Letztes Update am Fr, 04.01.2019 11:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Anfang: „Nur ein glücklicher Arbeiter ist ein guter Arbeiter“

Im Rahmen des Legendentreffens stand Ex-FC-Tirol-Regisseur Markus Anfang der TT Rede und Antwort. Der 44-jährige Trainer des 1. FC Köln spricht über mentale Stärke, die Lust am Spiel und Karneval.

Machte im Innsbrucker „Leipziger Hof“ ganz klare Ansagen - Markus Anfang, Trainer des 1. FC Köln.

© Michael KristenMachte im Innsbrucker „Leipziger Hof“ ganz klare Ansagen - Markus Anfang, Trainer des 1. FC Köln.



Wie gut tun Ihnen ein paar Tage Urlaub in Tirol?

Markus Anfang: Sehr gut, es gibt viele positive Erinnerungen. Meine älteste Tochter Marie, die im Februar 18 wird, kam ja in Innsbruck auf die Welt. Ich treffe mich immer mit Freunden und bin jetzt auf der Seegrube erstmals auf Brettern gestanden. Das war aber schwierig, weil mein Knie das nicht mehr mitmacht.

Wie versuchen Sie sich sonst im stressigen Trainer-Alltag zu entspannen?

Anfang: Ich versuche regelmäßig laufen zu gehen, aber länger als 30–40 Minuten geht nicht mehr. Mein Knie habe ich mir in meiner Zeit in Innsbruck ruiniert. Ansonsten hat man nicht so viele Möglichkeiten, um abzuschalten, meistens sind wir schon morgens im Büro. Natürlich versuche ich auch Zeit mit der Familie zu verbringen. Am Freitag ist Trainingsauftakt (heute, Anm.) – deshalb geht es auch schon jetzt am Telefon wieder rund (lacht).

Wie groß war der Sprung von Kiel zu Köln?

Anfang: Die Vereine sind alleine schon im Hinblick auf Tradition schwer zu vergleichen. Der 1. FC Köln ist ein richtig großer Klub. Als ich nach fünf, sechs Spieltagen zu Kiel in Liga drei gekommen bin, war aber auch der klare Auftrag vom Aufstieg da. Schön, dass es geklappt hat und wir erst in der Relegation am Durchmarsch in die Bundesliga gescheitert sind.

In Köln erwartet jeder den sofortigen Wiederaufstieg?

Wacker-II-Coach Thommy Grumser (r.) hospitierte im Dezember in Köln bei Markus Anfang.
Wacker-II-Coach Thommy Grumser (r.) hospitierte im Dezember in Köln bei Markus Anfang.
- imago

Anfang: Natürlich ist es hier etwas ganz anderes und für mich als gebürtigen Kölner auch etwas ganz Besonderes. Aber es hat schon gedauert, nachdem die Mannschaft mit nur 22 Punkten aus der Bundesliga abgestiegen ist. Die Mannschaft zu übernehmen und sie als Favorit durch die 2. Liga zu führen, ist eine große Herausforderung.

… die im Herbst als Tabellenzweiter gelungen ist?

Anfang: Schon, aber es hat gedauert. Im Vorjahr gingen die Spieler raus, um nicht zu verlieren. Wir mussten erst wieder verinnerlichen, dass wir rausgehen, um zu gewinnen. Das ist ein Riesenunterschied, der im Kopf erst verankert werden muss.

Folglich war viel mentale Arbeit gefragt.

Anfang: Sehr viel, es ging darum, wieder Erfolgserlebnisse zu haben, sie auszukosten und daraus Stärke zu beziehen. Es soll sich wieder ein Selbstverständnis entwickeln, Spiele so anzugehen, um sie zu gewinnen.

Ein Wort zum Mythos Köln mit Karneval und Co.

Anfang: Das ist normal bei uns, der Karneval gehört als fünfte Jahreszeit dazu und den lebt man – unabhängig davon, wie es sportlich gerade läuft. Wenn du das in Köln nicht lebst, hast du was falsch gemacht.

Wie lustig darf es bei Ihnen generell in der Kabine und am Platz sein?

Anfang: Es muss immer Spaß machen. Das ist auch das Wichtigste am Fußball. Dieser Druck, der oft auf den Spielern lastet und der sie einschnürt, ist das größte Problem. Die meiste Qualität bekommst du von den Spielern, die mit Spaß dabei sind. Das ist ja in der Gesellschaft generell so: Nur ein glücklicher Arbeiter ist ein guter Arbeiter.

Worauf legen Sie als Trainer besonders Wert?

