Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 07.11.2017


Boxen

Im Clinch mit dem schlechten Ruf

Der Tiroler Box-Coach Joachim Pötschger versucht der Tiroler Szene auf die Sprünge zu helfen. Dabei geht er einen anderen Weg, sieht sich in seiner Heimat aber mit einem Image-Problem des Sports konfrontiert.

© Thomas Boehm / TT



Von Daniel Suckert

Innsbruck – „Wenn du in den USA sagst, dass du Boxer bist, bekommst du Respekt. Hier in Tirol fragt man dich beim selben Satz nach deiner Kindheit. Das Image des Boxsports in Tirol ist leider ganz schlecht“, beginnt Pötschger auszuholen und fügt an: „Man müsste wieder bei null starten.“ Ob das möglich ist, wird sich weisen. Derweilen setzt der Wattener auf zwei deutsche Talente und hofft auf einen erfolgreichen WM-Kampf (25. November, Oberhausen) seines Schwergewichts-Stars Manuel Charr.

Ob Krönung oder nicht – für „Jopo“ stellt der Kampf von Zugpferd Charr in jedem Fall einen Abschluss dar. Der 41-Jährige wird zwar mit dem deutschen Schwergewichts-Boxer mit libanesischem und syrischem Hintergrund weiter trainieren, die Intensität der letzten Jahre wird es aber nicht mehr geben. „Ich habe Manuel nach seinem Bauchschuss versprochen, dass ich ihn zurück in den Ring bringe. Dieses Projekt ist vollbracht“, erklärte Pötschger.

Seine Zeit wird er künftig zwei Jung-Profis widmen. Den deutschen Brüdern Ton­i (24) und James (20) Kraft, beide Junioren-Weltmeister in den Klassen Mittel- und Supermittelgewicht. Kein Projekt für zwischendurch, sondern für die nächsten Jahre. Pötschger: „Am Ende der Reise sollen sich die beiden Brüder den WM-Gürtel um den Bauch schnallen.“

Kein risikofreies Unternehmen. Denn ob sich die jahrelangen Investitionen rentieren oder nicht, weiß man erst am Ende der Reise. Das Geld (ca. 500.000 Euro für zwei Jahre) wird über Sponsoren und einzelne Gönner lukriert – wenn alles nach Plan läuft, werden die bei einem WM-Kampf mit 40 bis 60 % Anteilen beglückt. Wenn es nicht läuft, bleiben am Ende nur lange Gesichter.

Kraft und Ausdauer - zwei unerlässliche Wegbegleiter im Boxsport.
- Thomas Böhm

Damit es funktioniert, hat Pötschger 24 Stunden und 365 Tage seine Hände im Spiel. Die Brüder wohnen in einem eigens eingerichteten Athletenhaus in Rum, stehen das gesamte Jahr über im Trainingszentrum in Telfs (Athletic Camp Austria) und Seefeld auf der Matte. Sechs bis acht Stunden täglich wird geschwitzt, drei bis vier Kämpfe stehen auf dem Jahresplan. Einzig eine Woche Urlaub nach jedem Kampf steht den Brüdern zur freien Verfügung.

Dass das Interesse für den Box-Sport vorhanden wäre, sieht Pötschger jede Woche, wenn Herr und Frau Otto Normalverbraucher einmal in Telfs trainieren dürfen. Von der Hausfrau bis zum Manager ist alles vertreten. Und auch herzlich im Athletic Camp willkommen. Pötschger: „Es gibt niemanden, den wir nicht trainieren würden.“

Auf Amateur-Ebene sieht es derzeit laut „Jopo“ so aus: „Wenn du in einen Tiroler Box-Club gehst, sind von 20 Kämpfer nur zwei Tiroler dabei.“ Alles eine Frage des Images, wenn es nach dem 41-jährigen Coach geht. Der Faustkampf im Ring hat sich zu viele Jahre über die „Bad Boys“ aus der Gosse definiert: „Die wurden medial ins Licht gerückt, auf die springt man sofort an. Die ,braven‘ Kämpfer gehen unter.“

Ob sich daran in den nächsten Jahren etwas ändern könnte, weiß der leidenschaftliche Ex-Boxer, der mit 17 Jahren einen schweren Mountainbike-Unfall erlitten hat, nicht. Dass die Tiroler Vereine eine andere Philosophie als Pötschger und Co. verfolgen, stellt sich als gute Ergänzung dar. „Wir setzen auf einzelne Kämpfer, die wir uns aussuchen und die wir auf die internationale Profi-Ebene bringen wollen. Die Vereine schauen, wer unter den Mitgliedern das mögliche Talent für den Amateur-Bereich mitbringt.“

Und wer weiß, vielleicht lässt sich das ein oder andere heimische Nachwuchstalent ja von Pötschgers Leidenschaft anstecken. Der Kampf im Ring bringe für ihn alles mit – physisch wie auch psychisch. Nirgendwo lerne man mehr über sich selbst als bei zehnmal drei Minuten im Ring.

Zurück auf die große Bühne: Durch den Rücktritt der langjährigen Schwergewichts-Ikone Wladimir Klitschko (UKR) kam kräftig Bewegung auf den Markt. Sogar die bereits ausgemustert geglaubten Briten David Haye oder Tyson Fury schwitzen wieder. Was Weltmeister Anthony Joshua betrifft, glaubt Pötschger an eine große Karriere des Jungen von der Straße.

Ähnliches, nur in einer anderen Gewichtsklasse, wünscht sich Pötschger für seine Kraft-Brüder. Die Voraussetzungen seien gegeben: „Aber im Boxen weiß man nie. Du musst zum Zeitpunkt X voll da sein und selbst dann kann dich ein Lucky Punch ausknocken.“

Ohne Fleiß kein Preis - das Schwitzen für den großen Traum.
- Thomas Böhm



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