Letztes Update am Mi, 01.08.2018 11:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sport in Tirol

Wie viel Tirol braucht’s im Spitzensport?

Leistungsgedanke oder Romantik? „Tiroler zuerst“ kann bei den fünf Profi-Vorzeigeclubs FC Wacker, HC Innsbruck, WSG Wattens, Hypo Tirol Alpenvolleys und Handball Tirol nicht immer gelten. Die Gründe sind unterschiedlich.

© gepa/Montage: TT.comFlorian Rieder (FC Wacker), Philipp Lindner (HCI), Niklas Kronthaler (Hypo), Alexander Wanitschek (Schwaz Handball Tirol), Benjamin Pranter (WSG Wattens).



Riesenchance für junge Tiroler

Der FC Wacker Innsbruck ist nicht nur ein Traditionsclub, sondern auch ein Wirtschaftsunternehmen, und daher definiert sich die Profi-Abteilung in erster Linie über den Erfolg. Gewinnen die Schwarzgrünen, ist die Fußballwelt in Ordnung. Egal, ob zehn Tiroler in der Start­elf stehen oder keiner. Bei den Red-Bull-Galas in der Europa League fragt ja auch niemand, wie viele Salzburger im Bullenteam auflaufen. Zur Erinnerung: 1971 feierte der FC Wacker den ersten Meistertitel der heute noch glorifizierten „goldenen 70er-Jahre“. Das ganz Land stand kopf, obwohl mit Kurt Jara nur ein Tiroler vertreten war. Und der verabschiedete sich ein Jahr später als 22-Jähriger Richtung Valencia.

Logisch, dass die Bewertung der Arbeit von Alfred Hörtnagl vom Erfolg der Bundesliga-Mannschaft abhängig ist, dennoch verweist der schwarzgrüne General Manager stolz, dass heuer in der zweiten Liga zahlreiche junge Tiroler die Chance erhalten, sich für die Profi-Abteilung zu empfehlen. Beim 3:0-Auftaktsieg der „Zweier“ in Pasching standen neun Tiroler in der Startelf. „Unsere Zweiermannschaft ist ein Biotop für talentierte Burschen und eine echte Chance“, so Hörtnagl, der mit dieser Struktur auch verhindern will, dass die besten Talente schon zu früh ihr Fußball-Heil außerhalb Tirols suchen. (w.m.)

Im Endeffekt zählt Leistung

Auch bei der WSG Wattens hat eine Trendumkehr stattgefunden: Spielte man nach dem Aufstieg in die Sky Go Erste Liga noch mit sieben bis acht Tirolern in der Startelf, hat sich der Wind gedreht. Beim 6:1-Auftaktsieg gegen Lafnitz standen „nur noch“ zwei (Pranter, Mader) in der Startelf, vier weitere saßen auf der Bank.

„Wir haben in der Vergangenheit bewiesen, dass wir auf Tiroler Spieler setzen“, erklärt Sportmanager Stefan Köck. Weil einige Akteure (Buchacher, Gebauer, Schnegg) aber sportlich nicht zu halten waren, mussten die Wattener am Transfermarkt aktiv werden. Und dann stelle sich die Frage: „Was bekomme ich zu welchem Preis? Ein Großteil der Tiroler Spieler, die wir gerne im Team gehabt hätten, war für uns nicht erschwinglich“, analysiert Köck. Außerdem habe sich im Vergleich zu vor zwei Jahren die Zielsetzung (Klassenerhalt vs. Aufstiegs­ambitionen) geändert.

Man freue sich über jeden Pranter, Toplitsch oder Mader. Aber: „Im Endeffekt zählt die Leistung. Warum ist der Pranter Benni seit mehreren Jahren Stammspieler? Nicht wegen seiner Tiroler Geburtsurkunde, sondern wegen seiner Leistung.“

Ganz allgemein sieht Ex-Profi Köck den „Tiroler Weg“ nüchtern: „Die Leute wollen erfolgreichen Fußball sehen. Wenn ich permanent verliere und nur mit Ausländern spiele, wird es Kritik geben. Wenn ich gewinne, ist es egal, ob ein Argentinier oder ein Tiroler gut spielt.“ (t.w.)

