Letztes Update am So, 09.09.2018 09:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kletter-WM

Sekunden-Thriller: Jessica Pilz vergoldet WM-Auftakt in Innsbruck

Gut, besser, Jessica Pilz. Die seit zwei Jahren in Innsbruck lebende Niederösterreicherin holt zum Auftakt der Kletter-Heim-Weltmeisterschaft Gold im Vorstieg.

© Michael KristenDie Wahl-Innsbruckerin Jessica Pilz (NÖ) hielt dem Erwartungsdruck stand und vergoldete ihre Mitfavoritenrolle.



Von Roman Stelzl

Innsbruck — Mal um Mal fielen die Kletterinnen enttäuscht am letzten Überhang von der Wand — und am Ende sollten achtmal genau dort die WM-Medaillenträume im Vorstieg-Finale der Damen zerreißen. Bis zu Jessica Pilz. Bis zur Lokalmatadorin, der großen Hoffnung der Heim-Weltmeisterschaft in Innsbruck. Bis zu jener Dame, die ihre Fans nicht enttäuschen sollte.

Gut 4000 Zuschauer waren nach der ersten WM-Entscheidung in der trendig ausgeleuchteten Olympiaworld aus dem Häuschen.
- Michael Kristen

Als Vorletzte des Bewerbs knackte die 21-Jährige die Stelle, an der alle anderen gescheitert waren. Und nicht nur das: Pilz ließ Zug um Zug folgen, sie meisterte unter tosendem Applaus der rund 4000 Zuschauer in der Olympiahalle die Route. Als die in Innsbruck beheimatete Niederösterreicherin dann mit breitem Grinsen am Seil Richtung Publikum glitt, empfing sie ein Meer an laut klatschenden Fans, die es vor Freude nicht mehr auf den Sitzen hielt.

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Pilz hatte für ihren Auftritt sechs Minuten Zeit. Sie hatte aber nur 4:27 Minuten gebraucht. Im Grunde genommen eine irrelevante Zahl im Klettern. Es sei denn, zwei Top-Athleten sind dermaßen stark, dermaßen eng beisammen, klettern sowohl im Halbfinale als auch im Finale bis zum Schluss — dann braucht es die Zeit als Richter. So wie gestern.

Als Sloweniens Star Janja Garnbret als Letzte an die Wand ging, war es still in der Halle. Die 19-Jährige begann stark, zog sich schnell bis zur letzten Passage — doch plötzlich: ein Aussetzer. Garnbret, den Sieg vor Augen, haderte, die Zeit floss dahin. Und am Ende, als die Favoritin oben war, zeigte die Uhr 4:38 an. Elf Sekunden zu viel. Pilz gewann.

Die Innsbruckerin Hannah Schubert glänzte als Achte.
- Michael Kristen

„Es ist einfach unglaublich, ich kann das gar nicht realisieren", sprach Pilz ein ums andere Mal ins Mikrofon, „Ich bin sonst im Vergleich zur Janja keine schnelle Kletterin. Aber ich habe mich bei jedem Zug sicher gefühlt. Außer beim letzten — da musste ich den Sprung einfach riskieren."

Die 1,63 Meter große Dame, die heuer ihren ersten Weltcupsieg geholt hatte, war die Größte. Erstmals nach 2012 (Angy Eiter) gewann damit wieder eine Österreicherin WM-Gold. Dass am Ende elf Sekunden entschieden, wusste Pilz vor lauter Freude noch nicht einmal. „Echt so viele? Ich habe bis zum Schluss nicht gewusst, wie lange ich gebraucht habe."

Der achte Rang von Hannah Schubert ging da ein wenig unter. Und Janja Garnbret selbst nahm die Niederlage gefasst — kritisierte aber den Halbfinale-Routenbau: „Es kann nicht sein, dass ein Halbfinale bei einer WM so einfach ist — und es sollte am Ende nicht die Zeit entscheiden müssen."