Letztes Update am Do, 24.10.2019 09:17

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Champions League

Salzburg zahlte bei Heimniederlage gegen Napoli Lehrgeld

Bullen-Coach Jesse Marsch bemängelte die fehlende Erfahrung und die vielen Gegentore seiner Mannschaft. Eine taktische Umstellung auf eine Dreierkette ist denkbar.

Salzburgs Erling Braut Haaland war trotz seiner beiden Treffer nach dem Schlusspfiff bedient.

© APASalzburgs Erling Braut Haaland war trotz seiner beiden Treffer nach dem Schlusspfiff bedient.



Salzburg - Das Champions-League-Spiel am Mittwoch gegen Napoli hat für Red Bull Salzburg eine bittere Lektion bereitgehalten. Auf allerhöchstem Level geht es auch um Routine und Cleverness - und daran mangelte es den "Bullen" bei der 2:3-Heimniederlage gegen den italienischen Vizemeister. "Ich mag meine Mannschaft, aber in diesem Bewerb geht es gegen die besten Teams der Welt", sagte Trainer Jesse Marsch.

Carlo Ancelotti (SSC Napoli) zollte seinem Trainer-Kollegen Jesse Marsch (Red Bull Salzburg) und dessen Team Respekt.
Carlo Ancelotti (SSC Napoli) zollte seinem Trainer-Kollegen Jesse Marsch (Red Bull Salzburg) und dessen Team Respekt.
- APA

Die "Bullen" präsentierten sich gegen Napoli über weite Strecken als ebenbürtige Gegner und glichen zweimal einen Rückstand aus. Dennoch standen sie am Ende mit leeren Händen da, weil sie nicht einmal eine Minute nach dem 2:2 das entscheidende Gegentor kassierten. Marsch konnte seinen Ärger über diese Nachlässigkeit nicht verbergen. "Nach dem 2:2 hätten wir konzentrierter agieren müssen. Es wäre mehr möglich gewesen", meinte der US-Amerikaner.

Vorne hui, hinten pfui

In dieser Situation wurde der Unterschied zwischen Salzburg und Napoli deutlich. "Sie haben einfach mehr Erfahrung", erklärte Marsch. Seine Truppe erzielte in den ersten drei Champions-League-Partien zwar elf Treffer, aber erhielt auch schon neun Gegentore. "Gegen Genk zwei Tore, gegen Liverpool vier Tore, gegen Napoli drei Tore - das ist nicht genug für diesen Bewerb", resümierte der 45-Jährige.

Daher kündigte Marsch an, sich künftig verstärkt dem Thema Defensive zu widmen. "Daran müssen wir arbeiten. Wir müssen schauen, dass wir die beste Verteidigung finden. Vielleicht ist es die Dreierkette", sagte der Coach mit Blick auf das Rückspiel am 5. November in Neapel.

"Wir sind noch am Leben"

Angesichts von vier Punkten Rückstand auf Napoli und drei Zähler auf Liverpool benötigt Salzburg im Stadio San Paolo wohl einen Sieg, um die realistische Chance auf einen Achtelfinal-Einzug zu wahren. Marsch: "Jetzt wird es eine schwierige Aufgabe für uns, aber wir sind noch am Leben. Wir haben noch Hoffnung, weil in der Mannschaft viel Qualität ist, doch wir müssen lernen."

Italienische Pressestimmen:

"Gazzetta dello Sport": "SSC Napoli gewinnt mit Flügeln. Italien brauchte einen pyrotechnischen Auswärtssieg dieser Art, um zu beweisen, dass seine Mannschaften gewinnen können, wenn sie es wollen. Napoli gewinnt im Haus einer gefürchteten und mutigen Mannschaft, so mutig, dass sie manchmal fast unbesonnen erscheint. Salzburg ist ein waghalsiges Team, das von Exzessen lebt. Die Mannschaft greift unermüdlich an, geht aber vor dem eigenen Tor zu viele Risiken ein."
"Corriere dello Sport": "Der Sieg gegen Red Bull Salzburg ist ein Triumph Ancelottis, seiner Logik, seines Talents und seiner Vernunft. Seine Erfahrung ist entscheidend, um die Neapolitaner in der Champions League auf Erfolgskurs zu halten. Salzburg - Neapel ist eine Hymne an die Schönheit des Fußballs in all seinen Phasen, ein Duell mit vielen Gesichtern. Neapel siegt mit Gehirn und Durchsetzungsfähigkeit."
"Tuttosport": "Mertens und Insigne bescheren ihren Fans einen Abend mit unglaublicher Spannung, voller Enthusiasmus, Technik, Taktik und Gehirn. Das Match ist wunderbar, eine Herausforderung ohne Ende, die die Fans beider Seiten begeistert. Ancelotti hat das Achtelfinale in der Hand. Die 'Bullen' sind nie banal, sie setzen die Neapolitaner in einem wahnsinnigen Match unter Druck, bei dem man starke Nerven braucht."
"Corriere della Sera": "Die Neapolitaner spielen die Rolle einer internationalen Mannschaft mit Kraft, Mut und Entschlossenheit. Sie behaupten sich mit einem zynischen Verhalten, wie es nur in einem Champions League-Match geschieht, wenn es keine Alternative zum Sieg gibt. Mertens überragt Maradona und gewinnt im Stadion der 'Bullen', in dem niemand in den letzten 19 Spielen gewonnen hatte."
"La Repubblica": "Mertens schafft ein Tor mehr als Maradona. Mit Napoli langweilt man sich nie. Die Neapolitaner zähmen die 'Bullen' und greifen zum Achtelfinale nach einem Match mit unglaublichem Tempo. Mertens und Lozano suchen nach den Schwachpunkten der Salzburger. Der Mut der Neapolitaner wird belohnt. Salzburg ist es gewohnt, in seinem Stadion auch gegen europäische Mannschaften zu gewinnen. Doch die Neapolitaner haben sich nicht einschüchtern lassen und profitieren von der ersten Pause der Österreicher, um sich durchzusetzen."
"La Stampa": "Red Bull Salzburg dominiert mit der Geschwindigkeit seiner Spieler, solange sie Luft haben. Nicht einmal ein großartiges Tor Mertens' in der ersten Viertelstunde dämpft den Enthusiasmus der 'Bullen', die im Gegenteil ihren Einsatz verdoppeln, sich jedoch gegen einen Mertens in Höchstform nicht behaupten können."

