Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 18.03.2015


Ski Alpin

Nervende Rechenspiele mit gebrochenem Fuß für Haaser

Die Tirolerin Ricarda Haaser führt trotz Verletzung die Ski-Europacup-Gesamtwertung an. Daheim bangt sie nun um ihren Vorsprung.

© HochschwarzerZum Zuschauen auf der Terrasse am Achensee verurteilt: Ricarda Haaser mit ihrer Schiene.



Von Sabine Hochschwarzer

Achenkirch – Ricarda Haaser rechnet. 215 Punkte Vorsprung und nur noch vier Europacup-Rennen. Genervt legt die Tiroler Skirennläuferin das Handy aber wieder weg. „Es zipft mich an, dass ich keinen Einfluss mehr auf den Ausgang habe“, sagt die 21-Jährige und senkt den Blick auf ihr rechtes Bein, das in einer Schiene mit fünf großen Klettverschlüssen steckt.

Vor rund einem Monat – „es war der 13. Februar“, ergänzt Haaser – hatte sie beim Slalomtraining auf der Reiteralm eingefädelt. Die erschütternde Diagnose: Bruch des Innenknöchels und Riss des Syndemosebandes (Verbindung von Schien- und Wadenbein), eine Operation war notwendig, sechs Wochen Schiene folgten. „In zehn Tagen bin ich sie vielleicht los“, hofft die Mauracherin.

Eine andere Entscheidung fällt früher. Ab morgen fahren ihre Konkurrentinnen in Andorra um die letzten Punkte im Europacup. Am Programm stehen eine Super-Kombi, zwei Abfahrten und ein Super-G-Rennen. Nicht unbedingt die Spezialdisziplinen von Haaser, die mit drei Siegen, einem zweiten und zwei dritten Plätzen im Riesentorlauf aufgezeigt hat. „Nachdem wir gesehen haben, dass ich in der Gesamtwertung gute Chancen habe, bin ich auch im Super G angetreten“, beschreibt die Absolventin des Saalfeldener Skigymnasiums. Also wäre sie auch dieses Wochenende angetreten.

Jetzt muss sich Haaser aber zuhause im Wohnzimmer am Handy einen Stream suchen, um live dabei sein zu können: „Das mache ich ganz sicher, außer ich habe gerade Therapie.“ Die Chancen auf den Gesamtsieg stehen dennoch gut. Ihre erste Verfolgerin, die Schwedin Ylva Staalnacke, ist keine Speed-Spezialistin, genauso wenig wie Haasers Zimmerkollegin im Winter, Lisa-Maria Zeller aus Salzburg. Und Dauerrivalin Karoline Pichler aus Südtirol hat sich ebenfalls verletzt. „Mal schauen, es wäre schon cool, wenn es sich ausgeht.“ Cool, weil mit dem Gesamtsieg ein Fixplatz in allen Disziplinen im kommenden Weltcup-Winter winkt.

Dabei hat sie einen Weltcup-Platz längst fixiert. Mit dem Sieg in der Riesentorlauf-Wertung ist sie kommenden Saison in der Königsklasse der RTL-Damen dabei. Reingeschnuppert hat sie bereits 2014 in Sölden, Aare, im Kühtai und im Jahr davor beim Slalom in Levi. „Der zweite Durchgang ist sich noch nicht ausgegangen. Das kommt aber noch“, beschreibt die Achenseerin ihre Ziele. Vorerst bleibt ihr nur das Daumendrücken. Für die Kolleginnen und auch für Bruder Raphael (17), der ab heute in Innerkrems bei den österreichischen Jugendmeisterschaften startet.

Skifahren liegt den Haaser-Kindern im Blut. Vater Rene ist nebenberuflich Trainer, Mutter Simone auch Skilehrerin. Schon mit drei Jahren fuhr Klein-Ricarda stets bei den Skischulrennen mit. „Die Pokale hat die Mama dann wieder zurückgegeben, weil es so viele waren“, lacht die 21-Jährige. Die Europacup-Trophäe will sie sich aber nicht mehr nehmen lassen – sie vielleicht sogar selbst in Andorra abholen.