Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.11.2016


Schach

Ein Mozart feilt am Meisterwerk

Eine Schachkarriere wie eine Symphonie. Magnus Carlsen arbeitet Zug um Zug an ihrer Vollendung, wenn ihm da nicht sein Herausforderer Sergey Karjakin einen Strich durch das Notenblatt macht.

Sergey Karjakin (l.) und Magnus Carlsen.

© Motage TT/EPA, APSergey Karjakin (l.) und Magnus Carlsen.



Von Clemens Heidegger

New York – Es ist zwar nicht die Bühne der Carnegie Hall, New Yorks berühmtestes Konzerthaus, wo Magnus Carlsen und Sergey Karjakin heute (19 Uhr MEZ) in der ersten Partie im Kampf um die Schachweltmeisterschaft aufeinandertreffen. Aber nur unweit davon, im Fulton Market Building in Manhatten, erwarten sich die Experten Kunst auf höchstem Niveau. Schachkunst, versteht sich. Nicht zuletzt deswegen wird Carlsen auch „Der Mozart des Schachs“ genannt. Der Werdegang des 25-Jährigen mutet ohnehin wie die Symphonie eines großen Meisters an.

Schach lernte Carlsen von seinem Vater im Alter von fünf Jahren. Die ersten Prestigeduelle gab es mit seiner um ein Jahr älteren Schwester Ellen, die der Dreikäsehoch recht rasch für sich entschied. Dass es sich bei Carlsen um einen Ausnahmekönner handelt, war spätestens klar, als er mit elf Jahren dem ehemaligen Schachweltmeister Garry Kasparov bei einem Schnellschach-Turnier gegenübersaß. Die Begrüßung Kasparovs war freundlich, lächelnd, nach einigen Zügen stützte er jedoch seinen Kopf in die Hände und zeigte die für ihn typischen nervös-angestrengten Gesichtsausdrücke, während der junge Carlsen lässig im Saal herumschlenderte und den Verlauf anderer Partien beobachtete. Der Norweger hatte einen Stellungsvorteil. Die Begegnung endete unentschieden, Carlsen trauerte der vergebenen Chance nach, Kasparov verließ nach einem eiligen Handschlag den Saal, das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden.

Mit nur 13 Jahren und vier Monaten errang Carlsen dann den Titel eines Großmeisters, den Ritterschlag für Schachspieler. Damit war er der zweitjüngste aller Zeiten. Nur einer erreichte das noch früher: Ein gewisser Sergey Karjakin (12 Jahre, 7 Monate) – der heutige WM-Kontrahent.

Die weitere Entwicklung der beiden Großmeister verlief unterschiedlich, Carlsen stieg rasant zur absoluten Weltspitze auf. Unaufhaltsam kletterte er die Weltrangliste nach oben, bis er schließlich im Jänner 2010 im Alter von 19 Jahren die Spitze erklomm. Nicht nur das, er enteilte dem Rest der Schachwelt regelrecht, was in der ewigen Rekord-ELO-Zahl (errechnete Punktzahl, welche die Spielstärke angibt) von 2889 gipfelte.

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Legendäres und Richtungsweisendes ereignete sich 2013 beim Sinquefield-Cup in St. Louis (USA). Carlsen schlug ein Remis-Angebot seines armenischen Gegners Levon Aronian – ein Unentschieden hätte dem Norweger bereits zum Turniersieg gereicht – aus. Stattdessen rang er in einem zähen, langen Endspiel seinen Kontrahenten nieder. Damit festigte er seinen Ruf, auch in scheinbar klaren Remis-Stellungen bis zum letzten Zug zu kämpfen, den Gegner zu zermürben und den Sieg zu erzwingen.

Karjakins Aufstieg in die Schachelite dauerte etwas länger. Obwohl das ukrainische Ausnahmetalent Stammgast bei hochkarätigen Turnieren war, sah er in seinem Geburtsland zu wenig Entwicklungsmöglichkeiten, was ihn 2009 zum Wechsel in den russischen Schachverband bewog. Er wurde auch russischer Staatsbürger. Bei der Weltmeisterschaft im Schnellschach 2012 war er nicht zu schlagen und holte sich die Krone – pikanterweise vor Carlsen.

Beim Kandidatenturnier zur Weltmeisterschaft 2014 noch auf Platz zwei gelegen, erkämpfte er sich in diesem Jahr in einem nervenaufreibenden Turnier den Sieg und so das Recht, gegen Dauerrivale Carlsen anzutreten.

Steckbriefe und Fakten zur WM

Der Herausforder:

Sergey Karjakin (26), geboren am 12. Jänner 1990 in der Ukraine.
Titel: Internationaler Meister: 2002, Großmeister 2002
Größte Erfolge: Weltmeister im Schnellschach 2012, Sieger des Schach-Weltpokals 2015
Derzeitige ELO-Zahl: 2772
Beste ELO-Zahl: 2788

Der Weltmeister:

Magnus Carlsen (25), geboren am 30. November 1990 in Norwegen.
Titel: Internationaler Meister 2003, Großmeister: 2004
Größte Erfolge: Schachweltmeister 2013, 2014, Weltmeister im Blitzschach: 2009, 2014, Weltmeister im Blitzschach: 2009, 2014
Derzeitige ELO-Zahl: 2853
Beste ELO-Zahl: 2882

Austragungsort. Das Turnier wird vom 11. bis 30. November im Fulton Market Building im Süden von Manhattan ausgetragen.

Modus. Der Wettkampf geht über maximal zwölf Partien und endet vorzeitig, wenn ein Spieler 6½ Punkte erzielt hat. (Für einen Sieg gibt es einen vollen Punkt, bei Remis erhalten beide Spieler einen halben Punkt). Bei einem Gleichstand wird ein Tie-Break mit verkürzter Bedenkzeit gespielt.

Umfassende Berichterstattung im Internet. Auf mehreren Websites können die Partien in Echtzeit mitverfolgt werden, kommentiert von bekannten Schach-Großmeistern. Die offizielle Internetseite

www.worldchess.com bietet darüber hinaus auch Live-Bilder des Turniergeschehens. Die Partien beginnen jeweils um 19 Uhr MEZ.