Letztes Update am Di, 10.07.2018 08:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


WM 2018

Jordan Pickford: Die Lösung des englischen Torhüterproblems

Die jahrzehntelange Suche nach einem sicheren Rückhalt scheint bei England beendet zu sein. Jordan Pickford steht nicht erst seit der WM seinen (Tor-)Mann.

© ReutersMIt gleich mehreren Glanzparaden brachte Jordan Pickford die schwedischen Angreifer zur Verzweiflung.



St. Petersburg – Englands Tormannproblem ist Vergangenheit: Trotz fehlender Routine hat sich Jordan Pickford bei der WM in Russland positiv in den Vordergrund gedrängt. Statt Patzer, die seinen Vorgängern wie zuletzt Joe Hart immer wieder einmal unterliefen, sorgt er im Spiel der „Three Lions“ für den nötigen Rückhalt. Der könnte auf dem Weg zum ersten WM-Titel seit 1966 entscheidend sein.

Schon beim 2:0-Sieg gegen Schweden im Viertelfinale bewahrte der 24-Jährige sein Team mit Paraden vor Gegentreffern und einer hitzigen Schlussphase. Die Belohnung war die Auszeichnung „Man of the match“. „Er hat brillant gehalten“, lobte Teamchef Gareth Southgate seine Nummer eins. Diesen Status hat sich der Schlussmann innerhalb kürzester Zeit erkämpft.

Erst acht Länderspiele auf dem Buckel

Fünf seiner acht Teamspiele absolvierte er bei dieser WM, bei der er mit Ausnahme des Schweden-Spiels immer einmal hinter sich greifen musste. Zuvor war er nach seinem Debüt am 10. November 2017 beim 0:0 gegen Deutschland mit dem 1:0 gegen die Niederlande und dem 2:1 gegen Nigeria nur zwei weitere Male in Testspielen zum Einsatz gekommen. Mit dem nun deutlich größeren Druck bei einem Großereignis scheint er bestens umgehen zu können, von Nervosität war bisher keine Spur.

„Kritik lässt mich kalt, ich fürchte mich vor nichts“, sagte Pickford nach dem Sieg gegen Schweden. Für Southgate ist er „der Prototyp des modernen Torhüters“. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist die Ballbehandlung mit dem Fuß eine seiner Stärken. „‘Pick‘ ist ein Top-Keeper und war in diesem Turnier bisher überragend“, sagte Abwehrchef John Stones. Und Eric Dier ergänzte: „Er hat eine herausragende Saison bei Everton gespielt und setzt diese nun hier fort.“

Bei Everton verpasste Pickford in der Premier League keine Minute, spielte alle 38 Partien durch. Hinzu kamen Einsätze in der Europa League sowie in den nationalen Cupbewerben. Die Liverpooler haben mit der Verpflichtung des Goalies von Sunderland im vergangenen Sommer einen Glücksgriff gemacht. Zudem war es ein historischer Transfer: Pickford avancierte mit fast 30 Millionen Euro zum teuersten englischen Tormann der Geschichte.

Er könnte nun im Nationalteam eine neue Ära einleiten, nachdem die Tormannposition in der Vergangenheit als Schwachstelle der „Three Lions“ angesehen wurde. Hart stand am Ende einer Reihe englischer Goalies, die mehr aufgrund ihrer Fehler als durch ihre Paraden auffielen. Dem 31-Jährigen haftete der Makel der EM vor zwei Jahren an, als er mit seinem kapitalen Fehler am Ursprung der 1:2-Niederlage im Achtelfinale gegen Island stand.

Eine Geschichte voller Missverständnisse

Zum WM-Zuschauer wurde er aber nicht deshalb, sondern wegen seiner Reservistenrolle bei West Ham im Großteil der zweiten Saisonhälfte. Obwohl der langjährige Manchester-City-Tormann in der Quali noch neun von zehn Partien absolviert hatte, blieb eine Nominierung von Southgate aus. Mit Jack Butland (Stoke City) und Nick Pope (Burnley) erhielten zwei weitere team-unerfahrene Akteure die restlichen WM-Fahrkarten.

Begonnen hatte Englands schwarze Tormann-Serie mit David Seaman, der sich bei der WM 2002 im Viertelfinale gegen Brasilien von einem Ronaldinho-Freistoß überraschen ließ. Ihm folgte David James, aufgrund seiner Patzer nur „Calamity James“ genannt. Paul Robinson und Scott Carson traf eine Mitschuld, dass England die Qualifikation für die EM 2008 verpasste. Ihre Fehler im Hin- und Rückspiel gegen Kroatien wurden zum Youtube-Hit. Bei der WM 2010 folgte ihnen Robert Green, der im Gruppenspiel gegen die USA (1:1) einen einfachen Schuss passieren ließ.

Pickford schrieb bisher nur positive Schlagzeilen, wie etwa auch beim 4:3-Sieg im Elfmeterschießen gegen Kolumbien im Achtelfinale, als Englands Elfmetertrauma bei großen Turnieren überwunden werden konnte. Große Töne spukt der vor einem Jahr noch bei der U21-EM im Einsatz gewesene Everton-Goalie aber trotz seines Aufstiegs nicht. „Wir gehen Schritt für Schritt, schauen von Spiel zu Spiel“, sagte der 1,85-Meter-Mann. Am Mittwoch wartet in Moskau (20.00 Uhr/TT.com-Live-Ticker) im Halbfinale Kroatien. (APA)