlich geführten Zank aus, der so leicht nicht mehr einzufangen sein wird.

Es war einmal mehr Friedrich Merz, der den Ringkampf eröffnete, indem er sich Montagabend im ZDF an Kanzlerin Angela Merkel abarbeitete. Jener Frau, der Merz einst als Fraktionschef im Bundestag weichen musste. Doch als Merz von „grottenschlecht“, von „mangelnder Führung“ und „Untätigkeit“ sprach und die Ablöse Merkels forderte, zielte er nur vordergründig auf seine Intimfeindin. Nicht so sehr Rache, sondern Machtgelüste treiben ihn. Merz wollte vor einem Jahr CDU-Chef werden, doch die Parteimitglieder zogen ihm Annegret Kramp-Karrenbauer vor. Jetzt wittert er wieder eine Chance. Kramp-Karrenbauer ist angezählt, der Versuch eines Befreiungsschlags durch ihre Nordsyrien-Initiative schlug fehl. In der Partei wird ihre Eignung als Kanzlerkandidatin inzwischen offen in Frage gestellt.

Doch Merz, der zum neoliberalen und konservativen Flügel der CDU gehört, ist nach wie vor nicht mehrheitsfähig. Das zeigen auch die Reaktionen auf seine Kritik. Fraktions-Vizechefin Katja Leikert forderte gestern von Merz Respekt für die Parteiführung ein. Deutlicher wurde Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther am Dienstag. Merz’ Forderung nach Ablöse Merkels bezeichnete er als „Debatte, die von älteren Männern geführt wird, die vielleicht nicht ihre Karriereziele in ihrem Leben erreicht haben“.

Doch ganz will man die Kritik an der Performance der Parteiführung auch nicht niederbügeln. Man habe sich zu lange nur auf Merkel verlassen und darauf „vergessen, ich will sogar sagen verpennt“, zu sagen, wofür die Union stehe, meinte Fraktions-Vize Carsten Linnemann.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Der langgediente CDU-Europapolitiker Elmar Brok ging gestern sogar so weit, zu sagen, nicht seine Partei, sondern die CSU könnte den Kanzlerkandidaten der Union stellen. In Bayern reagierte man irritiert. Da es Parteichef Markus Söder ganz und gar nicht nach Berlin zieht, riet man der großen Schwester, sich zusammenzureißen und die Personaldebatten zu beenden. Denn sonst benötige die Union bald gar keine Kanzlerkandidaten mehr.




Kommentieren


Schlagworte