Letztes Update am Fr, 07.09.2018 10:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kletter-WM

Tirols WM-Hoffnung Schubert: „Bin noch hungriger als Ondra“

Adam Ondra (CZE) ist seit 2014 der regierende Vorstieg-Weltmeister, davor gewann Jakob Schubert den WM-Titel. Ab heute sind die beiden Kletter-Stars in Innsbruck die großen Rivalen – und im TT-Interview gute Freunde.

© Moritz LiebhaberZiemlich beste Konkurrenten: Den Innsbrucker Jakob Schubert (l./27), heuer Sieger zweier Vorstieg-Weltcups, und den tschechischen Weltmeister Adam Ondra (25) verbindet seit Jahren eine gute Freundschaft.



2007 war das letzte Jahr, in dem keiner von Ihnen am WM-Podest gestanden ist. Adam Ondra, Sie wurden 2016 und 2014 Vorstieg-Weltmeister, Jakob Schubert, Sie gewannen 2012. Sind Sie die größten Sieganwärter?

Schubert: Definitiv. Die Chance, eine Medaille zu holen, ist sehr, sehr groß. Wir haben heuer und auch in den Jahren davor gezeigt, dass wir bei der WM abliefern. Wir haben alles, was es braucht. Aber es ist noch nichts sicher – es gibt fünf, sechs Athleten, die um den Sieg mitreden.

Herr Ondra, Sie sind aktuell Vorstieg-Weltmeister ...

Ondra: Der Vorstieg hat auch absolute Priorität. Ich habe in den letzten zwölf Monaten nur zwei Weltcups bestritten (4. in Arco Juli 2018, 2. in Arco August 2017, Anm.). Aber ich bin gut in Form, nur ist es schwierig vorauszusehen, wo ich stehe. Bei der WM ist jeder bestens vorbereitet, aber nicht jeder klettert bestens. Mental ist es der härteste Wettkampf.

Aber Sie haben erwähnt, dass Sie wegen der wenigen Wettkämpfe richtig hungrig sind. Herr Schubert, was entgegnen Sie, als jemand, der viele Wettkämpfe absolviert hat?

Schubert: Ich bin noch hungriger als Adam (lacht)! Und das obwohl ich viel mehr Wettkämpfe bestritten habe (17 seit Arco 2017, Anm.). Aber wie Adam gesagt hat: Er weiß nicht, wo er steht. Ich weiß dagegen zu 100 Prozent, wo ich stehe nach all den Wettkämpfen. Und ich weiß: Wenn ich meine Leistung abrufe, stehe ich am Podest.

Sie bestimmen das Geschehen – und es gibt viele Verbindungen: Sie sind etwa beide bei der Innsbrucker Sektion des Alpenvereins …

Schubert: Stimmt.

Ondra: Ich bin jetzt seit drei Jahren dabei. Es ist normal, dass man in Tschechien Mitglied beim Alpenverein ist, wegen der Versicherung. Aber ich repräsentiere freilich Tschechien bei der WM.

Wie beschreiben Sie Ihre Freundschaft zueinander?

Schubert: Uns beide verbindet eine enge Freundschaft. Wir haben viele Wettkämpfe gemeinsam erlebt und treffen uns ab und zu auch so zum Felsklettern. Wir sind als Wettkampf-Kletterer gemeinsam groß geworden, haben schon so viel Zeit miteinander in der Isolationszone verbracht (Bereich zur Abschottung der Athleten vor dem Wettkampf, Anm.). Da haben wir schon über so viele Dinge gesprochen, dass wir uns gut kennen. Ich respektiere Adam sehr – und ich kann es gar nicht erwarten, gegen ihn anzutreten. Er ist der beste Kletterer der Welt und derjenige, den es zu schlagen gilt. Das motiviert mich noch mehr.

Worüber wird in der Isolationszone so gesprochen?

Ondra: Wir reden immer über etwas anderes, versuchen, uns abzulenken. Es ist ganz schlecht, wenn du in der Ecke sitzt und nur über den Wettkampf nachdenkst. Und weil ich wenig dabei bin, sehen wir uns normalerweise lange Zeit nicht – also gibt es immer viel zu reden.

Herr Ondra, Sie haben den August komplett in die WM-Vorbereitung investiert.

Ondra: Ja, es war für mich sehr wichtig, dass ich in der Vorbereitung in Innsbruck war. Die Routen, die bei der WM geklettert werden, sind sehr ähnlich zu denen, die es hier gibt. Innsbruck ist der beste Platz der Welt für die Vorbereitung.

Sie beide kennen sich schon lange – wie würden Sie einander beschreiben?

Schubert: Adam ist der leidenschaftlichste Kletterer, den ich kenne. Ich weiß, wie viel Zeit er in Routen investiert, die er klettern will. Und dazu spricht er sechs Sprachen und hat Wirtschaft studiert.

So wie Sie …

Schubert: Ja, aber da reden wir nicht viel darüber (lacht). Mehr übers Klettern.

Ondra: Ich habe nur den Bachelor gemacht.

Schubert: Ich auch.

Ondra: Wir haben zu früh gemerkt, Klettern ist besser.

Schubert: Na ja, vielleicht machen wir ja später gemeinsam ein Unternehmen auf.

Und wie würden Sie Schubert beschreiben?

Ondra: Wenn er ein Ziel hat, dann arbeitet er mit aller Kraft dafür. Er geht direkt auf dieses Ziel zu, ist sehr selbstbewusst. Deshalb macht er in den entscheidenden Phasen auch so wenig Fehler.

Sie waren mit 13 Jahren schon ein kleiner Star – was macht Sie so stark?

Ondra: Ich war immer gut darin, meine ganze Kraft am effizientesten einzusetzen.

Herr Schubert, was macht Sie so stark?

Schubert: Du musst immer an dich selbst glauben. Du musst auf deinen Körper hören und nicht einfach nur auf das, was dir dein Trainer erzählt. So wirst du der Beste.

Welchen Stellenwert hat die WM für Sie beide?

Ondra: Innsbruck ist die Hauptstadt des Wettkampf-Kletterns. Es wird wahrscheinlich die beste WM, die es im Klettern jemals gegeben hat.

Schubert: Ich glaube auch, dass es die bisher beste WM wird. Für mich ist es etwas ganz Besonderes. Hier bin ich geboren. Und ich fahre mit dem Fahrrad zur WM.

Die WM wird also größer als jene 2012 in Paris, die neue Maßstäbe setzte?

Ondra: Es hängt viel davon ab, was die Leute vom Klettern verstehen – und da gibt es in Innsbruck viel mehr.

Dann bleibt nur eine Frage: Wer gewinnt die WM?

Schubert: Es gibt fünf, sechs Leute, die um den Titel kämpfen.

Ondra: Das denke ich auch.

Also keiner von Ihnen sagt jetzt Adam oder Jakob?

Schubert: Ich glaube, dass es einer von uns wird. Aber wir werden ja sehen.

Das Gespräch führte Roman Stelzl