Letztes Update am Sa, 10.10.2015 08:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tennis

Mayr-Achleitner: „Für 100 Prozent reicht es nicht mehr“

Nach 621 WTA-Einzelpartien startet Patricia Mayr-Achleitner heute in Linz in das letzte Tennis-Turnier ihrer Karriere. Im TT-Gespräch spricht die 28-jährige Seefelderin über Flugangst, Schmerzen und Zukunftspläne.

© Thomas Boehm / TTPatricia Mayr-Achleitner setzt ihrer internationalen WTA-Karriere ein Ende, als größter Erfolg bleibt das WTA-Finale in Bad Gastein 2011.



Innsbruck – Die Tränen sind getrocknet. Tirols beste Tennisspielerin Patricia Mayr-Achleitner hat sich mit dem unfreiwilligen Ende ihrer Karriere arrangiert. Noch im Sommer nach ihrem Erstrunden-Aus in Bad Gastein gestand sie weinend, dass es nicht mehr gehe, ihr Rücken einfach nicht mehr mitspiele. Heute startet die 28-jährige Seefelderin in der Qualifikation für die Generali Open in Linz in ihr letztes Turnier. Im Vorfeld kam sie zum TT-Gespräch in die Stanser Tennishalle, wirkte zufrieden und blickte gelassen in die Zukunft.

Wie geht es Ihnen?

Patricia Mayr-Achleitner: Gut. Der Rücken macht zwar noch Probleme, die Entzündungen sind nach wie vor da, aber ich fühle mich besser. Der Alltag lässt sich inzwischen wieder ganz gut bewältigen. Nur manchmal beim Schuhebinden spüre ich schon, wie sich das Becken verschiebt.

Machen es die Schmerzen leichter, Abschied zu nehmen?

Mayr-Achleitner: Wenn du etwas dein ganzes Leben lang machst und musst dann von einem auf den anderen Tag damit aufhören, ist das nie leicht. Aber ich bin jetzt nicht mehr so traurig. Für die 100 Prozent Einsatz im Training und im Match reicht es einfach nicht mehr. Hinzu kam meine immer weiter wachsende Flugangst. Entspannt war ich in einem Flugzeug noch nie, aber das hat sich zuletzt zugespitzt, so weit, dass ich sogar Tabletten nehmen musste.

Haben Sie zuletzt gar nicht mehr spielen können?

Mayr-Achleitner: Doch, doch, allerdings nicht mehr vier Stunden täglich. Auf zwei Stunden Tennis pro Tag komme ich weiterhin. Ich will ja fit bleiben und möchte auch weiterhin Liga spielen (Österreich und Deutschland, Anm.), aber mal schauen.

Sie haben rund eine Million Euro an Preisgeldern auf der Tour verdient, lässt es sich nach Abzug aller Aufwendungen davon leben?

Mayr-Achleitner: Sagen wir es so: Durch Sponsorengelder und dem, was ich beim Ligaspielen verdient habe, habe ich jetzt keine Existenzangst und kann mir was Neues aufbauen.

Was wird das sein?

Mayr-Achleitner: Ich möchte eine Tennisschule aufmachen – gemeinsam mit meinem Mann Michael. Derzeit stehen wir mit mehreren Klubs in Verhandlungen, noch fehlt aber der richtige Standort. Ich würde gerne in Tirol bleiben und mit Kindern im Breitensportbereich arbeiten. Spitzensport gibt es im Moment in Tirol ja nicht.

Warum ist das so?

Mayr-Achleitner: Meine ganz ehrliche Meinung: Weil sie alle falsch trainiert werden im Alter zwischen acht und 14 Jahren. Wenn man sich umhört, dann heißt es: Wir sind zufrieden mit dem Klubtrainer, der macht das ja so nett mit den Kindern. Den mögen sie gerne, weil er lieb und witzig ist. Da kann nichts rauskommen, selbst das größte Talent nicht. Genau zwischen acht und bis 14 müssen die Kinder richtig und gut ausgebildet werden.

Also ist in Tirol niemand in Sicht, der in naher Zukunft in Ihre Fußstapfen tritt?

Mayr-Achleitner: Was ich so in den letzten Wochen und Monaten gesehen habe, schaut es nicht wirklich toll aus. Also in den nächsten ein, zwei Jahren sicher nicht.

Also müssen Sie selbst für Nachwuchs sorgen?

Mayr-Achleitner: (lacht) Vielleicht, irgendwann möchte ich sicher Kinder haben, aber geplant sind derzeit keine. Und ob die dann Tennis spielen wollen …

In Linz hat Ihre Karriere 2003 begonnen, in Linz geht sie jetzt zu Ende. War es ein besonderer Wunsch, dort aufzuhören?

Mayr-Achleitner: Ich spiele gerne in Österreich. Im Gegensatz zu anderen Spielerinnen beflügelt es mich mehr, als dass es eine Belastung aufgrund des höheren Erwartungsdrucks wäre. Außerdem brauche ich noch ein Turnier heuer für die WTA-Pension, die mir dann mit 50 Jahren ausbezahlt wird. Dafür muss man fünf Jahre unter den Top 100 gewesen sein und mindestens zwölf Turniere im Jahr gespielt haben.

Sie mussten ja unfreiwillig aufhören, trauern Sie irgendwelchen verpassten Chancen nach?

Mayr-Achleitner: Nein, ich bin zufrieden. Ich blicke auf eine wunderschöne Zeit zurück, habe viele Gegenden auf der Welt gesehen, war in Städten, in die ich sonst wohl nie gereist wäre. Einige sehen mich sicher auch nie wieder. Zu den Höhepunkten zählt sicher mein erstes Grand-Slam-Turnier in Australien.

Sie waren über zehn Jahre auf der Tour unterwegs. Was hat sich verändert?

Mayr-Achleitner: Das Tempo, es nimmt weiter zu. Außerdem ist es heute sicher schwieriger, Profi zu werden, als noch vor zehn Jahren. Also ich möchte derzeit nicht anfangen müssen. Allein schon, weil es in Europa kaum noch Challenger gibt und bei denen ist das Feld dann ungemein stark. Es wird immer härter, in die Top 100 zu kommen.

Sind Freundschaften geblieben?

Mayr-Achleitner: Echte Freundschaften gibt es so gut wie keine. Vielleicht bei den Männern, bei den Damen nicht. Zumindest habe ich das so nicht erlebt. Da geht keine mit der anderen nach dem Turnier noch auf ein Bier.

Das Gespräch führte Sabine Hochschwarzer