Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.06.2018


Segeln

Vom Rollstuhl ins Boot und plötzlich Vizemeister

Nach einem Unfall beim Drachenfliegen musste der Milser Mario Graus sein Leben umkrempeln. Dem Spiel mit dem Wind ist er treu geblieben.

© SCTWV AchenseeDer Rollstuhl bleibt am Steg zurück: Mario Graus im Boot.



Von Sabine Hochschwarzer

Innsbruck – „Ich dachte, sie hätten mich vergessen“, erzählt Mario Graus und schmunzelt. In umgekehrter Reihenfolge hatte man bei der Siegerehrung der öster­reichischen Segel-Meisterschaften in Velden die Endplatzierungen vorgelesen. Selbst bei Rang drei war der Name des Milsers immer noch nicht gefallen. Graus wurde schließlich Vizemeister in der Bootsklasse 2.4mR, einem Einmann-Kielboot. „Das war sehr emotional für mich“, beschreibt der 37-Jährige.

Seine Stimme zittert. Nicht die Silbermedaille lässt seine Gefühle hochkommen. Die hängt zwar seit drei Wochen an der Wohnzimmerwand, sei aber nur ein Stück Metall, sagt Graus: „Die Medaille ist ein Symbol. Die Regatta fand nämlich fast auf den Tag genau ein Jahr danach statt.“ Ein Jahr nach dem einen Tag, dem 26. Mai 2017, der sein Leben schlagartig veränderte. Graus hatte damals wie schon viele Male zuvor mit seinem Drachenflieger in Gnadenwald zum Landeanflug angesetzt, als ihn plötzlich eine Böe erfasste und abstürzen ließ. Knochen brachen, eine Diagnose zerschmetterte noch viel mehr:

Bruch des fünften Brustwirbels und Querschnittlähmung. „Ich hatte, wenn man das so sagen kann, noch Glück im Unglück, weil ich meine Arme bewegen kann“, sagt der studierte Entwicklungsingenieur. Ein Allroundsportler war er: Tourengehen, Skifahren, Radfahren, Flugsportarten und Wind- sowie Kitesurfen. „Und dann geht das plötzlich nicht mehr“, erzählt Graus, der sich nach zwei Monaten Klinikaufenthalt und vier Monaten Rehabilitation in Bad Häring erstmals in seinem Leben nicht auf den Winter freute: „Dann sitzt du da. Draußen liegt Schnee und du kommst mit dem Rollstuhl nur schwer raus. Das war damals sicher die härteste Zeit.“

Graus kommt langsam wieder auf die Beine, wenn auch nur sprichwörtlich. Mit der Hilfe von Familie und Freunden – „ohne geht es nicht“ – fährt er Monoski und spielt Rollstuhltennis, demnächst wird er mit einem Hand-Mountainbike unterwegs sein: „Der Sport hilft mir ungemein. Die Fortschritte, die man macht, beflügeln.“

Vor allem das Segeln hat es ihm angetan: „Den Schein hatte ich schon vorher. Das Spiel mit dem Wind taugt mir einfach.“ Die ersten Versuch­e am Achensee mit Trainer Reinhard Glanz in der kleinsten Rennyacht der Welt, wie man die 2.4mR-Klasse auch nennt, waren derart gut, dass ihn der Coach zum Start bei der österreichischen Meister­schaft überredete – einem offenen Bewerb. Graus: „Eigentlich war mein Ziel, ein Jahr nach dem Unfall, bei der Regatta nur dabei zu sein. Jetzt bin ich mir sicher: Das war nicht meine letzte.“