Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 26.08.2016


Olympia

Geisler contra Schröcksnadel: „Das Projekt Rio war nicht herausragend“

Tirols Sportreferent Josef Geisler hält wenig davon, die Fördersysteme in einer Firma zu bündeln. Er fordert eine Neuverteilung der Aufgaben und übt Kritik an Schröcksnadel: „Brauchen keine Killer, sondern motivierte Sportler.“

Neuer Anlauf mit neuen Strukturen: Sportminister Hans-Peter Doskozil (r.) – hier mit Rio-Koordinator Peter Schröcksnadel –will eine neue Gesellschaft gründen, um die Sportförderung neu aufzustellen.

© gepaNeuer Anlauf mit neuen Strukturen: Sportminister Hans-Peter Doskozil (r.) – hier mit Rio-Koordinator Peter Schröcksnadel –will eine neue Gesellschaft gründen, um die Sportförderung neu aufzustellen.



Von Peter Nindler

Innsbruck – Bei den Olympischen Spielen in Rio ist Österreich mit einer Bronzemedaille knapp an Blech vorbeigeschrammt. Trotz des mit 20 Millionen Euro geförderten und von Skiverbandspräsident Peter Schröcksnadel koordinierten „Projekts Rio 2016“. Als Konsequenz daraus möchte Sportminister Hans-Peter Doskozil (SP) die aufgesplitterten Förderungen in einer neuen Gesellschaft vereinen. Die schnelle Antwort auf das mäßige Abschneiden bei Olympia greift für den Tiroler Sportreferenten LHStv. Josef Geisler (VP) zu kurz. „Was bringen Parallel­strukturen? Und wer sind die neuen Experten? Das Projekt Rio war schließlich auch nicht herausragend.“

„Wir brauchen im österreichischen Sport keine Killer, sonder­n vor allem motivierte Sportler“, sagt LHStv. Josef Geisler
(Sportreferent).
„Wir brauchen im österreichischen Sport keine Killer, sonder­n vor allem motivierte Sportler“, sagt LHStv. Josef Geisler
(Sportreferent).
- Land Tirol

Insgesamt fordert Geisler eine Aufgabenreform. „Natürlich wäre es wünschenswert, wenn es etwa nur einen Dachverband geben würde, aber die drei sind historisch gewachsen. Anstatt sich hier seit Jahren die Zähne auszubeißen oder Ankündigungspolitik zu betreiben, sollten die Ziele klarer definiert und danach die Förderungen vergeben werden.“ Für Geisler werde vielfach das Gleiche vom Gleichen gemacht, „deshalb braucht es die Aufgabenreform, und nicht so sehr eine neue Sport-GmbH“.

Aufgabenreform? Bisher war das ein Fremdwort, obwohl der Bundesrechnungshof (RH) bereits 2009 massive Kritik an der Sportorganisatio­n bzw. -förderung in Österreich geübt hat. Angesichts der aktuellen Debatten fühlt man sich acht Jahre zurückversetzt. Der RH kritisierte damals „unübersichtliche und komplexe Strukturen durch nebeneinander bestehende Förderungssysteme mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Förderungsbereichen.“ Weiters rügte er nicht exakt abgegrenzte oder koordinierte Förderungsbereiche mit anderen Gebietskörperschaften und Förderungsgebern sowie fehlende Schwerpunktsetzungen insbesondere im Leistungs- und Spitzensport.

Das müsste der Politik bekannt vorkommen, schließlich werden jährlich mehr als 500 Mio. Euro für den Sport aufgewendet; wobei die Vereine und Sportler das letzt­e Glied in diesem undurchsichtigen Dschungel sind. 130 Mio. Euro kommen vom Bund, ca. 100 Mio. Euro von den Ländern und 300 Millionen von den Gemeinden. Das Land Tirol lässt sich die Sportförderung acht Mio. Euro kosten, die drei politisch eingefärbten Dachverbände ASVÖ (VP-nah­e), ASKÖ (SP) und Union (VP) erhalten 365.000 Euro: ASVÖ (170.000 €), ASKÖ und Union jeweils 97.500 €.

Sportdickicht

Organisation. Die Organisation des heimischen Sports ist kompliziert. Einerseits sind staatliche Institutionen für den Sport zuständig, die wiederum auf Bundes- sowie auf Länder­ebene (neun Landessportgesetze) agieren, und andererseits nicht-staatliche Organisationen. Zu ihnen zählen die Österreichische Bundes-Sportorganisation (BSO), das Österreichische Olympische Comité (ÖOC), das Österreichische Paralympische Committee (ÖPC), Special Olympics Österreich (SOÖ), die Dach- und Fachverbände und rund 14.200 organisierte Sportvereine.

Dachverbände. Mit den Dachverbänden ASKÖ, ASVÖ und Union, die von ÖVP und SPÖ dominiert werden, präsentiert sich ein aufgeblähter Apparat. Denn die drei Dachorganisationen haben wiederum in allen Ländern ihre Zweigstellen – das ergibt insgesamt 30 Organisationseinheiten. Zudem gibt es die 60 Fachverbände, die wiederum in den Ländern aktiv sind. In Tirol sind es 47 Landessportfachverbände mit 1814 Vereinen und rund 200.000 Einzelmitgliedern.

Mehr als 500 Mio. Euro Sport-Förderung . Jährlich werden mehr als 500 Millionen Euro in den Sport gepumpt. Mit der allgemeinen (Infrastruktur) und besonderen Sportförderung von rund 130 Millionen Euro deckt der Bund den Großteil ab. 80 Millionen davon vergibt der Bundes-Sportförderungsfonds an Sportverbände. Der Spitzensport erhält davon 50 Prozent, der Breitensport 45 %, und „zentrale Förder­nehmer“ bekommen fünf Prozent. Die Länder steuern noch einmal rund 100 Mio. bei, die Gemeinden 300 Millionen Euro.

Geisler sieht hier den Bund gefordert, strukturelle, „aber vor allem inhaltliche Änderungen herbeizuführen. Die Dachverbände sollten nicht dasselbe tun, sondern Schwerpunkte setzen“. Daraus würde sich dann die Förderung ableiten. „Ein­e neue Gesellschaft braucht es dafür nicht.“ Voraus­setzung sei auch eine bessere Abstimmung mit den Sport-Fachverbänden

Verwundert ist der Tiroler Sportreferent über die Analyse von Rio-Koordinator Peter Schröcksnadel aufgrund des durchwachsenen Abschneidens der Österreicher. „Zu sagen, es benötigt im Sport Killer, ist das falsche Signal. Hier denkt der Präsident zu einseitig. Wir brauchen nämlich vor allem motivierte Sportler.“ Gleichzeitig werfe das Projekt Rio die Frage auf, ob zusätzliche Strukturen die richtige Antwort auf ausbleibende Erfolge seien. „Es wurde sicher nicht schlecht gearbeitet, aber die Reform muss im Inneren erfolgen, um die Mittel effizienter einzusetzen.“

Und wie steht es mit der Tiroler Selbstkritik? Die Ausbeute auf Spitzensportebene im Sommer ist ebenfalls nicht berauschend, obwohl sich Tirol als Sportland positioniert und zahlreiche Veranstaltungen – vom Triathlon bis zu Radgroßveranstaltungen – unterstützt. Dazu gibt es Mountainbike-Events und Wildwasser­strecken. „Unzweifelhaft sind wir kein Leichtathletik-Land und definieren uns natürlich über den Wintersport. Aber die Veranstaltungen sind wichtig als Motivation für die Jugend und auch für den Breitensport.“