Letztes Update am Mi, 05.06.2019 09:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


EM-Quali

Herzog im TT-Interview: „Religion spielt bei meiner Auswahl keine Rolle“

Als israelischer Fußball-Teamchef und Gruppengegner Österreichs in der EM-Quali steckt Andreas Herzog in einer pikanten Rolle. Der 50-jährige ÖFB-Rekordinternationale blickt weit über den Tellerrand hinaus.

Andreas Herzog fühlt sich als Israel-Teamchef pudelwohl. Das Thema ÖFB hat der Rekord-Internationale vorerst ad acta gelegt.

© gepaAndreas Herzog fühlt sich als Israel-Teamchef pudelwohl. Das Thema ÖFB hat der Rekord-Internationale vorerst ad acta gelegt.



Grassau am Chiemsee – In wunderschöner bayerischer Umgebung – Tirols Tausendsassa Ralph Schader organisierte das Camp – bereitete sich die israelische Nationalmannschaft auf die beiden kommenden EM-Qualifikations-Spiele vor. Österreichs Rekordinternationaler Andreas Herzog nahm sich für die TT gut gelaunt Zeit.

Beginnen wir sportlich: Wie vorentscheidend sind die zwei Auswärtsspiele in Lettland und Polen?

Andreas Herzog: In einer Quali ist jedes Spiel wichtig. Wir hatten mit vier Punkten aus den ersten zwei Heimspielen einen guten Auftakt. Natürlich hatten wir in den entscheidenden Phasen gegen Slowenien und Österreich auch Glück, aber als 84. der FIFA-Weltrangliste sind wir Außenseiter in dieser Gruppe. Es liegt noch ein weiter Weg vor uns, vor alle­m das Spiel in Lettland wird richtungsweisend. Wir wollen drei Punkte aus den zwei Partien mitnehmen.

Mit Munas Dabbur fällt Ihr Top-Stürmer wegen einer Hochzeit aus?

Nach den jüngsten Erfolgen mit Israel bin ich wieder modern. Und wenn wir zweimal verlieren, heißt es: „Der hat eh nix drauf.“ Von so etwas lasse ich mich nicht beeinflussen.
Andreas Herzog, Israel-Teamchef

Herzog: Wir haben mehrere sehr gute Stürmer, das Duo Zahavi/Dabbur hat halt in den letzten Spielen sehr gut funktioniert. Ich kann es noch immer nicht richtig verstehen, dass Munas nicht dabei ist, aber will auch nicht so viel darüber reden. Ich arbeite mit denen, die da sind, und versuche, Lösungen für das Lettland-Match zu finden. Wir und auch Munas haben versucht, es zu ändern, aber die Hochzeit ist schon sehr lange geplant. In so einer wichtigen Phase hat man an so einer Absage schwer zu schlucken.

Sie wurden unlängst als „Brückenbauer“ bezeichnet, weil Moslems und Juden unter Ihnen vereint erfolgreich in Israels Team agieren.

Herzog: Die Religion spielt bei meiner Auswahl keine Rolle. Ich will einfach die für mich richtigen Spieler aussuchen. Umso schöner ist es jetzt, dass man durch die Erfolge sieht: Araber und Juden haben einen super Zusammenhalt in unserem Team. Vielleicht ist das ein Vorbild für das ganze Land. Ohne Zusammengehörigkeitsgefühl und Teamspirit hast du als Außenseiter sowieso keine Chance.

Inwieweit haben Sie sich in Israel neu orientieren müssen?

Herzog: Komplett, und am Anfang bin ich auch nicht gefeiert worden, aber das habe ich mir auch nicht erwartet (schmunzelt). Mittlerweile hat sich die Stimmung gedreht. Natürlich nehme ich bei den Spielern auf besondere Anläss­e in Verbindung mit Religion oder Tradition Rücksicht. Dafür müssen sie meine sportlichen Vorgaben erfüllen.

Sie waren als Spieler in Deutschland, U21-Teamchef in Österreich, lange Zeit auch in den USA (Co-Trainer A-Team, Chef U21). Als Profi ist man Weltbürger.