Kapitän Andreas Ulmer kam zu einer ähnlichen Erkenntnis. "Man hat gesehen, dass Top-Mannschaften jeden Fehler bestrafen." Den Einzug in die K.o.-Phase hat der ÖFB-Internationale noch nicht abgeschrieben. "Wir haben noch drei Spiele, und da wollen wir so viele Punkte wie möglich mitnehmen."

Laut Maximilian Wöber hat die Partie in knapp zwei Wochen in Neapel eine entscheidende Bedeutung. "Das wird ein Endspiel." Unachtsamkeiten wie in Wals-Siezenheim dürfe man sich am Vesuv, wo es auch um Revanche für das Achtelfinal-Out in der Europa League im vergangenen März geht, nicht erlauben. "Wir sind eine junge Mannschaft, die in der einen oder anderen Situation übermotiviert ist. Wir müssen eine bessere Mischung zwischen Offensive und Defensive finden", forderte der Wiener.

Eine generelle Abkehr von der stürmischen, offensiv ausgerichteten Spielweise kommt für Wöber nicht infrage. "Wir fühlen uns alle in diesem System wohl, obwohl es sehr intensiv ist", betonte der Verteidiger, gab aber zu bedenken: "Leider bekommen wir zu viele Gegentore."

Trotzdem zeigte sich Wöber mit der Leistung gegen den Serie-A-Vierten nicht unzufrieden. "Es war ein positiver Auftritt, aus dem wir unsere Lehren ziehen werden." Den Beweis dafür können die Salzburger bereits am Sonntag antreten, wenn es nach der ersten Heimniederlage nach 19 Europacup-Partien und insgesamt 71 Pflichtspielen wieder vor eigenem Publikum gegen Rapid geht. Danach stehen vor dem zweiten Duell mit Napoli noch die Auswärtsmatches im Cup gegen Ebreichsdorf und in der Bundesliga gegen Mattersburg auf dem Programm. (APA)

Ein Spiel für die Geschichtsbücher:

Das Duell in der Fußball-Champions-League am Mittwoch zwischen Red Bull Salzburg und SSC Napoli (2:3) war ein Spiel für die Geschichtsbücher. Das lag unter anderem an Erling Haaland - der 19-jährige norwegische Stürmer erzielte beide Tore der "Bullen" und hat damit in seinen ersten drei Partien in der "Königsklasse" sechs Mal getroffen, was vor ihm noch keinem Spieler gelang.

Dadurch führt Haaland, der in dieser Spielzeit in seinen 13 Einsätzen in allen Bewerben 20 Mal scorte, auch die aktuelle Champions-League-Torschützenliste vor Bayern-Star Robert Lewandowski (5) an. Außerdem sorgte der Teenager gemeinsam mit seiner Mannschaft für eine weitere Bestmarke. In den ersten drei Partien der Salzburger in der laufenden Eliteliga-Saison fielen 20 Tore - zuvor hatten Manchester United (1998/99) und Tottenham (2019/20) mit jeweils 18 Treffern den Startrekord inne.

Auch aus Napoli-Sicht nahm das Match in Wals-Siezenheim historische Ausmaße an. Dries Mertens ließ mit seinem Doppelpack Clublegende Diego Maradona um ein Tor hinter sich und hält nun bei 116 Pflichtspiel-Treffern für die Süditaliener. Als Zweitem der ewigen Napoli-Schützenliste fehlen dem 32-jährigen Belgier noch fünf Tore auf Spitzenreiter Marek Hamsik.

Zudem jubelte der Serie-A-Vizemeister über den ersten Champions-League-Auswärtssieg nach acht Versuchen. Das Ende dieser Napoli-Misere brachte auch für Salzburg eine Zäsur: Erstmals nach 71 Bewerbspartien und 19 Europacup-Matches ging Österreichs Serienmeister vor eigenem Publikum wieder als Verlierer vom Platz. Die bisher letzte Heimniederlage setzte es beim 0:1 gegen die Admira am 27. November 2016, auf internationaler Ebene mussten sich die Mozartstädter zuletzt am 20. Oktober 2016 gegen Nizza (0:1) geschlagen geben.