Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 02.11.2018


Football

Tiroler erlebt Football-Wahnsinn: „Muss mich selbst zwicken“

Football vor über 100.000 Zuschauern, ein Star im College: Der Tiroler Christoph Henle schreibt in Übersee an einem kleinen Football-Märchen.

© Baylor UniversityGenießt in den USA derzeit das Football-Leben am College in vollen Zügen: Der Tiroler Christoph Henle hat es mit seinen Leistungen in die Division-Auswahl geschafft und spielt vor Tausenden Zuschauern.



Von Daniel Suckert

Innsbruck – „Vor Kurzem hat er vor 103.000 Zuschauern in Miami gespielt. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen“, erklärt Swarco-Raiders-Nachwuchschef Florian Grein mit leuchtenden Augen. Die Rede ist von Christoph Henle. Der Tiroler lebt seit Jänner in der Baylor University (College) in Texas das Leben eines Football-Spielers. Mit allen Vor- und Nachteilen.

60.000 Zuschauer bei einem Heimspiel – das sind Zahlen, die an Formel-1-Rennen oder Champions-League-Endspiele (Fußball) erinnern. In den USA gehört das jedoch zum ganz normalen „College-Alltag“. Grein: „Da herrscht so eine Verbundenheit, dass auch alle Absolventen quer durchs Land zu den Spielen ihres ehemaligen Colleges anreisen. Ein Familien-Event der Extraklasse.“

Christoph Henle.
- Thomas Boehm / TT

Dass Henle dabei mittendrinnen und nicht nur dabei ist, hat den 1998 geborenen Akteur selbst überrascht. Normalerweise gilt das erste Jahr, um sich langsam heranzutasten. Bei ihm klappte es schneller: „Ich lebe hier meinen Traum. Hin und wieder muss ich mich selbst zwicken, ob das wirklich alles real ist“, sagt der USA-Fan, den Kopf ungläubig schüttelnd.

Ein großer (Zwischen-)Erfolg, der viele Opfer mit sich bringt. Beliebt in der Damenwelt und Party ohne Ende? Das sind Hollywood-Klischees, die nicht der Realität entsprechen. Der Sport mit dem Eierlaberl hat in den USA einen hohen Stellenwert. Die Footballer genießen eine Ausnahmestellung, die jedoch viel Verantwortung mit sich bringt. „Als Football-Spieler in Texas bist du eine große Nummer, aber Teil einer noch größeren Mannschaft. Darum fällt jede negative Nachricht auf das Team oder das College zurück.“ Das werde unermüdlich gepredigt, ergänzt Henle, der auch nicht nur nebenbei den Lernstoff unterbringen muss: „Wir haben eigene Lehrer, die uns täglich von 20–22 Uhr helfen.“

Sportlich darf der Tiroler stolz darauf sein, auf der Position des Tight End sogar den Sprung in die Division-Auswahl geschafft zu haben. „Das ist schon eine beachtliche Leistung“, weiß Grein, der Henle vor Jahren gefragt hatte, ob er sich den Wechsel über den großen Teich vorstellen könnte.

Österreichs ehemals bester Running-Back sieht die Erfolge mit einem lachenden und weinenden Auge. „Auf der einen Seite haben wir einen erfolgreichen Spieler im Mutterland des Footballs, der es aus dem Raiders-Nachwuchs dorthin geschafft hat. Das ist eine Inspiration für die Jungen. Auf der anderen Seite verlieren wir dadurch tolle Athleten, die wir selber gut brauchen könnten.“

Mit Valentin Senn und Thomas Aronokhale stehen die nächsten beiden Raiders-Athleten ante portas, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten im College auf Punktejagd gehen werden.

Henle selbst hat ein klares Ziel vor Augen: In den vier Jahren am College alles zu bewegen, um am Ende den Sprung in die Profiliga (NFL) zu schaffen. Doch die Dichte ist sehr hoch, sehr gute Footballer wie Henle gibt es wie Sand am Meer. Grein: „Christoph muss jetzt dranbleiben, hart an sich arbeiten und die Chance erkennen, die er da hat.“

Nichts anderes sagt der Glückliche selbst: „Es ist einfach ein großartiges Erlebnis hier. Aber da wartet noch viel harte Arbeit auf mich. Ich bin allen, die mir das ermöglicht haben, einfach nur dankbar.“