Herzog: Neue Erfahrungen haben mich immer gereizt. Ich habe die weite Fußballwelt gebraucht. In dieser Hinsicht wünsche ich solche Erfahrungen auch meinen Spielern, die sich durch gute Leistungen international interessant machen können. Das würde wie beim ÖFB auch unserem Team helfen. Auf jeden Fall wollen Willi Ruttensteiner (Sportdirektor) und ich in Israel auch in der Nachwuchsförderung was bewegen.

Stichwort Sicherheit: Ihre Söhne Luca (11) und Louis (8) müssen keine Angst um den Papa haben?

Im lebhaften Austausch: Herzog, TT-Redakteur Alex Gruber.
Im lebhaften Austausch: Herzog, TT-Redakteur Alex Gruber.
- Schader

Herzog: Nein. Natürlich hört man von Raketenangriffen, ich bekomme das am Rande mit. Aber ich hatte noch keine Sekunde Angst. Und mit Sicherheitsdiensten hatte ich schon in meiner Zeit in Amerika zu tun.

Zurück auf den Rasen. Nach einer sehr langen Saison sind diese Länderspiel-Termine im Juni für Teamtrainer schwer zu managen.

Herzog: Ja! Israel hat seit 2011 kein Spiel im Juni gewonnen. Das sagt viel aus und deswegen wollten wir diese spezielle Vorbereitung. Wenn man die Spieler von Maccabi Haifa als Beispiel nimmt: Die hatten am 25. Mai Saisonende, dann habe ich sie einberufen und Mitte Juni fangen sie schon wieder mit dem Klubtraining wegen der Europacup-Quali an. Zudem spielt man in Israel im Winter durch. Das ist Wahnsinn! Es wird immer mehr von den Spielern verlangt.

Wirkt der 4:2-Sieg gegen Österreich noch nach?

Herzog: Es war schon ein besonderer Sieg, den ich auch nicht überthematisieren wollte. Aber ehrlich: Ich habe in der Nacht danach nicht schlafen können, habe mir von drei bis fünf Uhr das Video vom Match angeschaut und war um sieben schon wieder munter. Der Adrenalinspiegel war schon höher.

Dieses 2:4 hat Österreich schwer unter Druck gesetzt.

Herzog: Sie sind für mich hinter Polen immer noch der Favorit auf Platz zwei, wenngleich es bis zum Schluss eng bleiben wird.

In der aktuellen Besetzung sollte die ÖFB-Auswahl aber einen Platz unter den ersten zwei lösen?

Steckbrief Andreas Herzog

Privates:

Geburtsdatum: 10. September 1968

Geburtsort: Wien

Familienstand: verheiratet mit Katharina, Söhne Luca und Louis

Wohnort: Breitenfurt/Niederösterreich

Laufbahn als Spieler:

1974 - 1983: Admira Wacker; 1984 - 1987: Rapid; 1988: Vienna; 1988 - 1992: Rapid; 1992 - 1995: Werder Bremen; 1995 - 1996: Bayern München; 1996 - 2001: Werder Bremen; 2002 - 2003: Rapid; 2004: Los Angeles Galaxy

Erfolge als Spieler:

1993: Meister mit Bremen; 1994, 1999: Cupsieger mit Bremen; 1993, 1994: Supercup-Sieger mit Bremen; 1996: UEFA-Cup-Sieger mit Bayern;

103 ÖFB-Länderspiele (Rekord-Internatonaler), 26 Tore

Laufbahn als Betreuer:

- Mitglied des ÖFB-Trainerstabes in den WM-Qualifikationsspielen gegen England und Nordirland im Oktober 2005

- 1. Jänner 2006 - Ende Juni 2008: Assistent von Teamchef Josef Hickersberger mit Teilnahme an der Heim-EM 2008

- Sommer 2008 bis März 2009: Assistent von Teamchef Karel Brückner

- März 2009 bis 16. Dezember 2011: ÖFB-U21-Teamchef

- Dezember 2011 bis November 2016: Co-Trainer von Jürgen Klinsmann beim US-Nationalteam mit WM-2014-Teilnahme

- Seit August 2018: Teamchef in Israel

Herzog: Es hat sicher schon schwerere Gruppen gegeben.

