Letztes Update am Mo, 06.06.2016 11:13

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


EURO 2016

Multi-Kulti-Truppe: Das ÖFB-Team hat viele Gesichter

Ein Drittel des österreichischen EM-Kaders hat einen Migrationshintergrund. „Vielfalt macht es irgendwie auch aus“, erklärt Zlakko Junuzovic.

Stars im ÖFB-Team mit Migrationshintergrund: Alaba, Junuzovic und Arnautovic (v.l.).

© ABA/HERBERT NEUBAUERStars im ÖFB-Team mit Migrationshintergrund: Alaba, Junuzovic und Arnautovic (v.l.).



Wien – Das österreichische Fußball-Nationalteam ist eine Multi-Kulti-Truppe. Ein Drittel der für die EM in Frankreich aufgebotenen Spieler hat Migrationshintergrund. Das ist ein höherer Schnitt als jener in der österreichischen Gesamtbevölkerung. Die Mannschaft wird gerade in Zeiten der Debatte über Obergrenzen für die Aufnahme von Flüchtlingen gerne als Sinnbild für gelungene Integration herangezogen.

„Es stimmt, viele Spieler hier haben so einen Hintergrund, aber das macht es irgendwie auch aus“, meinte Zlatko Junuzovic. „Wir haben miteinander sehr viel Spaß.“ Der ÖFB-Spielmacher war im Frühjahr 1992 mit seinen Eltern vor dem Jugoslawien-Krieg aus Bosnien-Herzegowina geflüchtet. Junuzovic war damals vier Jahre alt. Er fand in Kärnten bzw. später in Graz eine neue Heimat.

„Wichtig, dass man sich integriert“

Aus politischen Diskussionen will sich Junuzovic heraushalten. „Fakt ist, dass es extrem wichtig ist, dass man sich integriert, dass man Anschluss findet, dass man die Lebensqualität einfach erhält“, erklärte der 28-Jährige. „Das war bei mir der Fall.“

Das Nationalteam könnte in diesem Zusammenhang auch Vorbildfunktion haben. „Es kann sicher positiv sein. Wir haben jetzt Großes erreicht“, spielte Junuzovic auf die souverän geschaffte EM-Qualifikation an. „Und jeder von uns verhält sich auch entsprechend positiv.“

Die verschiedenen Herkunftsländer machen das ÖFB-Team erst zu dem, was es ist, meinte György Garics. Der Rechtsverteidiger ist als einer von vier Spielern im 23-köpfigen EM-Kader nicht in Österreich geboren. „Jeder von uns bringt eine andere Kultur mit und ist dadurch eine Bereicherung für die ganze Mannschaft“, sagte der gebürtige Ungar. „Bei uns gibt es dadurch eine tolle Mischung. Wahrscheinlich sind wir auch deshalb dort, wo wir jetzt sind.“

Sport als Chance

Der Sport stelle für viele Einwandererkinder eine Chance dar. „Durch den Fußball kann man einen Sprung schaffen und in eine neue Welt vorstoßen“, erklärte Garics. „Österreichischen Kindern geht es sicher besser als denen von Migranten.“ In Südamerika zum Beispiel sei das ähnlich. „Die haben auch wenig, können aber durch den Fußball ein Leben führen, das sonst nicht möglich wäre.“

Auch für ihn selbst war der Sport ein Anreiz. Garics, geboren 1984 in Szombathely, wechselte 1998 als 14-Jähriger in den Rapid-Nachwuchs. „Ich habe Österreich extrem viel zu verdanken“, betonte der Routinier, der schon die EM 2008 für seine neue Heimat bestritten hat.

Neben Garics und Junuzovic sind auch die Angreifer Rubin Okotie und Martin Harnik im Ausland geboren - Ersterer in Karatschi in Pakistan, Letzterer in Hamburg. Als Spieler mit Migrationshintergrund gilt Harnik, dessen Vater aus der Steiermark stammt, im Gegensatz zu den Topstars David Alaba, Marko Arnautovic und Aleksandar Dragovic daher nicht.

„Sehe mich als Österreicher“

Für die Motivation spiele die Herkunft keine Rolle, meinte Dragovic. „Ich gebe immer 100 Prozent“, betonte der ÖFB-Abwehrchef. „Ich habe zwar serbische Vorfahren, aber fühle mich als Österreicher. Ich bin hier geboren und zur Schule gegangen. Ich sehe mich kaum als Serbe. Auch David, Marko oder Juno sehen sich als Österreicher. Wir sind alle stolz, für Österreich spielen zu dürfen.“

Auch Spieler ohne Migrationshintergrund schätzen die Mischung im Nationalteam. „Es zeigt, dass es sehr, sehr bereichernd sein kann, wenn Flüchtlinge herkommen oder hier sind“, erklärte Stürmer Marc Janko. „Das ist nicht nur gefährlich, wie es in manchen Zeitungen oder auf manchen Facebook-Seiten dargestellt wird.“ Das Thema sei momentan sehr präsent. „Es wird viel Angst geschürt, auch unnötigerweise.“

Janko hatte als Botschafter der Laureus-Stiftung „Sport for Good“ im Frühjahr in Wien mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen trainiert. „Das Nationalteam ist ein gutes Beispiel, weil man sieht, dass Spieler, die jetzt die Lieblinge der Massen sind, selbst zu uns gekommen sind“, sagte der Goalgetter, betonte aber auch: „Man kann nicht wählerisch sein und nur die nehmen, die uns sportlich weiterbringen.“ (APA)