Letztes Update am Di, 30.07.2019 19:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Krankl: „Der einzige Riese in Österreich ist Salzburg“

Österreichs Goleador Hans Krankl (66) erhob bei einer Fußball-Gala in Wels nicht nur als Sänger seine Stimme. Er sprach mit der TT über Udo Jürgens, die Nordkette, den Rapid-Geist oder Hollywood beim FC Barcelona.

Macht im Hawaii-Hemd mit 66 Jahren eine gute Figur - Österreichs Fußball-Legende Hans Krankl.

© gepaMacht im Hawaii-Hemd mit 66 Jahren eine gute Figur - Österreichs Fußball-Legende Hans Krankl.



Sie sind hier in Wels bei der Fußballgala wieder als Sänger in Erscheinung getreten. Wie viel Spaß macht Ihnen die Musik?

Hans Krankl: Das (die Band Monti Beton, Anm.) sind seit 20 Jahren meine Freunde und Profis. Musik war immer meine zweite Leidenschaft neben dem Fußball. Wir hatten in Wels ein schwieriges Publikum zu bespielen, aber am Ende war wieder Tohuwabohu. Wir haben es wieder geschafft, die Geister zu wecken. Jetzt im Alter lebe ich die Musik so richtig aus. Wir spielen so 15- bis 20-mal im Jahr.

Sie haben passend zu Ihrem Alter den Udo-Jürgens-Klassiker „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ gesungen. Was steht an?

Krankl: Udo Jürgens war ja nicht nur ein großer Musiker und Künstler, sondern allgemein sehr gescheit. Er hat Recht. Und ich sing’s ihm so nach.

Was passiert mit 66?

Krankl (schmunzelt): Gar nix – nein, ich fühle mich gut und es soll so bleiben. Über 50 und jetzt in diesem Alter muss man auf seine Gesundheit schauen. Das ist das Wichtigste und unser größtes Gut. Alles andere muss sich ergeben.

Stichwort Fußball: Sie sind Sky-Experte und Kolumnist bei einer Zeitung, waren vor Jahren auch im Rapid-Präsidium im Gespräch.

Krankl: Na ja, das mit Rapid, das ist nicht meine Partie, das geht nicht. Da brauchen wir nicht mehr darüber zu reden. Der Trainerjob ist für mich nach meiner Tätigkeit beim Nationalteam (2002–05) und dann beim LASK (2009) sowieso schon viel länger erledigt, und Sportdirektor? Ich weiß nicht. Heute werden alle, die früher Trainer waren, Sportdirektor. Da hat man die noch größere Verantwortung. Ich bin so, wie es ist, als Sky-Experte und Kolumnist zufrieden. Manchmal muss ich kritisch berichten, das passt auch nicht jedem, aber das ist mir wurscht.

Stichwort österreichische Bundesliga und Wiener Großklubs. Sind Rapid und Austria national gesehen überhaupt noch so etwas wie „schlafende Riesen“?

Krankl: Riesen sind beide schon länger nicht mehr. Der einzige Riese ist Salzburg, alle anderen sind weit davon entfernt. Das hat man am ersten Bundesliga-Spieltag am Wochenende ja wieder gesehen.

Sowohl Rapid mit Sportdirektor Zoran Barisic als auch die Austria mit Neo-Sportvorstand Peter Stöger haben wieder Vereinslegenden installiert. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Krankl: Ich finde das gut, das waren ja alles meine Spieler. Und ich habe alle gern. Ich bevorzuge österreichische Lösungen. Was die Austria mit Peter Stöger gemacht hat, war sicher der beste Zug, den sie machen konnten – ob es besser wird, weiß ich nicht. Aber er ist das Beste, was der Austria passieren kann. Und für Rapid ist es sehr gut, endlich einmal Leute wie Didi Kühbauer und Zoki Barisic engagiert zu haben, denn die haben Rapid-Blut in sich. Den Rapid-Geist kann ungeachtet der sportlichen Qualität nur einer vermitteln, der ihn wirklich selbst hat. Die Frage ist, wie lange sie Zeit bekommen werden.

Früher marschierten nicht nur Rapid und die Austria mit vielen Legenden auf. Schmerzt der Blick, dass sich die Profile vieler heimischer Klubs in dieser Hinsicht möglicherweise nach unten entwickelt haben?

Krankl: Wir sind grundsätzlich ein kleines Land. Wir sind nicht gesegnet mit so vielen super Spielern und Persönlichkeiten. Ich will aber nicht in Nostalgie schwelgen: Es gibt auch heute sehr viele gute Spieler in Österreich, aber sie sind weniger geworden. Persönlichkeiten wie früher ein Herbert Prohaska oder Heribert Weber an meiner Seite bei Rapid – die sind viel weniger geworden.

Dafür denken viele (junge) Spieler grundsätzlich mehr über alles nach?