Stichwort Arnautovic.

Herzog: Er hat Wucht, ist technisch extrem stark und hat einen Antritt. Normalerweise müsste er mit seinem Potenzial nicht bei West Ham, sondern bei Arsenal oder Liverpool spielen. Aber mit 30 wird man oft schon anders gesehen. Ich freue mich auf jeden Fall immer, wenn Ex-Schützlinge vom U21-Team (z. B. Alaba, Baumgartlinger, Ilsanker) international aufzeigen.

Blicken wir in die Zukunft. Würden Sie den Job als ÖFB-Teamchef ausschlagen, wenn er Ihnen wirklich angeboten würde?

Herzog: So weit wie jetzt in Israel war ich nie weg. Natürlich kann man so was nicht kategorisch verneinen. Ich war 3- bis 4-mal kurz davor und ich bin es nicht geworden. Jetzt sehe ich das gelassener: Wenn’s sein soll, ja. Wenn’s nicht sein soll, ist es auch kein Problem.

Die Platte ÖFB und Andi H. wird halt gerne aufgelegt.

Herzog: Nach den jüngsten Erfolgen mit Israel bin ich wieder modern. Und wenn wir zweimal verlieren, heißt es: „Der hat eh nix drauf.“ Von so etwas lasse ich mich nicht beeinflussen.

Stichwort modern: Sie waren als Spielmacher ein intuitiver Typ. Heute wird gerne vom Laptop-Trainer gesprochen. Wo ordnen Sie sich ein?

Herzog: Man muss sich als Trainer immer weiterentwickeln und trotzdem ist das Bauchgefühl für mich immer noch das Wichtigste. Andere Trainer, die nicht so eine Karriere hatten, müssen sich anders hocharbeiten, und dafür gibt es viele gute Beispiele. Ich bin aber der Meinung, dass die aktive Karriere auch im Dialog mit den Spielern von Vorteil ist. Ich schaue schon auf Statistiken, aber auf mein Auge verlasse ich mich mehr. Und noch was: Heutzutage brauchst du ein richtig gutes Betreuerteam – sonst hast du keine Chance.

Wie wäre es dem Fußballer Herzog in den heutigen Systemen gegangen?

Herzog: Da diskutieren wir viel darüber und ich glaube: sehr gut. Früher habe ich bei Ballverlusten ja wie ein Trottel 60 Meter zurückrennen müssen. Aber heute im engen Block werden die Bälle im Sprint oft wieder viel früher erobert.

Aber wenn Ihnen dauernd als „Systemspieler“ die Laufwege vorgegeben werden?

Herzog: Mit dem wächst man auf, aber wir reden auch über Kreativität. Es muss schon einen Grund haben, warum die Kinder in Afrika und Brasilien anders Fußball spielen wie unsere in Mitteleuropa, wo man von klein auf hört: „Spiel ab!“ Oder: „Tu dies oder das!“ Die Klasse eines Spielers zeichnet sich ja dadurch aus, aus der eigenen Erfahrung Situationen lösen zu können.

Hat es im österreichischen Fußball je einen besseren Linksfuß als Sie gegeben?

Herzog: Das weiß ich nicht und da will ich mich nicht vergleichen. Aber du kannst ruhig schreiben, dass ich sicher den besseren Linken und auch schöneren Kopf als Toni Polster habe (lacht).

Ein Wort zum Tiroler Fußball. Wacker ist ab-, Wattens in die Bundesliga aufgestiegen. Wie man hört, schreiben Sie WSG-Präsidentin Diana Langes-Swarovski ab und zu ein Glückwunsch-SMS?

Herzog: Ich habe sie bei Auslosungen kennen gelernt und von ihren ehrgeizigen Zielen gehört, die jetzt super gelungen sind. Dafür möchte ich ihr und Wattens gratulieren. Auf der anderen Seite tut es mir für Wacker leid – die gehören mit dem Stadion und der Tradition in die Bundesliga. Ich hoffe, es lässt sich wieder ein Geldgeber finden.

Das Gespräch führte Alex Gruber