Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 28.11.2018


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Tiroler Extrembergsteiger Lama erster Mensch am Lunag Ri

Wie David Lama als erster Mensch den Himalaya-Riesen Lunag Ri bestieg, warum er das solo realisierte und im Rucksack neben Babybrei auch eine Schwarte Speck nicht fehlte.

© Red Bull Content PoolEpischer Augenblick – eine Hightech-Drohne hielt die letzten Schritte von David Lama auf den Lunag Ri fest.



Von Max Ischia

Innsbruck – Nach sechs Wochen Nepal und der erst gestern offiziell gemachten Erstbesteigung des Lunag Ri (6895 m) ist David Lama seit ein paar Tagen wieder zu Hause. Um sich gestern zeitig am Morgen mit dem Auto nach Zermatt aufzumachen – zu einer Produktpräsentation seines Ausrüsters. Oder wie es der Tiroler Extrem-Alpinist lächelnd formulierte: „Ein bisserl Bergsteigen halt.“

Wenn Lama die TT-Leser auf eine nepalesische Zeitreise mitnimmt, dann beginnt diese schon im November 2015, als der Götzner gemeinsam mit der US-Kletter-Ikone Conrad Anker im so genannten Advanced Basecamp (ABC) vor ihrem Zelt saß. „Mit dem Fernglas auf Anschlag fragten wir uns, ob dieser von unten kaum zu erkennende Granitzacken tatsächlich der Gipfel sein würde.“

Es sollte nur eines von vielen Fragezeichen sein auf einer Reise, die Lama diesen Oktober zum bereits dritten Mal zum Fuß des Lunag Ri an der Grenze zwischen Nepal und Tibet und zurück führte. Erstmals alleine bzw. bis zum Advanced Basecamp in Begleitung zweier Kameraleute.

Überlebenswichtig – der Gaskocher spendete in durchfrorenen Nächten auch ein wenig Wärme.
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Nach der gescheiterten Erstbesteigung 2015 erlitt Anker im Jahr darauf einen Herzinfarkt auf 6000 m, war aber nach dem qualvollen Abstieg und einer Helikopterbergung nach einer Notoperation so weit wohlauf, dass sich Lama zu einem improvisierten Soloversuch aufraffte – und erst 200 m unter dem Gipfel umkehrte. „Ich war körperlich am Ende.“

Nachdem Anker in diesem Frühjahr mit Rücksicht auf Gesundheit und Familie ein Comeback für sich ausgeschlossen hatte, beschloss Lama, es alleine zu versuchen. „Nur das fühlte sich richtig an. Ich wollte unser Projekt zu Ende führen.“ Was am 25. Oktober, „so gegen zehn Uhr morgens“, auch gelang.

Müde und glücklich sank der 29-Jährige auf seine Knie, saugte alles auf und trotz der überwältigenden Eindrücke verspürte er vordergründig Leere. „Ich habe kurz an Conrad gedacht. Er war der Einzige, mit dem ich diesen Moment gerne geteilt hätte.“ Aber schon im nächsten Atemzug übermannte Lama der Überlebensinstinkt. „Nach fünf Minuten am Gipfel drängte der Abstieg. Denn endgültig geschafft hat man es erst, wenn man wieder unten ist. Und auch da darf man sich keinen Fehler erlauben.“

Fokussiert wie nie zuvor sei er gewesen, versichert Lama rückblickend, zumal ein Soloprojekt alle erdenklichen Sinne erfordere. „Bevor es losgegangen ist, habe ich Schneebedingungen, Witterung etc. wie ein Schwamm aufgesogen – und immer wieder mit Karl Gabl (Meteorologenlegende, Anm.) telefoniert.“ Die einzige Konstante in den unzähligen Telefonaten war ein Jetstream über dem Himalaya, also sich dynamisch verlagernde Starkwindbänder.

Nach Tagen des Wartens und der zwischenzeitlichen Rückkehr ins Base Camp ging es dann am 23. Oktober los – um 2 Uhr in der Nacht, bei minus 30 Grad Celsius und 80 km/h Windgeschwindigkeit. Viele Stunden später das erste Biwak auf 6400 m. Nach harter Nacht mit durchgefrorenen Zehen folgte Tag zwei der anspruchsvollen Kletterei: zweites Biwak auf 6800 m. Stärkung mit Suppe, Energieriegel sowie Speck und Schüttelbrot. „Weil mir das schmeckt.“ Den frühmorgendlichen Babybrei sollte er nicht im Magen behalten: „Mir war kotzübel.“ Der Rest ist ein Stück Alpingeschichte. Gegen zehn Uhr stand Lama auf dem Lunag Ri – als erster Mensch.