Letztes Update am Do, 18.07.2019 19:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Extremsport

Grüners (Sehn-)Sucht: 32.000 Höhenmeter in 48 Stunden

Mehr als 140-mal 227 Höhenmeter rauf und runter für den Weltrekord: Der Tiroler Extremradsportler Patric Grüner jagt in Sölden seine eigenen Grenzen.

Der Längenfelder Extrem-Radsportler Patric Grüner will kommende Woche den Höhenweltrekord im 48-Stunden-nonstop-Radfahren in Sölden ohne Schlafpause auf über 32.000 Höhenmeter schrauben.

© Walter AndreDer Längenfelder Extrem-Radsportler Patric Grüner will kommende Woche den Höhenweltrekord im 48-Stunden-nonstop-Radfahren in Sölden ohne Schlafpause auf über 32.000 Höhenmeter schrauben.



Von Roman Stelzl

Längenfeld – Es ist die Frage aller Fragen – und selbst Patric Grüner kommt im ersten Moment kein Wort, sondern nur ein Lächeln über die Lippen. Was treibt einen Menschen an, binnen 48 Stunden mehr als 32.000 Höhenmeter auf dem Rad strampeln zu wollen? Noch dazu auf einem Streckenabschnitt, der sich mindestens 141-mal wiederholen wird?

Wie so oft geht es um das Ausloten von Grenzen. Das Mögliche verschieben, das Unmögliche ein wenig mehr zur Realität machen. Im Falle des 33-jährigen Längenfelder Extremradsportlers liegt diese Grenze des Möglichen derzeit bei 31.891 Höhenmetern. So viel strampelte der Niederösterreicher Stefan Wagner im Vorjahr in zwei Tagen nonstop mit dem Rennrad.

141 Auffahrten für den Rekord, 160 sind das Ziel

„Aber daran orientieren wir uns nicht. Wir haben da andere Maßstäbe“, sagt Grüner. In seinen Augen entbrennt das Feuer, in ihm spiegelt sich Lust, seinen Körper bis zur vollkommenen Erschöpfung zu fordern. „Wir wollen 33.000 oder gar 34.000 Höhenmeter erreichen. Das Ziel sind 160 Auffahrten, 141 braucht es für den Weltrekord. Ich muss wissen, ob ich das schaffen kann“, meint Grüner.

Eine Auffahrt ist übersetzt ein kleiner Streckenabschnitt von 1,87 Kilometern und 227 Höhenmetern, der von Sölden auf der Ötztaler Gletscherstraße bis zur Abzweigung Hochsölden führt. Wieso genau dieser Teil, zumal die Höhenlage ein zusätzliches Problem darstellt? „In erster Linie wollte ich im Ötztal bleiben. Und es ist der einzig wirklich gute Abschnitt, der eine ideale Steigung mit 12,1 Prozent im Schnitt hat. Es bleibt sich fast immer gleich“, erklärt Grüner.

Doch genau das Immergleiche ist die große Hürde. Egal ob Kälte, Hitze, Regen, Finsternis oder Sonnenschein – es ist immer ein und dasselbe Stückchen asphaltierte Straße. „Die 48 Stunden sind keine große Herausforderung – aber immer denselben Kurs zu fahren, ist es schon“, ergänzt der Race-around-Austria-Sieger von 2018, der bei seinem Erfolg gut 2200 Kilometer in drei Tagen, 16 Stunden und 24 Minuten abgespult hatte. Nonstop. Mit nicht einmal einer Stunde Schlaf. Beim Weltrekord-Versuch sollen es 20 Minuten sein. Maximal.

Zahlen, die für kaum einen Menschen greifbar sind. Für Grüner gehören sie ebenso zum Alltag wie die Arbeit in der Familien-Pension in Längenfeld. Und seine Passion ist so groß, dass die Begeisterung Sponsoren, Freunde und Familie in ihren Bann zieht. So geschehen bei jenen gut 30 Leuten, die entlang der Weltrekord-Strecke als Helfer und Zeugen fungieren.

Böse Erinnerungen aus Gedächtnis gestrichen

Denn anders als Wagner hat Grüner alles von „Guinness World Records“ absegnen lassen – jene Londoner Gesellschaft, die eine Bestmarke überhaupt erst zur Bestmarke macht. Dort steht der Rekord übrigens „nur“ bei 29.623,3 Metern, aufgestellt im Jahre 2015 von Craig Cannon (USA). Den will Grüner in Sölden von 26. bis 28. Juli knacken. „Wir haben alles vermessen lassen, ein Protokoll eingereicht. Wir müssen ganz genau Buch führen“, fügt Grüner noch an.

Am Ende ist der Weltrekord ein Bindeglied zwischen dem Race-around-Austria-Sieg 2018 und dem Race across America 2020. Dem wird sich Grüner auch wieder stellen. Und das, obwohl er 2017 nach 3500 der 4900 Kilometer abbrechen musste, weil seine Nackenmuskulatur dermaßen erschöpft war, dass bleibende Schäden bis hin zur Querschnittslähmung drohten. Ein Thema, das aus dem Gedächtnis gestrichen wurde. Ein Gedanke, der nicht mehr an Bord ist. „Damit habe ich abgeschlossen“, sagt Grüner. Es folgt kein Wort mehr. Nur ein Lächeln.