Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 01.06.2015


Sport in Tirol

FC Sans Papiers: Feine Gesten und kleine Anfeindungen

Die Premierensaison des Asylwerbervereins FC Sans Papiers (2. Klasse Mitte) neigt sich dem Ende zu. Warum die Fair-Play-Wertung wichtiger ist als ein Spitzenplatz und nicht jeder Gegner dem Verein wohlgesonnen ist.

© Sans PapiersAuch in der nächsten Saison will Sans Papiers jubeln.



Von Benjamin Kiechl

Innsbruck – „Es ist eine Gratwanderung, man braucht viel Fingerspitzengefühl.“ Die Erzählungen von Amir Habibelahian, dem sportlichen Leiter des FC Sans Papiers, klingen wie eine abenteuerliche Bergtour. Aber er sitzt auf einer Bierbank im Rapoldipark. Zurückgelehnt, von afrikanischer Hintergrundmusik berieselt. Das Fest „Fußball grenzenlos“, organisiert mit der Faninitiative Innsbruck, bietet den Rahmen für einen Rückblick auf das erste Jahr des Asylwerbervereins im Tiroler Fußball-Unterhaus (2. Klasse Mitte).

Kurzum: Es lief nicht alles rund. „Aber das kann es ja auch nicht. Unser Projekt ist langfristig angelegt“, sagt Habibelahian. Aus sportlicher Sicht feierte der kunterbunte Unterhausverein bisher sechs Siege (die Saison läuft noch bis 20. Juni). Platz 11 von 13 Teams zeigt, dass es Luft nach oben gibt. Aber um sportliche Glanzlichter oder gar den Aufstieg gehe es momentan nicht. „Mir wäre lieber, wenn wir die Fair-Play-Wertung gewinnen“, sagt der sportliche Leiter. Von Erfolgsdruck will auch der Trainer nichts wissen. „Es ist ein soziales Projekt“, betont Matthias Zimmerling gebetsmühlenartig. Der ehemalige Spartentrainer des FC Wacker coacht seit ein paar Runden die Mannschaft. Die Spieler hätten Qualität. „Sie müssen noch lernen, sich untereinander zu ergänzen. Sie dribbeln zu viel, aber das ist ihre Mentalität.“ Die Spieler von Zimmerling haben südländisches Blut in ihren Adern, gut 30 Kicker werden in zwei Trainingsgruppen betreut. Das Gros stammt aus Afghanistan (knapp 15), eine Handvoll sind Somalier, ein paar kommen aus dem Iran. Die Mischung passe noch nicht so recht. Ziel seien Leute aus quasi aller Herren Länder. „Die Spieler sollen lernen, miteinander zurechtzukommen. Kurden, Sunniten, Schiiten“, sagt Habibelahian, selbst gebürtiger Iraner. Der Fußball als Friedensprojekt. Ein hehres Ziel. Aber zumindest im Kleinen, in Tirol, soll das Unterfangen gelingen.

Freilich, Sans Papiers hat Schwächen. Man habe zu viele gelbe und rote Karten kassiert. „Die Spieler sind emotional. Sie sind aus ihrer Heimat geflohen, haben private Probleme.“ Verbale Entgleisungen passieren in jedem Spiel des Unterhauses – Sans Papiers ist da keine Ausnahme.

Dass das zusammengewürfelte Team kein Verein wie jeder andere ist, zeigen die Rahmenbedingungen. Der Beselepark bietet für die Heimspiele Unterschlupf. Den weitesten Anfahrtsweg hat ein Asylwerber aus Kufstein, auch aus Imst kommt ein Spieler. „Denen zahlen wir das Zugticket“, sagt Obfrau Angy Eberl. Siegesprämie gibt es bei Sans Papiers keine. Die Anfahrt zum Match erfolgt mit den Öffis, manchmal in Fahrgemeinschaften.

Und wie ist es um die viel zitierte Tiroler Gastfreundschaft bestellt? Habibelahian erinnert sich an eine Partie in Fulp­mes und an eine fein­e Geste. „Dort wurden wir zum Essen eingeladen.“ Aber es gibt auch die Negativ-Erlebnisse. Kleine Anfeindungen, übertriebene Härte am Platz, Beschimpfungen. Und das wohl traurigste Zeugnis für einen Tiroler Trainer: Der verweigerte den Handschlag mit seinem Gegenüber vom FC Sans Papiers. „Das gibt es und das tut im Herzen weh.“ Aber – und dazu sollte auch das Fest im Rapoldipark am Samstag beitragen – Fußball kann Vorurteile aufbrechen. „Es funktioniert nicht von heute auf morgen“, sagt Habibelahian. Ein Fazit, das Hoffnung macht und Zeit erfordert. Getreu einem afrikanischen Sprichwort: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“