Letztes Update am Do, 11.07.2019 09:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schulsport

Mr. Schulsport Oebelsberger hört auf: „Was jetzt kommt, weiß ich nicht“

Mit Wolfgang Oebelsberger (64) geht Tirols oberster Schulsportler in Pension. Als Schulinspektor setzte er Markenzeichen wie „Skifahr’n“ oder „Bewegte Schule“. Sein Job wird aber nicht nachbesetzt. Er sorgt sich.

Alpine Aushängeschilder: die zahlreichen Tiroler Medaillengewinner bei den Bundesmeisterschaften.

© Bildungsdirektion TirolAlpine Aushängeschilder: die zahlreichen Tiroler Medaillengewinner bei den Bundesmeisterschaften.



Nach 23 Jahren als Turnlehrer, Koordinator der Fortbildung für Bewegung und Sport und 14 Jahren im Landesschulrat bzw. in der Bildungsdirektion gehen Sie nun in Pension. Was überwiegt – Vorfreude oder doch Wehmut?

Wolfgang Oebelsberger: Grundsätzlich freue ich mich sehr auf den neuen Lebensabschnitt und mein Job hat mir sehr viel gegeben und auch viel Spaß gemacht. Mehr genießen könnte ich die nächste Zeit allerdings, wenn meine Nachfolge klarer geregelt wäre. Die Neuorganisation der Bildungsdirektion sieht vor, dass ich nicht nachbesetzt werde. Bewegung und Sport sind kein Hauptamt mehr, sondern eine Angelegenheit, die jemand zusätzlich übernehmen wird. Ich hätte lieber jemanden eingeschult, aber … Der nächste Schulsportkalender steht jedenfalls, das kommende Schuljahr sollte also laufen und muss es auch. Danach wird man sehen.

Ehrenvolle Verabschiedung: Bei den Schulsportspielen in Schwaz mit 6000 Kindern verabschiedete sich Wolfgang Oebelsberger.
Ehrenvolle Verabschiedung: Bei den Schulsportspielen in Schwaz mit 6000 Kindern verabschiedete sich Wolfgang Oebelsberger.
- Thomas Böhm

Was heißt das konkret?

Oebelsberger: Man wird sehen. Ich kann selbst noch nicht sagen, wie die Koordination der 4700 Sportlehrer an Tirols Schulen nun genau abläuft. Tirol ist jedenfalls das erste Bundesland, in dem – bedingt durch meine Pensionierung – der Bereich Bewegung und Sport in der Bildungsdirektion nicht mehr separat abgebildet ist. Ich vertraue schon, dass die vielen engagierten Lehrer weiterhin so engagiert bleiben und sie auch in Zukunft gut unterstützt werden, dass etwa Dienstaufträge und Schulfreistellungen weiterhin unkompliziert erstellt werden können. Man muss jedenfalls aufpassen, nichts kaputt zu machen, was mühsam aufgebaut wurde.

Wenn Sie zurückblicken, galt es immer wieder Hürden zu überwinden. Was fällt Ihnen da zuerst ein?

Oebelsberger: So einiges. Besonders freut mich, dass sich das Bewusstsein gegenüber dem Sport verändert bzw. sich eines dafür entwickelt hat. Früher wurde der Turnunterricht in der Volksschule oft als Strafmaßnahme gestrichen. Das kommt heute kaum noch vor. Mit der einfachen Argumentation, dass Bewegung wichtig ist, kommt man nämlich nicht wirklich weiter. Wenn man allerdings erklärt, dass durch Bewegung neue und mehr Synapsen im Gehirn gebildet werden, die auch die Lesekompetenz fördern, bekommt man plötzlich Aufmerksamkeit. Einen Ball fangen zu können, hilft, den Zeilensprung beim Lesen besser zu schaffen. Auch der Gleichgewichtssinn spielt eine große Rolle … ich könnte ewig weiterreden, wie viel Sport den Kindern für das Lernen bringt. Das Schwierigste war es stets, Sponsoren zu finden. Wir haben aber seit Jahren einige sehr treue Partner. Selbstverständlich ist das heute jedoch nicht mehr.

