Letztes Update am Mo, 16.07.2018 20:53

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


WM 2018

Triumph-Fahrt durch Paris: Frankreich feiert seine Weltmeister

Jung, erfolgreich, hungrig. Die neuen Weltmeister könnten den internationalen Fußball über Jahre hinweg prägen. Trainer Deschamps will weitermachen. Seine Spieler wollen mehr, noch viel mehr.

Siegesfahrt durch Paris.

© AFPSiegesfahrt durch Paris.



Paris – Frankreich ist vereint im Titelrausch: Hunderttausende feierten am Montag die Fußball-Weltmeister nach ihrer Ankunft auf den Pariser Champs-Élysées. Als der offene Doppeldeckerbus der „Équipe nationale“ mit zweistündiger Verspätung endlich auf der Prachtstraße eintraf, wollte der Jubel kein Ende nehmen. Über dem kilometerlangen Boulevard lag der Dunst von Rauchfackeln. Militärjets stiegen auf, Menschen schwenkten blau-weiß-rote Nationalflaggen, in der ganzen Stadt hupten Autos.

Schon in der Nacht zuvor hatten es Frankreichs Feierbiester in Moskau richtig krachen lassen, und die Fußball-Welt fürchtet bereits eine lange Vorherrschaft der neuen Goldenen Generation. „Wille, Geschicklichkeit und eine sorgfältige Coachingschablone haben eine Mannschaft geschmiedet, deren schiere Jugendlichkeit den Rest der Welt erschrecken sollte“, schrieb der britische Guardian am Tag nach dem furiosen WM-Finale.

 Militärjets stiegen auf und zeichneten die Nationalfarben auf den Himmel über dem Triumphbogen.
Militärjets stiegen auf und zeichneten die Nationalfarben auf den Himmel über dem Triumphbogen.
- AFP

26 Jahre und 90 Tage betrug das Durchschnittsalter der Startelf beim irren 4:2 gegen Kroatien am Sonntag in Moskau. „Es waren 14 Spieler mit dabei, die auf eine Abenteuerreise gegangen sind“, betonte Trainer Didier Deschamps, der nach dem verlorenen EM-Finale vor zwei Jahren sein Personal noch mal durchtauschte und die Schwächen von damals in Stärken von heute umwandelte. „Es war so, so schmerzvoll, vor zwei Jahren nicht den EM-Titel zu holen. Aber vielleicht wären wir jetzt nicht Weltmeister, hätten wir es damals geschafft.“

Was es bedeute, Weltmeister zu sein, wüssten seine Spieler noch gar nicht, betonte Deschamps, nachdem er noch während der Pressekonferenz die nächste Champagner-Dusche von seinen Spielern bekommen hatte. Singend und angeführt von Super-Spaßvogel Paul Pogba hatten sie das Podium kurzerhand zur Tanzfläche gemacht und ihren 49 Jahre alten Coach gefeiert. Dessen fast schon väterlich-verständlicher Kommentar mit breitem Grinsen: „Sie sind jung und glücklich.“

Deschamps formte individuelle Ausnahmekönner zu einer verschworenen Truppe, kein Zoff, keine Skandale – „wir haben 55 Tage zusammen verbracht. Es hat nicht ein Problem gegeben“, betonte Deschamps. „Die Spieler haben ihren Vertrag erfüllt, und darüber hinaus hat Deschamps seinen Platz im Fußball-Pantheon gesichert“, schrieb die französische Zeitung Libération. Und Deschamps ist noch lange nicht fertig.

Hunderttausende feierten am Champs-Élysées ihre WM-Helden.
Hunderttausende feierten am Champs-Élysées ihre WM-Helden.
- AFP

„Ich mache nicht alles wie Jacquet“, sagte er. Aimé Jaquet hatte nach dem WM-Erfolg 1998, bei dem Deschamps als Kapitän den WM-Pokal als Erster halten durfte, nicht weitergemacht. „Es ist vorgesehen, dass ich bleibe, also bleibe ich“, betonte Deschamps.

