Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 04.11.2018


FC Wacker

Wacker-Fan-Tumulte: „Fußball wird von einigen missbraucht“

Fan-Prügeleien in Innsbrucks Zentrum regen zum Nachdenken an. Behörden und Vereine stehen der Szene oft machtlos gegenüber.

© APAEine Szene vom Wiener Derby 2014 zwischen Rapid und der Austria: Szenen wie diese will der Fußball-Fan nicht sehen.



Von Florian Madl

Innsbruck — Die Palette der Erklärungsversuche war eine bunte, als vergangenes Wochenende Fans von Wacker Innsbruck und Austria Wien ihre Vereinsfarben mit Fäusten und Klappstühlen vertraten. Eine Theorie in einschlägigen Foren: Die Tiroler seien beim kleinen Umtrunk vor dem Match von Gäste-Fans überrascht worden. Eine weitere: Fans von Slovan Bratislava hätten zum Aufruhr beigetragen. Die wahrscheinliche: Dem Aufeinandertreffen, ein in gleich großen Gruppen angeordneter Straßenkampf, ging eine terminliche Absprache der Gruppierungen voraus.

Die Beteiligten bewiesen Korpsgeist, indem sie über Gegner und Folgen den Mantel des Schweigens breiteten. Eine Art Ehrenkodex, der gewissen Regeln folgt.

Der FC Wacker Innsbruck verurteile Gewalt in einer Aussendung „in jeder Form", nichts anderes war nach den Szenen in der Innsbrucker Innenstadt zu erwarten. Doch seitens der Unruhestifter brachte das den Verantwortlichen böse Kommentare einiger Hauptdarsteller auf sozialen Medien ein. Motto: Man möge sich nicht einmischen.

Stocker sorgt sich um Ansehen

Präsident Gerhard Stocker sorgt sich um das Ansehen des Vereins, der mit Sponsoren nicht eben gesegnet ist. Seine nüchterne Feststellung: „Fußball wird von einigen missbraucht, weil er eine riesige Anziehungskraft hat." Das kostet die Schwarz-Grünen: im Vorjahr zwar nur 8500 Euro, 2016/17 im Zuge des Wattener Kabinensturms aber über 20.000 Euro. Geht man von einem Tivoli-Besucherschnitt mit 5000 Leuten aus, so trifft diese Form der Gewaltbereitschaft auf lediglich ein Prozent zu. Aber dieses eine Prozent trägt maßgeblich zur „Markenbildung" bei. „Dieser Teil tritt auch nicht wirklich im Stadion auf."

Dabei gilt die Faninitiative Innsbruck als vorbildlich soziale Gruppierung, die mit allerhand Projekten auf sich aufmerksam macht. Zuletzt erhob diese Vereinigung nach dem Auswärtsspiel bei Rapid schwere Vorwürfe gegen die Polizei und den Ordnerdienst. Man sei beim Fanmarsch beschimpft und attackiert worden. „Eine Gruppe von BeamtInnen stürmte in den vorderen Teil der Gruppe und versuchte, wild um sich schlagend, einzelne Personen herauszuziehen. Nur das solidarische Verhalten aller Wacker-Fans verhinderte hier Schlimmeres. Dass eine Eskalation um jeden Preis gewünscht war, spürte man ab diesem Zeitpunkt deutlich." Zeichen einer Pauschalierung.

Aktuell zwei Stadionverbote

Die Politik forderte zuletzt für die Härtesten Stadionverbote — für die 15 bis 20 Fans der jüngsten Randale, von denen zehn namentlich bekannt seien. Aber selbst das Zutrittsverbot lässt sich kaum durchsetzen: Aktuell verwehrt der FC Wacker nur zwei Fans den Stadionzugang, weitere Beschränkungen durchzusetzen, scheint nahezu unmöglich: „Darüber haben wir im Aufsichtsrat der Bundesliga schon oft beraten, Vereine stehen der Situation mitunter aber machtlos gegenüber", erklärt Gerhard Stocker. Die zwei möglichen Strategien: Ausgrenzung und Strafen auf der einen Seite, Kommunikation und Prävention auf der anderen. Der FC Wacker präferiert Letzteres, setzte mit Armin Weber sogar eine Saison lang auf einen Sozialarbeiter. Das für Österreich einzigartige Projekt wurde kurzfristig aus budgetären Gründen gestrichen.

„Wir wollen Choreografien, Zusammenarbeit und regen Austausch. Aber wir stehen auch zu unseren Werten und positionieren uns gegen Gewalt", hält Wacker-Sicherheitssprecher Max Laimer fest. Man wolle sich die jüngsten Vorfälle noch einmal „in Ruhe" anschauen, sei aber „bei der Bewertung der Bilder und Videos sehr vorsichtig". Ein zu bedachtsames Vorgehen? Laimer wehrt sich gegen Verallgemeinerung: Man müsse immer aufpassen mit der Verbindung zum Verein. Den kostet das Geschehen dennoch: Musste man früher mit einem Security pro 24 Fans kalkulieren, so waren es zuletzt gegen Austria Wien 160 für 5500 Gäste (25.000 Euro Kosten). Eine Garantie für gewaltfreie Fußball-Wochenenden sei das allerdings nicht. Zumeist würden sich, so Laimer, gewaltbereite Fans außerhalb der Stadien treffen. „Und wenn wir vom Verein uns mit den Anhängern treffen, dann sind sie selten dabei."

Nächster Fan-Tumult in Ennsdorf

Am Bahnhof in Ennsdorf (Bezirk Amstetten) ist es Freitagnacht zu Ausschreitungen gekommen. Nach dem Match der Zweitliga-Vereine Blau-Weiß Linz und Vorwärts Steyr hatte ein Zug mit etwa 50 heimreisenden Steyr-Fans in Ennsdorf gehalten. Dort wurden sie gegen 23 Uhr von rund 30 Anhängern der Linzer erwartet.

Die teilweise maskierten Hooligans sollen laut Augenzeugen gegen den Zug getrommelt und eine Rauchbombe geworfen haben. Die Steyr-Fans stiegen daraufhin aus dem Zug, und es kam zu einer Schlägerei. Augenzeugen sprachen von mehreren Verletzten, am Boden liegenden und blutenden Personen. Als die ersten Polizeistreifen eintrafen, waren die Tumulte bereits vorbei. (APA)