Die Tiroler Sieger der Fußball-Schülerliga: Die NMS Wörgl schnappte sich heuer den Landestitel.
Die Tiroler Sieger der Fußball-Schülerliga: Die NMS Wörgl schnappte sich heuer den Landestitel.
- Bildungsdirektion Tirol

Sie prägten auch den Begriff „Schulsport-Gütesiegel“.

Oebelsberger: In dem Begriff steckt vieles, was schlussendlich als Gesamtes zu unserem „Schulsport-Gütesiegel“ führte. Ich habe es entwickelt, längst ist es in ganz Österreich verbreitet – auch in der Schweiz und in Deutschland. Inzwischen haben auch andere Bereiche ihre Gütesiegel, aber Nachahmung sehe ich ohnehin als höchste Form der Anerkennung. Unseres ist jedenfalls das Original. (lacht)

Flagfootball: Die SMS Hötting West wurde Meister.
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- Kössler

Was ist der Unterschied zu den bekannten Schlagworten „Tägliche Turnstunde“?

Oebelsberger: „Bewegte Schule“ ist ein umfassendes Schulentwicklungskonzept, das die Bewegung in den Schulalltag einbaut. Es wird an nahezu allen Volksschulen in Tirol umgesetzt – nicht zuletzt, weil die Lehrer erklärten, die Kinder seien nach der Bewegung wieder ruhiger und könnten dem Unterricht besser folgen. Das Konzept „Tägliche Turnstunde“ sieht hingegen eine zusätzliche Turnstunde pro Woche vor.

Auch die Aktion „Skifahr’n“ geht auf Ihre Initiative zurück. Wie kam es dazu?

Oebelsberger: Die Tiroler Seilbahnwirtschaft hat auf Initiative des Landesschulrats damals erkannt, dass es wichtig ist, dass einheimische Kinder Ski fahren können. Es geht darum, als Ski- und Tourismusland authentisch rüberzukommen. Wir haben dabei den pädagogischen Wert in den Vordergrund gestellt – das Erlebnis, als Gruppe Sport zu machen, das Erlebnis, sich in der Natur zu bewegen. Angefangen haben wir im Jahr 2005 mit 5000 Kindern, heute sind es rund 50.000. Rund zwei Drittel aller Volksschüler machen bei der Aktion mit. Tendenz steigend.

Die nordische Abteilung des BORG Lienz: Die Osttiroler Langläufer räumten eine Silbermedaille bei den Bundesmeisterschaften ab.
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- Bildungsdirektion Tirol

Was sind die heute größten Herausforderungen für Turnlehrer?

Oebelsberger: Kinder bewegen sich in ihrer Freizeit heute generell weniger als früher. Früher musste man rausgehen, um zu spielen, das ist heute nicht mehr zwangsläufig so und hat sich verändert. In der Schule wird versucht, dieses Weniger an Bewegung etwas auszugleichen. Die Kinder sind dabei sehr motiviert, die Zahl der motorisch Schwächeren steigt aber – auch wenn Tirol im Vergleich mit anderen Bundesländern noch relativ gut dasteht. Darf ich aber bitte noch etwas anderes sagen?

Bitte gerne.

Oebelsberger: Ich möchte mich bei allen Turnlehrern bedanken, sie sind eine besondere Gemeinschaft. Sie kämpfen und brennen für ihre Sache, obwohl es nicht immer leicht ist, sich damit durchzusetzen. Sie sollen weitermachen und nie aufgeben. Und eines noch: Können Sie bitte das eine Siegerbild, das ich Ihnen gesendet habe, veröffentlichen? Das wäre nämlich ganz wichtig für die Finanzierung des Schulsports in der Zukunft.

Das Gespräch führte Sabine Hochschwarzer