Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 15.11.2019


Weltpolitik

Schriftsteller Luiz Ruffato: „Brasilien droht die Verwüstung“

In Innsbruck sprach der international gefeierte brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato über die Politik von Präsident Bolsonaro.

Luiz Ruffato (Schriftsteller): „Brasilien bewegt sich zunehmend in Richtung eines autoritären Staates.“

© Andreas Rottensteiner / TTLuiz Ruffato (Schriftsteller): „Brasilien bewegt sich zunehmend in Richtung eines autoritären Staates.“



Von Christian Jentsch

Innsbruck – Seit dem 1. Jänner 2019 hat in Brasilien eine neue Zeitrechnung begonnen. Der Rechtsextreme Jair Bolsonaro leitet als Präsident zusammen mit Generälen und dem neoliberalen Wirtschaftsminister Paulo Guedes, der einen radikalen Privatisierungskurs verfolgt, nun die Geschicke Brasiliens. Und will das 210-Millionen-Einwohner-Land mit den Schlagworten „Kugel, Vieh und Bibel“ in eine radikal andere Richtung lenken. Der frühere Fallschirmjäger und Bewunderer der Militärdiktatur, von der sich Brasilien erst 1985 befreien konnte, hat eine Allianz aus Nationalisten, Evangelikalen, der Wirtschaftselite und den Spitzen des Militärs geschmiedet – und angekündigt, das Land „säubern“ zu wollen. Obwohl er selbst seit 30 Jahren Politiker ist, gelang es ihm, sich als Anti-System-Kandidat zu positionieren.

Für Luiz Ruffato, einen der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Brasiliens, ist der Befund rund zehn Monate nach Amtsantritt Bolsonaros klar: Gegenüber der Tiroler Tageszeitung sprach er von einer drohenden „Verwüstung“ Brasiliens. Ruffato, der aus ärmsten Verhältnissen zu einem der wichtigsten Gegenwartsschriftsteller seines Landes aufgestiegen ist, kam im Oktober zu einem Besuch nach Tirol. Und malte im Gespräch mit der TT ein düsteres Bild von der Zukunft seines Heimatlandes: „Brasilien bewegt sich in Richtung eines autoritären Staates“, erklärte er, und berichtete von einem Land im „Rückwärtsgang“. „In ihren ersten zehn Monaten im Amt ging es der Regierung in erster Linie darum, alle Schritte etwa in Richtung einer besseren Bildungs-, Sozial- und Umweltpolitik wieder rückgängig zu machen. Es ging in erster Linie um Zerstörung, um Dekonstruktion. Wir befinden uns in einem rasanten Rückwärtsgang“, so Ruffato.

Wirtschaftspolitisch setzt Brasilien nach Jahren des sozialdemokratischen Kurses unter den Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva (2003 bis 2010) und dessen Nachfolgerin Dilma Rousseff (2011 bis Ende August 2016) nun auf eine neoliberale Politik. „Es geht darum, alle Staatsbetriebe zu privatisieren. Doch vielen Gebieten droht nun die Deindustrialisierung. Angezogen wird Finanz- und nicht Industriekapital“, so der Schriftsteller, der in seinen Büchern auch das „unsichtbare“ Brasilien der Mittellosen thematisiert – den Blick von unten sozusagen. Und Ruffato, der selbst als Obdachloser in der Metropole Sao Paulo lebte, weiß über Rassismus und soziale Klüfte in der brasilianischen Gesellschaft Bescheid. „Viele Angehörige der Mittelschicht hegen starke Ressentiments gegen arme Bevölkerungsgruppen. Und misstrauen jenen, die durch die erfolgreiche Armutsbekämpfung unter Präsident Lula aufgestiegen sind und ihnen nun als Konsumenten begegnen.“

Jair Bolsonaro hat den Sieg bei der Präsidentschaftswahl Ende Oktober des Vorjahres seiner Inszenierung als Anti-System-Kandidat, aber auch den Fehlern seiner Vorgänger von der linksorientierten Arbeiterpartei zu verdanken. Hinzu kam die Kampagne seiner mächtigen Unterstützer. „Sicher waren viele Menschen von den Korruptionsskandalen der Arbeiterpartei enttäuscht und unter Präsidentin Dilma Rousseff schlitterte Brasilien in eine Wirtschaftskrise, die Arbeitslosenzahlen stiegen. Aber es gab natürlich auch schon lange Bestrebungen, Lula und später Rousseff loszuwerden“, erklärte Ruffato. Bei der Absetzung Rousseffs Ende August 2016 sprachen ihre Unterstützer von einem „parlamentarischen Staatsstreich“. Der Präsidentin wurde vorgeworfen, Haushaltszahlen geschönt und Geld ohne Zustimmung des Kongresses ausgegeben zu haben. „Da wurde eine Bewegung in Gang gesetzt“, so Ruffato. Zuletzt war Brasilien vor allem wegen der Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes in den internationalen Schlagzeilen. Unzählige Brände – viele von ihnen gelegt – verwüsteten riesige Flächen. Bolsonaro beschimpfte jene, die sich für den Schutz der grünen Lunge unseres Planeten einsetzten. „Auch die Arbeiterpartei hatte kein großes Herz für den Umweltschutz. Aber es gab einen Diskurs. Die nun zu beobachtende sprunghaft zunehmende Missachtung der Umweltgesetze liegt in der Verantwortung Bolsonaros. Er gibt regelrecht Anreize, diese zu brechen, und die Verstöße werden oft nicht geahndet“, erzählt Ruffato von einer verantwortungslosen Politik.

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