Seit 2012 ist er da, bis zur EM in zwei Jahren gilt sein Vertrag. Er kann nun das einmalige Kunststück schaffen und nach dem Titeldouble binnen zwei Jahren mit dem WM-Triumph 1998 und dem EM-Erfolg 2000 als Spieler das Gleiche als Trainer zu wiederholen. Die Gefahr, so wie Deutschland nach dem WM-Triumph vor vier Jahren nun 2022 in Katar böse abzustürzen, scheint kaum zu existieren.

Spaniens Marca rief bereits „La Belle Époque“ aus. „Die Gefahr ist, dass Les Bleus nur noch besser werden und dass sie schon jetzt das Team sind, das es bei der Euro 2020 und zwei Jahre später in Katar zu schlagen gilt“, schrieb Englands Boulevardblatt The Sun.

Hugo Lloris brachte den Pokal aus dem Flugezeug.
Hugo Lloris brachte den Pokal aus dem Flugezeug.
- AFP

Beispielhaft für diese Mannschaft, ihren Erfolg und vor allem ihre Perspektive steht Kylian Mbappé. Er hat kamerunische und algerische Wurzeln. „Das ist Frankreich, wie wir es lieben. Es gibt verschiedene Herkünfte, aber wir sind vereint. So ist es auch in der Mannschaft. Wir spielen für dieses eine Trikot“, sagte Antoine Griezmann, vielleicht das Gesicht des Weltmeisters. Mit 27 Jahren liegt er zwar schon über dem Schnitt der Final-Elf, ist aber alles andere als alt.

Mbappé kann das Gesicht des Weltfußballs der kommenden Jahre werden. „Es ist nur der Anfang von Kylian Mbappé“, meinte das Sportblatt L‘Équipe. Mbappé sei in der Lage, euch 2022, 2026 oder 2030 einen dritten Stern nach Hause zu bringen, schrieb Le Parisien über den Teenager, der den 77 Jahre alten Pélé schon drüber nachdenken lässt, noch mal die Fußballschuhe hervorzuholen.

„Wenn Kylian weiter meine Rekorde einstellt, muss ich vielleicht meine Stiefel entstauben“, schrieb er bei Twitter. Mbappé ist mit seinem Treffer im Finale zweitjüngster Torschützen nach Pélé 1958. Zudem hatte er als zweitjüngster Spieler hinter dem dreimaligen Weltmeister einen Doppelpack erzielt beim Achtelfinalsieg über Argentinien.

Les Bleus im Freudentaumel.
Les Bleus im Freudentaumel.
- AFP

Mbappés demütige Antwort auf das neuerliche Pélé-Stamenent: „Der König bleibt immer der König.“ Auch das ist beispielhaft für den neuen Weltmeister, bei dem auch die herausragenden Akteure wie Mbappé, Griezmann oder Pogba sich in den Dienst der Mannschaft stellen. „Talent allein reicht nicht, psychologisch und mental musst du stärker sein“, verriet Trainer Deschamps eine seiner Maximen.

Auch beim Feiern bewiesen seine Jungs Stärke. Die Busfahrt ins WM-Hotel wurde zum rauschenden Ausflug der Klassenbesten, in den etwas unterkühlt wirkenden Räumlichkeiten machten sie die Nacht zum Tag und skandierten immer und immer wieder: „Allez, allez, allez.“

Paul Pogba hielt mit Frist Lady Brigitte den Pokal.
Paul Pogba hielt mit Frist Lady Brigitte den Pokal.
- AFP

Familie, Freunde, alle waren gekommen, der Verband hatte eigens drei Flieger gechartert. Und nun wollen sie diesen Triumph mit dem Volk teilen, das nach den Terrorattacken unter anderem vom 13. November 2015 am Rande des Testspiels der Franzosen gegen Deutschland ein neues Gefühl weltmeisterlicher Leichtigkeit genießt.

„Wir werden den Männern von Didier Deschamps niemals genug dafür danken können, dem Land dieses verzauberte Intermezzo geschenkt zu haben, diese vier Wochen, von denen wir hoffen, dass sie ewig dauern“, beschrieb die L‘Équipe das „ewige Glück“. „Ihr habt das ganze Land stolz gemacht“, sagte Staatschef Emmanuel Macron. (dpa)

Grupenbild mit Präsident Macron am Elyseepalast.
Grupenbild mit Präsident Macron am Elyseepalast.
- AFP