Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 05.06.2018


Rhythmische Gymnastik

Ruprecht: „Unglaublich! Ich weiß nicht, wie das gegangen ist“

Gymnastin Nicol Ruprecht hatte sich beim ersten EM-Training verletzt. Dank russischer Hilfe schaffte sie es an den Start – und war erfolgreich.

© Ulrich FaßbenderTrotz Verletzung im Knöchel fehlerlos geturnt: Am Ende weinte Nicol Ruprecht mit ihrer Trainerin.



Von Sabine Hochschwarzer

Innsbruck – Es ist der Horror jedes Leistungssportlers: Beim ersten Training am EM-Schauplatz in Guadalajara (ESP) war die Rhythmische Gymnastin Nicol Ruprecht auf dem Wettkampfteppich böse umgeknickt. „Nach 20 Sekunden war das Training vorbei“, erzählt die 25-jährige Tirolerin. Rettung, Klinik, Röntgen – zumindest gab es schnell Entwarnung, was ihr­e Knochen betrifft, der Knöchel schwoll dennoch enorm an. „Sie haben mich mit dem Rollstuhl aus dem Krankenhaus geschoben und dann humpelte ich mit Krücken los“, schildert Ruprecht, „Ich dachte: Das war’s jetzt!“

Vier Tage später turnte die in Wien lebende Wörglerin dennoch die beste Europameisterschaft ihrer Karriere, kam im Mehrkampffinale auf Rang 15 und qualifiziert sich als Neunte für die European Games. „Unglaublich, ich weiß immer noch nicht, wie das gegangen ist. Das war mein emotionalster Wettkampf überhaupt!“, strahlt Ruprecht über das ganze Gesicht – trotz schwerer Bänderverletzung, die erst jetzt nach ihrer Rückkehr genau diagnostiziert werden kann.

Ruprechts Glück im Unglück: Alle Teams hatten ihre Verletzung mitbekommen, darunter auch Russlands Star-Trainerin Irina Viner-Usmanova (betreute vier Olympiasiegerinnen), die gleich Unterstützung zusagte. „So was habe ich noch nie erlebt. Die russischen Betreuer haben mich in einem Ausmaß unterstützt, das einfach der Wahnsinn war“, schwärmt Österreichs Nummer eins. Zwei Stunden täglich hätte man sich nur um sie gekümmert, alles probiert, was möglich sei. Obwohl deren Team selbst rund 20 Gymnastinnen zu betreuen hatte.

Mit Schmerztabletten und Tapeverband wagte sich Rup­recht an das Abschlusstraining. Die Drehung auf dem verletzten Bein wurde ersetzt. Ruprecht: „Es ist zwar alles automatisiert, aber plötzlich wusste ich mein Programm nicht mehr. Da lagen einfach die Nerven blank und ich hatte Angst, dass ich es nicht schaffe.“

Am Ende ging alles gut, bestens sogar. Nach fehlerlosen Übungen lag sie als 15. mit Tränen in den Augen in den Armen ihrer weinenden Trainerin Lucia Egermann und auch Konkurrenz-Coach Viner, die auch Europameisterin Arina Averina sowie ihre zweitplatzierte Zwillingsschwester Dina betreut hatte, lobte Ruprecht als Kämpferin. „Das ist wie ein Ritterschlag“, freut sich die Olympia-20. „Ich danke der russischen Teamführung, die für alles Erdenkliche vor Ort vorbereitet war und das Menschenmögliche für mich getan hat.“ Die noch ausstehende Diagnose lächelt sie schon jetzt weg: „Jetzt ist erst mal Pause.“

Nicht das Potenzial auszuschöpfen vermochte hingegen Österreichs Nationalgruppe bei der EM. Dem neu formierten Team mit der 16-jährigen Tirolerin Romana Nagler unterliefen einige Fehler. Es wurde Rang 15.