Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 27.12.2018


Nachwuchs-Fußballer

Fußballnachwuchs: Spät geboren und schon verloren?

Kinder, die im Oktober oder später das Licht der Welt erblickten, schaffen nur selten den Sprung in den Kader der heimischen Nachwuchs-Fußballakademien. Dieses Phä­no­men gibt es jedoch auch bei anderen Sportarten.

Fabian Leitner (rot) zeigte erfolgreich, dass man sich auch als Spätgeborener durchsetzen kann.

© Michael KristenFabian Leitner (rot) zeigte erfolgreich, dass man sich auch als Spätgeborener durchsetzen kann.



Von Manuel Lutz

Innsbruck – Die Abkürzung „RAE“ sorgt bei so manchen Eltern für ein Gefühls­chaos. Ärger, Enttäuschung und Frustration liegen nah beieinander. Gemeint ist damit der Relative Alterseffekt. Kinder, die später geboren sind, haben es schwerer, Fuß zu fassen in der Welt des Sports, da sie oft noch nicht so schnell und kräftig sind. Frühentwickelte fallen daher mehr auf. Beim Fußball bestehen Nachwuchsmannschaften im Gegensatz zu Schulklassen aus einem Jahrgang. So ist ein Spieler, der am 1. Jänner geboren ist, um 364 Tage älter als ein Kicker, der am 31. Dezember seinen Geburtstag feiert. Dieser Unterschied bedeutet oft einen erheblichen Nachteil im Kampf um einen Platz im Kader. Vor Kurzem veröffentlichte Der Standard eine Statistik über die Geburtstage der Akademiespieler von Nachwuchszentren aus sieben Bundesländern. Lediglich 81 der 717 Nachwuchshoffnungen sind dabei im Oktober oder später geboren.

Auch in Tirol sind die drei Akademie-Jahrgänge mit Kickern, die in den letzten drei Monaten des Jahres zur Welt kamen, rar gesät. Nur elf Spieler schafften den Sprung in den Kader. „Durch ihre fehlende körperliche Reife haben jüngere Spieler es oft schwer, mitzuhalten“, weiß U16-Coach Samuel Glatz. Der Übungsleiter, der mehrere Jahre die Jüngsten der Akademie betreute, hält jedoch ganz allgemein fest: „Es gehört viel mehr dazu, als nur ein guter Techniker zu sein. Die Überwindungsfähigkeit ist dabei ganz wichtig. Die Faulen schaffen es nicht.“

Akademie-Leiter Roland Kirchler kennt das Problem: „Das gibt es aber auch bei anderen Sportarten. Die Retardierten haben es schwerer. Einen ganz Guten sieht man aber später auch noch.“ So bekommen zwar so genannte „Quereinsteiger“ noch die Chance, sich bei Probetrainings zu empfehlen, oft ist es aber schon „zu spät“, wie der ehemalige Nationalspieler bedauernd anfügt: „Die verlieren leider sehr viel bei der Ausbildung und haben Probleme, mit anderen, die von Anfang an dabei waren, mitzuhalten.“ Zusätzlich gibt es noch vom ÖFB ein Sichtungsspiel für diese Gruppe. Kirchler kann dies auch als Vater nachvollziehen. Sohn Konstantin gehört auch zu den Spätgeborenen: „Er ist normal gewachsen, aber man merkt, dass er gegen größere Gegenspieler Probleme hat. In der U13 ist es für ihn mit elf Jahren eine Challenge.“

Fabian Leitner ist einer der elf Nachwuchs-Akteure, die dem RAE-Effekt trotzten und den Sprung in den Akademie-Kader bravourös geschafft haben. Vater Roland sucht keine Ausreden, dass sein Sohn es schwerer hatte als seine Mitstreiter: „Das wurde schon oft als Vorwand genannt. De facto ist es aber nicht so. Es wird auf das Talent geschaut.“ Dem Mittelfeldspieler hat dabei eine gute Ausbildung in Kin­der­jah­ren geholfen: „Es war sicher ein Grund, da er beim FC Wacker eine super Ausbildung genossen hat. Zudem wurde er immer gefordert.“

Als Spieler wird Leitner aufgrund seiner Körperstatur oft mit Marco Reus verglichen, wie er mit einem Lachen ausführt: „Das sagen aufgrund des Dribblings und meines Spielstils viele.“ Obwohl Leitner erst im November das Licht der Welt erblickte, war der Konkurrenzkampf ein fairer: „Ich kann nicht sagen, dass ich benachteiligt wurde.“ Vielmehr erinnert sich das Juwel an die umgekehrte Situation bei einem Kameraden: „Wir hatten einen Spieler, der kleiner als alle anderen war, obwohl er im Jänner Geburtstag hat. Aber auch er konnte sich durchsetzen.“

LAZ-Vorstufen-Koordinator Rudolf Stadler erklärt, wie in Tirol seit zwei Jahren versucht wird, dem RAE-Effekt entgegenzuwirken: „Bei der Aufnahme für das Vor-LAZ können maximal 60 Punkte erreicht werden. Wenn jemand im zweiten Drittel des Jahres geboren ist, gibt es einen Bonuspunkt, im dritten sogar zwei. Nun ist es wesentlich fairer, früher wurde darauf kein Wert gelegt.“

Dabei unterstreicht Stadler, der auch als Scout fungiert, dass die Selektionsphase in Tirol einzigartig ist: „Wir lassen uns ein Dreivierteljahr Zeit für die Auswahl. Das gibt es sonst nirgends in Österreich.“

Hermann Maier ?als Paradebeispiel

Nicht nur im Fußball ist das Phänomen des Relativen Alterseffekts (RAE) erkennbar. Eine Studie des Innsbrucker Olympiazentrums wies etwa aus, dass 37 Prozent der Skirennfahrer, die zwischen 2009 und 2011 an Junioren-Ski-WMs teilgenommen hatten, in den ersten drei Monaten und lediglich 16 Prozent in den letzten drei Monaten des Jahres geboren wurden. „Nachdem das Talent in einer Sportart sicherlich nicht vom Geburtsmonat abhängt, deutet das Vorhandensein des RAE auf einen Selektionsfehler im Talententwicklungssystem hin", beschreibt Studienautorin Lisa Müller. Die wenigen Monate der früheren Geburt können also einiges ausmachen. Wer deshalb nicht auf Spitzenplätzen landet, kann dennoch ein Talent sein — eines, das vielleicht nie erkannt wird. So wie bei der körperlichen Entwicklung insgesamt, erklärt Olympiazentrum-Leiter Christian Raschner: „Hermann Maier ist ein sehr bekanntes Beispiel eines Spätentwicklers. Da haben am Anfang viele gesagt: ,Aus dem wird nichts.'" Daher gelte es, das biologische Alter (im Gegensatz zum tatsächlichen) zur Talentselektion zu verwenden. Junge Sportler aus diesen Gründen zu verlieren, „das können wir uns in Österreich schlicht nicht leisten", so Raschner. (sab)