Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 04.02.2018


Sportforum

Was machen wir jetzt damit?

Drei Vortragende, drei Stunden, ein Thema. Das Tiroler Sportforum am Freitagabend widmete sich der Vorbeugung sexualisierter Gewalt im Sport.

© Michael KristenMeike Schröer.



Von Max Ischia Innsbruck — Schon die Einladung zum Tiroler Sportforum barg gewissermaßen Klischeehaftes. „Wir sind überzeugt", wurden da die Initiatoren von tiSport und den Tiroler Dachverbänden ASVÖ, ASKÖ und Union zitiert, „dass in unseren Vereinen eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts herrscht und hervorragend gearbeitet wird." Der Sport(-verein) als Stück heile Welt also. Wäre das uneingeschränkt so, hätte man sich das Symposium mit dem Titel „Prävention sexualisierter Gewalt im Sport" sparen können.

Rosa Diketmüller.
- Michael Kristen

So aber standen mit Christa Prets (Verein 100 Prozent Sport), Meike Schröer, Mediatorin und Sportwissenschafterin der Sporthochschule Köln, sowie Rosa Diketmüller, Sportwissenschafterin der Uni Wien und Vorsitzende des Arbeitskreises „Gegen sexualisierte Gewalt im Sport", drei Damen am Rednerpult. Was das Trio da mit Zahlen und Statistiken garniert auftischte, war keine leichte Kost. In vielerlei Hinsicht.

So kompetent, fundiert und verantwortungsvoll in den Vereinen auch gearbeitet wird, die an diesem Abend viel zitierte sexualisierte Gewalt ist oft näher, als man glauben mag — und beschränkt sich freilich nicht auf das (Sport-)Vereinswesen. Es gehe diesbezüglich, wie Meike Schröer ausführte, nicht vordergründig um Sex, vielmehr um eine Verknüpfung aus Lust und Macht. Ein sexistischer Witz, anzügliche Bemerkungen, eine unangemessene Berührung ... Allesamt Grenzverletzungen mit in der Regel fließenden Übergängen in einer — rechtlich betrachtet — „Grauzone".

Christa Prets.
- Michael Kristen

Unter 1799 befragten deutschen Sportlern (aus 128 Sportarten und 57 Sportverbänden) — davon beantworteten 1529 die Fragen zu sexualisierter Gewalt — gaben 37 Prozent an, mindestens ein Ereignis sexualisierter Gewalt erlebt zu haben. Bei drei Prozent davon war es sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt. Blieben also bescheidene 63 Prozent, die keinerlei diesbezügliche Erfahrungen gemacht haben.

„Also", meinte Schröer mit ausgestreckten Armen Richtung Zuhörer, „was machen wir jetzt damit?" Einhelliger Tenor: vorbeugen. Die Kinder und Jugendlichen schützen. Aber wie? Mit zielgerichteten Workshops für Funktionäre, Trainer und Kinder, mit einem im Vereinsvorstand verabschiedeten Ehrenkodex, mit einem verpflichtenden Strafregisterauszug für Trainer/Betreuer, mit einem Verfahrensplan zum Umgang mit Verdachts- bzw. Vorfällen. Richtlinien, die im besten Fall von den Dach- und Fachverbänden vorgegeben und vorangetrieben werden — und Zeit benötigen. Eine zielgerichtete Prävention dauert.

Womit man sofort beginnen kann? Hinhören, hinschauen, ermutigen, wertschätzen, Zivilcourage zeigen und der verbalen Gewalt eine Abfuhr erteilen. Klingt klischeehaft, ist aber so.

Beim schon traditionellen Tiroler Sportforum im Landhaus wurde diesmal schwere Kost aufgetischt.
- Michael Kristen



Kommentieren


Schlagworte