Erfolg schlägt Lokalkolorit

HC-Innsbruck-Vorstand Norbert Ried will gar nicht lange um den heißen Brei herumreden. „Solange es in der Erste Bank Eishockey die Punkteregelung gibt, wird es schwer, vermehrt auf Tiroler zu setzen.“ Sportlich sei das Niveau einfach zu hoch.

Trotzdem hofft Ried, dass in der kommenden Saison einige Tiroler Youngster Eiszeit sammeln können. „Wenn einer topfit ist, ist die Chance da.“ Schon letztes Jahr hätten sich einige Akteure wie zum Beispiel Clemens Paulweber „gut entwickelt“.

Und erfreuliche Beispiele gibt es ja auch in Person von Philipp Lindner und Mario Huber (inzwischen bei Salzburg). Helfen soll den jungen Tirolern dabei auch die Kooperation mit Zweitligist Kitzbühel, die auch in der kommenden Saison weitergeführt werden soll.

Prinzipiell will „die Vereinsführung Tiroler Spieler natürlich forcieren“. Aber was denken eigentlich die Fans in dieser Causa? Das beantwortet Ried mit einem simplen Zahlenspiel: „Als wir 2012 aufgestiegen sind, haben wir zu 70 Prozent mit Tirolern gespielt, wurden abgeschlagen Letzter und es kamen zwischen 800 und 1200 Leute in die Halle.“

Inzwischen haben die Haie 13 Legionäre im Aufgebot und schafften es in der vergangenen Saison ins Play-off. „Der Zuschauerschnitt hat sich deutlich gesteigert.“ Erfolg schlägt bei den Haien also offensichtlich den Lokalkolorit. (t.w.)

Tiroler ja, aber woher nehmen?

„Ich habe einen Traum“, beginnt Hypo-Tirol-Alpenvolleys-Manager Hannes Kronthaler auszuholen: „Ich würde mir wünschen, dass ich so viele Tiroler hätte, die auf dem Leistungsniveau vieler Legionäre wären. Dann täte ich mir leicht.“ Schließlich sei der heimische Volleyballer der billigere Sportler, als der, dem der Hypo-Macher eine Wohnung und ein Auto zur Verfügung stellen muss. „Nur eines ist klar: Bei mir regiert der Leistungsgedanke. Wir wollen in der Liga ins Halbfinale kommen. Weiters bekomme ich keinen Cent mehr Förderung und keinen Zuschauer mehr, wenn ich mit zehn Tirolern am glänzenden Parkett stehe. Von diesem Wunschgedanken muss man sich ganz schnell trennen. Sind wir erfolgreich, kommen auch die Leute.“

Aktuell steht mit Filius Niklas nur ein Tiroler im Kader. Der Nationalteam-Spieler wird auch in der kommenden Saison in der deutschen Liga aufschlagen. Kronthaler: „Die Tiroler und Österreicher, die sich der Verein leisten kann, helfen mir augenblicklich nicht weiter. Die anderen wie ein Alex Berger (Perugia, Anm.) sind schon so gut, dass ich sie nicht finanzieren kann.“

Als gutes Beispiel sieht Kronthaler den HC Innsbruck. Dort seien viele Legionäre am Werk und die Halle sei trotzdem immer voll. Kronthaler: „Beim Wacker sollten wir froh sein, dass sie zurück in der Bundesliga sind und nicht darüber diskutieren, wie viele Tiroler am Feld stehen.“ (suki)

Der halbe Kader aus Tirol

Bei Schwaz Handball Tirol sieht die Sache etwas anders aus, wie es der Sportliche Leiter des HLA-Vereins, Thomas Lintner, auf den Punkt bringt: „Bei unserem Kader sind 50 Prozent Tiroler. Und das Ziel ist auch, den eigenen Nachwuchs zu fördern. Nur das ist nicht mehr so einfach, weil die Eigenmotivation der Jungen über Jahre hoch sein muss.“ Ganz ohne Legionäre geht es eben nicht. Da viele „heimische Handballer nicht mehr bereit sind, über eine so lange Zeit diese Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft und das merkt man.“

Für Lintner werden die Möglichkeiten immer begrenzter, obwohl man viel schon im schulischen Bereich investiert und sich die Identifikationsfrage durch die vielen Eigenbau-Akteure im Kader gar nicht stellt. (suki)