Krankl: Es hat schon zu meiner Zeit als Trainer Spieler gegeben, die alles hinterfragen. Aber nicht auf „deppert“, sondern gescheit – warum machen wir das? Wir sind in meinen jungen Jahren, als ich 17 war, bei Gerdi Springer noch durch die Gegend gerannt und haben 200 Liegestütze gemacht, ohne aufzuhören. Da haben die alten Spieler wie meine Idole (Hans Buze¬k, Rudi Flögel) nicht mehr gerade gehen können, solche Schmerzen haben sie gehabt. Jetzt ist es im (Welt-)Fußball teils so, dass es durch das viele Geld, dass die Spieler verdienen, sehr schwer ist, einzelne und eine Mannschaft zu führen.

Die Ausbildung – Stichwort Akademien – ist großteils aber sehr gut?

Krankl: Die Ausbildungen sind großteils sehr gut. Es werden aber Spieler – wie Roboter kann man nicht sagen – gezüchtet für ein 4-4-2, 4-3-3 oder 3-5-2. Das ist nicht immer gut, da passieren im kleineren Rahmen viele Fehler. Die Holländer zeigen das seit vielen, vielen Jahren mit flexibleren Lösungen besser vor. Wie viele Spieler gibt es bei uns in der Bundesliga, die offensiv 1:1-Situationen im Dribbling im letzten Drittel lösen können? Das sind bei jedem Verein einer oder zwei, früher waren es sechs, sieben bis acht.

Trotz professioneller Ausbildungen kommt der Faktor Intuition oft zu kurz?

Krankl: So ist das im Training. Es wird aber auch in den Medien viel zu viel über Systeme gesprochen. Systeme, eine Grundordnung und Disziplin, das ist alles in Ordnung. Aber gewinnen – und das sage ich immer – tut der Messi, der Ronaldo, der Ibrahimovic. Und die gewinnen das Match nicht aus der Formation, sondern weil sie ihre Freiheiten ausleben dürfen. Ein System hat noch nie ein Match gewonnen, sondern ein Spieler – sei es auch ein „normaler“ – der sich aus 25 Metern ein Herz nimmt und z. B. genau ins Kreuzeck trifft. Das bleibt immer so.

Sie haben ja im Lauf Ihrer Karriere die Barça-Schule kennen gelernt, die Philosophie eines Jahrhundertfußballers wie Johan Cruyff kennen gelernt. Kommen da auch heute noch Erinnerungen hoch?

Krankl: Das wären Gespräche, an die ich noch oft denke. Ich hätte immer gerne so spielen wollen, wie es seiner Philosophie entsprach. Das geht halt mit dem Material bei Admira nicht. Barcelona ist der größte Klub der Welt. Ich habe zwei Jahre am höchsten Niveau spielen dürfen. Barça ist wie Hollywood für einen Schauspieler, es gibt nichts Besseres als Barcelona und Real Madrid. Was Cruyff dort an Philosophie hineingebracht hat, ist das Wichtigste im Fußball.

Philosophie scheint bei einigen Klubs zu fehlen?

Krankl: Jetzt komme ich wieder zurück. Rapid hat keine Philosophie mehr, das muss man wieder in den Klub bringen. Bei Barç­a spürst du das vom kleinsten Mini¬knabenspieler bis zum Mess¬i. Die leben das, suchen die Trainer danach aus, die Spieler. Der Trainer hat sich der Philosophie des Vereins unterzuordnen, das gibt es bei uns nur in Salzburg.

Ein Blick noch zurück zu Ihrer Zeit als Tirol-Trainer mit den legendären Worten „Die Nordkette muss brennen“.

Krankl: Gewackelt hat sie eh, wenn ich an die Spiele denke gegen La Coruña oder Dinamo Tiflis. Da sind die Leute eine halbe Stunde danach noch nicht aus dem Stadion gegangen und „Sierra Madre“ erklang. Die Zeiten in Tirol und jene bei Austria Salzburg, das war als Spieler noch emotionaler, waren wunderschön. Leider ist in Tirol das mit dem Präsidenten (Verhaftung von Präsident Klaus Mair, Anm.) passiert, sonst wäre ich wohl länger geblieben. Danach hat es nicht mehr geklappt, obwohl wir eine sehr gute Qualität in der Mannschaft hatten. Wenn das nicht so passiert wäre und ich geblieben wäre, bin ich überzeugt, dass wir im zweiten Jahr Meister geworden wären. Da hätte was Großes entstehen können.

Um in Tirol zu bleiben: Der FC Wacker ist in die 2. Liga abgestiegen, stattdessen spielt jetzt die WSG in der Bundesliga im Tivoli¬stadion vor?

Krankl: Zu Tirol helfe ich grundsätzlich immer, weil ich dort war. Das muss eine Niederlage für Wacker sein und das ist nicht lustig, weil ich den Verein gern habe. Aber nochmals, das muss ein Niederschlag für den Wacker sein, dass der kleine Verein in Wattens mit der Frau Präsidentin – die sind so tüchtig und arbeiten sich da hinauf – jetzt vor ihnen liegt.

WSG-Trainer Silberberger war einst in Tirol auch ein Schützling von Ihnen.

Krankl: Rechtes Mittelfeld. Ein naturbelassener Bursch, der marschiert ist. Hut ab vor Wattens. Die Frage ist, ob sie sich in der Liga halten. Der Start gegen die Austria war natürlich tadellos.

Das Gespräch führte Alex Gruber