Anfang: Dass Spieler Grenzen und Regeln kennen und einhalten und dass sie sich darüber hinaus mit Spaß frei entfalten können. Ich finde es schon wichtig, dass jeder gerne zum Training kommt, gerne spielt und Bock darauf hat, ins Stadion einzulaufen und das Spiel zu gewinnen.

Tendieren Sie eher mehr zu Klopp oder zu Guardiola?

Anfang: Beide sind überragend! Aber sorry, es wäre vermessen, sich mit diesen Typen zu vergleichen. Jeder hat seine eigene Art und seine Idee, wie er Fußball spielen lässt. Ich habe sehr gerne den Ball und laufe nicht gerne hinterher. Ich bestimme gerne, was auf dem Spielfeld passiert. Ich habe mich schon als Spieler geärgert, wenn der Ball, auch von den eigenen Mitspielern, an mir vorbeigespielt wurde.Sie hatten in Leverkusens U17 auch einen DFB-Teamspieler wie Kai Havertz unter Ihren Fittichen.

Wird jungen Spielern im Nachwuchs nicht zu oft durch zu viele Anweisungen die Individualität geraubt?

Anfang: Natürlich muss es mannschaftstaktisch klare Regeln im Spiel gegen den Ball und mit dem Ball geben, es braucht aber auch Freiheiten. Ich sage immer: Der schlimmste Fehler ist der Unterlassungsfehler, also nichts zu machen und vielleicht im System mitschwimmen zu wollen. Man braucht Spieler, die entscheidungsstark sind. So wie wir damals beim FC Tirol. Und heute sind viele von uns in Führungspositionen.

Hätte der Trainer Anfang Freude mit dem Spieler Markus Anfang gehabt?

Anfang: Ich war als Spieler schon sehr verbissen und unangenehm, weil ich Sachen im Kopf hatte, die ich unbedingt durchsetzen wollte. Wenn ich jetzt als Trainer sehe, dass ein Spieler unbedingt will, ist es sehr angenehm, ihn zu leiten, auch wenn er Ecken und Kanten hat. Schwieriger sind Spieler, die eine super Qualität, aber wenig Mentalität haben. Mentalität hatte ich als Spieler sehr viel.

Das letzte Match 2018 gegen Bochum ging verloren. Was macht die 2. deutsche Liga so schwer?

Anfang: Es gibt viele Spieler, die in der Bundesliga spielen könn(t)en, aber es nicht tun, weil ihnen beispielsweise die Konstanz fehlt.

Und der Tiroler Lukas Hinterseer hat zweimal gegen Köln getroffen?

Anfang: Er ist ein Spieler, der im Strafraum immer wieder Torgefahr ausstrahlt und aus Situationen, wo du glaubst, es passiert nichts mehr, doch etwas Gefährliches macht.

Zurück zu Ihrer Person. Gibt’s einen Masterplan?

Anfang: Nein, ich habe zuerst eine Amateurmannschaft trainiert, mit der ich aufgestiegen bin. Dann habe ich meinen Fußballlehrer (= UEFA-Pro-Lizenz) abgeschlossen und bin in Leverkusen in professionelle Strukturen eingestiegen. Ich glaube, dass es wichtig ist, von Grund auf kennen zu lernen, wie das Trainergeschäft funktioniert. Ich musste im Amateurbereich von Flutlicht-Einschalten bis Anlage-Abschließen alles machen.

Steckbrief Markus Anfang

Markus Anfang geb. am 12. 6. 1974; Vater zweier Töchter Marie (17), Luisa (15).

Stationen als Spieler: Bayer Leverkusen (1994—95), Fortuna Düsseldorf (95—97), Schalke (97—98), FC Tirol (1998—2002), 1. FC Kaiserslautern (2002—04), Cottbus (2004), MSV Duisburg (04—06), Düsseldorf (06—08), FC Wacker IBK (2008—09), Eintracht Trier (09—10).

Stationen als Trainer: SC Kapellen-Erft (2010—12), Bayer Leverkusen U17 (2013—16), Holstein Kiel (2016—18/Aufstieg in 2. Liga 2017), 1. FC Köln (seit 2018).

Sie lassen also alles auf sich zukommen?

Anfang: Ich lasse alles auf mich wirken, aber am meisten habe ich unter vielen guten Trainern und Kollegen als Spieler gelernt. Ich war immer für Trainer, die es dir geradeheraus sagen. Das hat mir gut getan. So gehe ich im Prinzip auch mit meinen Spielern um. Das Wichtigste ist die Menschenführung.

Das Gespräch führte Alex Gruber