Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 09.09.2018


Klettern

Lama: „Spannend wird‘s nur, wenn man die Komfortzone verlässt“

David Lama galt als Wunderkind des Kletterns, ehe der Tiroler seine Erfüllung als Ausnahmealpinist in den Bergen fand. Am Montag klettert er bei der Legends’ Night.

© Von Kopf bis Fuß in Neopren eingepackt ritt David Lama auf den Wellen der Äußeren Hebriden.Fotos: Red Bull Content Pool/Haller, Rich



Von Max Ischia

Innsbruck – David Lama ist auf dem Sprung. Wieder einmal. Gerade aus Schottland gekommen, war er gestern Vormittag mit dem Auto unterwegs nach Niederösterreich. Zur Hochzeit eines Freundes. Genauer genommen zur Eheschließung des von Lama als „meinen Haus-und-Hof-Kameramann“ geadelten Martin Hanslmayr, mit dem er schon in Bälde nach Nepal aufbrechen wird. Um eine Geschichte zu einem Happyend zu bringen, die vor zwei Jahren beinahe tragisch geendet hätte. Bei der versuchten Erstbesteigung des Lunag Ri (6895 m) erlitt Lamas Partner Conrad Anker, ein erfahrener US-Bergsteiger und Autor, einen Herzinfarkt.

Jetzt, im insgesamt dritten Anlauf, möchte der Tiroler mit nepalesischen Wurzeln im Alleingang das Kapitel Lunag Ri abhaken, auch im Sinne von Anker, der zwar längst wieder fit ist, aber sich diesem mit Risken verbundenen Abenteuer nicht mehr stellen will.

Bevor Lama in zweieinhalb Wochen Richtung Nepal abhebt, macht er zweimal Station bei der Kletter-Weltmeisterschaft in Innsbruck. Er, der zweifache Jugend-Weltmeister (2004, 2005), der 2006 als 16-Jähriger als Erster einen Vorstieg- und Boulder-Weltcup in einer Saison gewann. Er, der sich nach WM-Bronze 2009 langsam, aber umso nachhaltiger Richtung Alpinismus aufmachte und inzwischen regelmäßig Erfolgskapitel schreibt.

Heute Abend, wenn in der Olympiaworld das große Duell zwischen Titelverteidiger Adam Ondra und Lokalmatador Jakob Schubert steigen könnte, wird Lama dem Joggl „beide Daumen drücken“. Tags darauf, am Montagabend auf dem Innsbrucker Marktplatz, legt der Götzner ab 20 Uhr gemeinsam mit der US-Kletterlegende Chris Sharma und anderen Weggefährten bei der „Legends’ Night“ selbst Hand an.

Auf die höchst spekulative Frage, wie er sich inzwischen bei einem Vorstieg-WM-Bewerb schlagen würde, antwortet Lama durchaus überraschend: „Von der Fitness bin ich den Weltcup-Jungs inzwischen weitaus unterlegen, aber ich denke schon, dass ich mit meiner Kletterei so manchen Nachteil kompensieren könnte. Mit ein paar Wochen zielgerichteten Trainings wäre schon einiges möglich. Nicht mehr absolute Spitze, aber so im guten Mittelfeld ...“

Ein Gedankenspiel, nicht mehr. Und keines, welches Lama vertiefen möchte. Zum einen hat er das Kapitel Wettkampfklettern ein für alle Mal geschlossen, zum anderen hat er seinen Blick seit jeher nach vorne gerichtet.

Und weil das Bewegungswunder seinen Horizont stets aufs Neue zu erweitern versucht, entdeckte er vor vier Jahren das Wellenreiten für sich. „Ich bin in den Bergen groß geworden, hatte aber mit Wasser nicht allzu viel am Hut. Das Wellenreiten faszinierte mich schon länger, also habe ich mir vor fünf Jahren ein Brett geschnappt und bin raus aufs Meer. Selbstredend habe ich dabei einiges auf die Schnauze bekommen. Aber spannend wird’s nur, wenn man die Komfortzone verlässt.“ So wie zuletzt in Schottland, genauer in den Äußeren Hebriden – als er bei zwölf Grad Wassertemperatur die Wellen ritt, dass es nur so eine Freude war. „Aber“, fügt er an, „meine große Liebe ist und bleibt das Bergsteigen.“