Letztes Update am Do, 01.08.2019 14:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Bobic: „Aktionismus passiert ja erst eine Viertelstunde vor Schluss“

Eintracht Frankfurt war in der letzten Europa-League-Saison trotz Halbfinal-Aus gegen Chelsea für viele die Mannschaft des Jahres. Was nicht zuletzt an der Cleverness von Sportvorstand Fredi Bobic liegt.

Der Planer des Frankfurter Erfolgs: Sportvorstand Fredi Bobic.

© imago images / ManngoldDer Planer des Frankfurter Erfolgs: Sportvorstand Fredi Bobic.



Wels, Innsbruck – Das Rückspiel in der zweiten Runde der Europa-League-Qualifikation gegen Flora Tallinn sollte am Donnerstag für Eintracht Frankfurt Formsache sein. Der Triumphzug in der Vorsaison sorgt dafür, dass auch gegen den „Zwerg“ aus Lettland 48.000 Fans in die ausverkaufte Arena strömen und neuerlich Europacup-Partys feiern wollen. Zuvor fädelte Bobic noch die Rückkehr von ÖFB-Teamspieler Martin Hinteregger und Sebastian Rohde ein. Beim vorangegangenen Trainingslager in Windischgarsten und einer Fußball-Gala in Wels konnte die TT ungestört mit dem Sportvorstand plaudern.

Man darf ungeachtet einzelner Namen grundsätzlich festhalten, dass in Ihrer Position Hektik am Transfermarkt völlig fehl am Platz ist?

Fredi Bobic: Ja, bis jetzt ist das ein ziemlich normaler Sommer. Wir haben die Mitte erreicht. Jetzt geht’s noch einmal in Schlagdistanz und da kann noch einiges passieren. Nicht nur bei uns, sondern allgemein im Transferfenster. Da musst du ruhig bleiben. Aktionismus passiert ja erst eine Viertelstunde vor Schluss – aber wenn du bis dahin deine Hausaufgaben nicht gemacht hast, dann hast du Fehler gemacht.

Es ist ein bisschen wie beim Pokern. Coolness ist in Ihrem Geschäft gefragt?

Bobic: Ja, weil sich halt viele Sachen hinziehen. Manchmal ist es auch aberwitzig, man fängt irgendwann die Verhandlungen an und kommt nicht zueinander. Dann geht das so über 3 bis 4 Wochen und man kommt genau wieder da raus, wo man angefangen hat – und es klappt doch (könnte auf die Causa Hinteregger mit dem FC Augsburg zutreffen; Anm.). Wenn du hektisch agierst, machst du Fehler.

Erfolg hatte auch seinen Preis. Mit den Transfers von Luka Jovic (um 60 kolportierte Millionen zu Real) und Sebastian Haller (um 40 Mio. zu West Ham) wurde viel verdient, dafür sind es sportlich schmerzhafte Verluste. Wo kann man die Erwartungshaltung für die kommende Saison ansiedeln?

Bobic: Das kann man gar nicht in Tabellenplätze fassen. Wir sind so attraktiv geworden, weil wir eine bestimmte Art haben, Fußball zu spielen. Damit haben wir die Menschen auch international erreicht, das wollen wir wieder. Es geht jetzt um kurzfristige Ziele – das Erreichen der Europa-League-Gruppenphase, einen erfolgreichen Start in den DFB-Pokal und in die Meisterschaft.

Eine Saison ist ja lang. Und durch den Einzug ins Europa-League-Halbfinale fehlte im Bundesliga-Finish 2019 die Kraft?

Bobic: Das ist manchmal der Preis am Ende des Tages, wenn du so etwas geschafft hast. Dafür sind das für immer bleibende Momente, an denen man sich hochziehen kann.

Warum passt Adi Hütter so gut zu Eintracht Frankfurt?

Bobic: Er hat unheimlich viel Erfahrung. Die Art und Weise, wie er mit den Spielern arbeitet, ist sehr angenehm. Er ist methodisch und taktisch überragend und hat das Material, mit dem er genau den Fußball spielen lassen kann, den er will. Er hat das System ein bisschen verändert. Er macht einen guten Job und ich fühle mich bestätigt, dass wir den Richtigen geholt haben.

Was auch der Ruhe bei Frankfurt geschuldet ist, dass man nach dem schwachen Start letzte Saison (u. a. Erstrunden-Aus im Pokal) nicht gleich über den Trainer diskutiert hat?

Bobic: Das weiß er zu schätzen. Außerdem: Wir sind Eintracht Frankfurt und ich kann nicht davon ausgehen, dass wir am Anfang alles wegprügeln, was uns auf dem Weg entgegenkommt.

Wie beurteilen Sie die Flut an ÖFB-Legionären in Liga eins und zwei?

Bobic: Es sind sehr gute Spieler wie sehr gute österreichische Trainer da und das ist doch schön. Es sind im Fußball oft auch so Phasen, die es gibt – wie beispielsweise besondere Jahrgänge bei Spielern.

Sie sind Baujahr 1971, waren Bundesliga-Torschützenkönig wie DFB-Pokalsieger im Dress des VfB Stuttgart im magischen Dreieck mit Balakov und Elber. Mit Deutschland sind Sie Europameister (1996) geworden. Wie beurteilen Sie das Tempo, das der Fußball aufgenommen hat?

Bobic: Um beim Sportlichen zu bleiben: Das Spiel ist schneller geworden, aber nicht unbedingt besser. Man muss immer ein bisschen aufpassen: Durch die hohe Geschwindigkeit passieren viel mehr Fehler. Die Perfektion haben nicht alle Mannschaften, das ist klar. Das war schon bei uns so: Es geht um Fehlerminimierung – wer weniger macht, gewinnt eher Spiele. Die Jungs sind super trainiert, heutzutage Hochleistungsathleten. Wir waren da noch der Typ Straßenfußballer.

Das Gespräch führte Alex Gruber