Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 25.10.2017


Comeback

Schlierenzauer: “Ich bin ein gebranntes Kind“

Sein Film heißt „Weitergehen“. Für Rekord-Weltcupsieger Gregor Schlierenzauer (27) gilt das im zweifachen Sinne: einmal als Skispringer, einmal als Mensch. Aber der Fulpmer verrät auch, wann er in alte Muster verfällt.

© Für das Comeback arbeitete Gregor Schlierenzauer hart an sich: natürlich sportlich, vor allem aber auch menschlich.



Innsbruck — Einige werden am Dienstagabend bei der Film­premiere in Wien erstaunt gewesen sein, auf der Leinwand tiefe Einblicke in die Psyche von Gregor Schlierenzauer präsentiert bekommen zu haben. Andere werden berührt gewesen sein, weil sie vor ähnlichen persönlichen Problemen stehen oder standen. „Weitergehen" ist eben keine klassische Comeback-Geschichte, sondern zeigt den Reifeprozesses eines Menschen, der mit 16 in den Skisprung-Himmel emporstieg, dem aber durch seine außergewöhnlichen Erfolge keine Zeit blieb, sich selbst zu hinterfragen: bis zu seinem tiefen Fall im Jänner 2016.

Im Jänner 2017 kehrten Sie in den Weltcup zurück. Warum sprechen Sie vom lehrreichsten Winter Ihres Lebens?

Gregor Schlierenzauer: Der größte Schritt in meinem Leben war sicher, die Ski wieder anzuschnallen und mich dem Spitzensport mit voller Hingabe zu widmen. Doch die vergangene Saison mit den ganzen Hochs und Tiefs war speziell lehrreich. Zudem war es die erste Saison, in der der Faktor Verletzung (Kreuzbandriss März 2016 Anm. d. Red.) mitgespielt hat. Es war menschlich auch eine wichtige Saison.

Trotzdem sprechen Sie seit Ihrer Rückkehr von einem Genussprojekt. Warum?

Schlierenzauer: Ich habe wieder mehr Spaß am Skispringen. Ein Spitzensportler mit so extrem viel Erfolg wie ich durchlebt verschiedene Phasen. Am Anfang bist du der Teenager und hast das große Ziel, im Weltcup dabei zu sein. Es ist alles neu und super. Dann wird es anstrengender, an der Spitze zu bleiben. Durch die Erfolge steigt der Anspruch an dich und jener der Öffentlichkeit. Und es kommt der Punkt, an dem es zum Kampf wird. Mittlerweile sehe ich es als Privileg, das Ganze erlebt zu haben.

Warum genau haben Sie wieder Freude?

Schlierenzauer: Der eigene Druck ist weg. Deswegen bin ich nicht weniger erfolgshungrig. Im Gegenteil. Jetzt springe ich nur noch für mich. Und das war nicht immer so. Früher bin ich für den Erfolg gesprungen. Aber Erfolg ist, wie es der Name schon sagt, die Folge daraus. Das muss man lernen. Das ist die Herausforderung, wenn man so viel erreicht hat. Man muss sich wieder darauf besinnen, warum man skispringt: weil es einfach ein geiles Gefühl ist.

Das ist der kindliche Zugang zum Sport ...

Schlierenzauer: Ganz vergleichbar ist es nicht, weil viel mehr Erfahrungen dabei sind als bei einem Kind. Ich bin immer von einem Erfolg zum anderen und nach der Saison war schon das nächste Ziel definiert und es ging wieder weiter. Das Schwierige im Spitzensport ist, gewisse Dinge einmal zu reflektieren und zu sagen: Was ist eigentlich alles passiert? Alles, was auf einen Menschen einprasselt, muss er ja auch einmal verarbeiten. Als junger Athlet umso mehr. Diesbezüglich bin ich ein gebranntes Kind. Es ist Fluch und Segen zugleich.

Und was ist jetzt Segen?

Schlierenzauer: Für mich ist jetzt das Größte, aufzustehen und zu wissen: Ich kann heute mein größtes Potenzial abrufen. Und klar habe ich auch Ziele, auch Platzierungen, aber es geht darüber hinaus. Ich mache mir mittlerweile genauso Gedanken darüber, wo ich in zehn Jahren stehen will. Will ich Familie haben? Will ich einen anderen Job haben? Das sind ja auch Ziele. Damit hat sich mein Spektrum erweitert. Ansonsten siehst du nur Sieg, Sieg und Skispringen. Und wenn du es nicht erreichst, bricht die Welt zusammen und der Druck ist enorm. Denn es geht genau nur noch um diese eine Stecknadel.

Gregro Schlierenzauer bei der Premiere seiner Doku "Weitergehen".
- APA

Vor den Winterspielen 2014 ging es nur um die Stecknadel Olympiasieg, weil Ihnen dieser in Ihrer Erfolgsvita fehlt. Wie gehen Sie jetzt damit um?

Schlierenzauer: Vor Sotschi war es ganz schlimm. Da habe ich alles den fünf Ringen untergeordnet. Der Druck ist dadurch immer größer geworden. Jetzt vor Pyeongchang bin ich relativ relaxed. Ich weiß: Wenn ich am Tag X in Form bin, ist es super. Wenn nicht, geht die Welt nicht unter. Und eine Olympiamedaille wird auch staubig. Aber ich ertappe mich immer wieder, wie ich in alte Muster reinschlittere und denke: Geil wäre es schon, weil es auf dem weißen Blatt der einzige depperte schwarze Fleck ist. Aber das Schönste ist der Weg dahin und nicht die Medaille selbst.

Aus Ihrem Umfeld heißt es, der gereifte Schlierenzauer sei pflegeleichter geworden. Wie sehen Sie das?

Schlierenzauer: Kommt immer auf die Situation an. Früher waren Niederlagen ein Riesenthema für mich. Da stehe ich jetzt drüber und denke mir: ,Okay, es gibt Schlimmeres.' Aber pflegeleicht ist so ein Begriff. Denn was für den einen pflegeleicht ist, ist für den anderen schwierig und umgekehrt. Bei mir hat alles mit unglaublicher Professionalität zu tun. Damit tun sich einige leichter und andere schwerer.

Das Gespräch führte Susann Frank.