Letztes Update am Mi, 05.12.2018 11:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Israel-Teamchef Herzog: „Politik? Da halte ich mich raus“

Andreas Herzog, Österreichs Rekordnationalspieler, coacht seit August Israel. Der 50-jährige Wiener sprach im Interview mit der TT über die neue Fußball-Welt.

© imagoAndreas Herzog hat mit Israels Nationalmannschaft große Ziele.



Seit August sind Sie Nationaltrainer Israels. Wie geht es Ihnen nach den ersten Monaten bei Ihrem neuen Arbeitgeber?

Andreas Herzog: Es macht viel Spaß! Durch die Siege in der Nations League, in der wir fast die Gruppe gewonnen hätten, entstand eine gewisse Euphorie. Das Land war ja zuletzt nicht mit Erfolgen gesegnet. Und durch die Vorgeschichte macht es die Sache auch zu etwas Besonderem (Herzog verhinderte mit seinem Siegtor die WM-Teilnahme Israels im Jahr 2002, Anm.).

Welches Image haben Sie in den Medien? Hat man schon einen Spitznamen für Sie gefunden?

Herzog: Ich kann kein Hebräisch, deshalb kann ich das auch nicht verfolgen (lacht).

Der Reiz, Israel zu coachen, war aber offensichtlich gegeben.

Herzog: Ich will etwas bewegen, etwas weiterentwickeln. Und eine neue Kultur kennen zu lernen, ist auch etwas Besonderes für mich.

Der politische Aspekt schwingt immer mit, wenn es um Österreich und Israel geht. Allein die österreichische Regierungskonstellation bietet Stoff für Diskussionen.

Herzog: Na ja, ich halte mich da raus, ich bin der Teamchef. Aber natürlich gibt es das Thema, aber das gibt es auch, wenn du anderswo hinkommst.

Gilt das etwa für das Thema Sicherheit? Israel hat geopolitisch durchaus einen besonderen Status.

Herzog: Über Sicherheit darf man allgemein nicht zu viel nachdenken, bei Auswärtsspielen sind 15 bis 20 Leute vom Geheimdienst mit. Aber das war nicht anders in meiner Zeit in den USA.

Wirkt sich die brisante innenpolitische Situation auch aufs Nationalteam aus?

Herzog: Die Mischung aus Juden und Arabern ist ein großes Thema. Zuletzt waren fünf Araber und sechs Juden in der Startaufstellung, so knapp war das Verhältnis noch nie, ich wusste das gar nicht. Wenn ich nun den einen ein- und den anderen ausgewechselt hätte, dann wäre es möglicherweise zu Diskussionen gekommen.

Steckbrief von Andreas Herzog

geb. 10. September 1968 in Wien;

verheiratet mit Katharina, Söhne Luca und Louis;

Wohnort: Breitenfurt (NÖ).

Als Spieler u. a. bei Rapid, Bayern (UEFA-Cup-Sieg 1996), Bremen (Meister 1993, Cupsieger 1994, 1999); 61 Tore in 103 ÖFB-Länderspielen (Rekord), 2 WM-Teilnahmen.

Als Trainer ÖFB-Assistent und U21-Teamchef, Co-Trainer von Jürgen Klinsmann beim US-Nationalteam mit der WM-Teilnahme 2014 in Brasilien.

Wie reagierten Sie darauf?

Herzog: Ich sagte: „Für mich hat das keine Bedeutung, ich bin der Trainer, ich stelle auf.“ Ich will nur, dass sich die Spieler respektieren. Der Zusammenhalt ist da, das ist für mich das Wichtigste.

Sie wurden mit Österreich kürzlich in eine EM-Qualifikationsgruppe für 2020 gelost. Welche Gefühle kamen in Ihnen hoch, zumal Sie ja als potenzieller ÖFB-Teamchef keine Zustimmung gefunden hatten?

Herzog: Genugtuung war es keine, auch wenn ich das eine oder andere Mal enttäuscht war, dass ich nicht drangekommen bin. Mir ist es jedenfalls recht, weil ich gegen ein Land spiele, von dem ich die Spieler kenne, das Los ist sicher besser als gegen Bosnien oder die Ukraine, es freut mich.

Ein Spieler des FC Wacker Innsbruck scheint derzeit nicht im Aufgebot von ÖFB-Teamchef Franco Foda auf. Wie beurteilen Sie das Auftreten der Tiroler in Österreichs höchster Liga?

Herzog: Wenn das Geld nicht vorhanden ist, dann ist es schwer, etwas aufzubauen. Die Mannschaft hat sicher ein gewisses Potenzial, das sah man gleich zu Beginn im Spiel gegen die Wiener Aus­tria (1:2, Anm.).

Aber früher hatte man wohl mehr Respekt als Gast am Tivoli.

Herzog: Man kann die Mannschaft nicht mit den Glanzzeiten vergleichen, aber Innsbruck bleibt eine Fußballstadt mit Tradition. Und wenn sich das so weiterentwickelt, hat Tirol mit Wattens schon bald den nächsten Verein ganz oben.

Das Gespräch führte Florian Madl