Letztes Update am Mi, 21.12.2016 10:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Toro-Rosso-Boss Tost: „Wir haben nur noch eine WM der Motoren“

Der Tiroler Franz Tost (60), Formel-1-Teamchef des Rennstalls Toro Rosso, spricht über Mercedes, mangelnde Show und Wunderkind Max Verstappen.

Toro-Rosso-Chef Franz Tost.

© gepaToro-Rosso-Chef Franz Tost.



Wie sehen Sie die momentane Suche nach einem Mercedes-Nachfolger für Weltmeister Nico Rosberg (GER)?

Franz Tost: Das ist eine sehr schwierige Situation, keine Frage. Ein Team, das in den letzten Jahren alles gewonnen hat, steht auf einmal vor dem Problem, dass der Weltmeister zurücktritt. Zudem passierte es zu einem sehr späten Zeitpunkt. Da haben alle Top-Fahrer natürlich schon ihre Verträge unter Dach und Fach gebracht.

Würden Sie Jungstar Pascal Wehrlein (22/GER) eine Chance geben?

Tost: Sie haben mit Wehrlein einen sehr guten Mann in der Hinterhand. Nur ist die Erwartungshaltung bei einem Weltmeisterteam natürlich eine ganz andere. Früher oder später wird Wehrlein um Siege fahren können, aber derzeit ist es noch zu früh. Ich sage immer: Ein Fahrer braucht drei Jahre, um alles in der Formel 1 zu verstehen. Natürlich wäre die Paarung Hamilton/Wehrlein die einfachere Variante. Aber es geht für das Team um die Konstrukteurs-WM. Da geht es um sehr, sehr viel Geld. Die offene Fahrerfrage zu diesem Zeitpunkt ist für die gesunde Teamstabilität sicher nicht förderlich.

Wie sehen Sie den Rücktritt des Weltmeisters?

Tost: Rosberg ist 31 Jahre alt, hat die WM gewonnen, ist gesund und hat sich entschieden aufzuhören. Das muss man respektieren. Von meiner Warte aus ist das absolut in Ordnung. Ich kenne Nico besser und weiß: Der hat sich das sehr gut überlegt hat.

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Was erwarten Sie für 2017?

Tost: Es beginnen alle bei null. Die Boliden werden komplett anders aussehen. Wir bekommen wieder den Renault-Antrieb zurück, so können die Synergien mit Red Bull besser genützt werden. Ich erwarte mir, dass wir im vorderen Mittelfeld dabei sind.

Ihr technischer Direktor James Key ist schon recht lange am 2017er-Boliden dran. Wird das Auto darum umso besser?

Tost: James startete schon im November 2015. Und es ist klar: Je länger man für die Entwicklung Zeit hat, desto besser sollte das Auto werden. Allerdings nur, wenn die Richtung stimmt.

Wird 2017 ein Ende des Mercedes-Solos erwartet?

Tost: Das hoffen wir alle. Denn sonst werden viele Leute bald nicht mehr zuschauen, weil die Rennen stinklangweilig wären. Zusätzlich hoffe ich auf Red Bull und Ferrari. Die Rennen müssen mehr Unterhaltung bieten. Die Zuschauer wollen wechselnde Sieger, Unfälle, keine Verletzten, aber es darf krachen. Das höre ich immer wieder von meinen Freunden, die sagen: „Früher hat’s wenigstens am Start gekracht.“ Dafür muss der Strafenkatalog verschwinden.

Warum?

Tost: Die Piloten sollen draußen einfach fahren. Wir brauchen keine Fahrregeln. Wenn du dich in der Formel 1 mit einem Gegner anlegst, gehst du das Risiko ein, dass du auch dein Auto beschädigst. Lasst die Fahrer fahren! Und wenn sie crashen, dann crashen sie. Teil des Spiels, Teil der Unterhaltung und basta.

Max Verstappen (NED) lieferte eine große Show. Haben Sie das erwartet, als er heuer unterm Jahr von Toro Rosso zu Red Bull aufgestiegen ist?

Tost: Natürlich, sonst hätte ihn Red Bull nicht unter Vertrag genommen. Wir sind damals kritisiert worden, dass wir einen 17-Jährigen in ein Formel-1-Auto gesteckt haben. Ein absoluter Blödsinn. Früher hast du einen Führerschein gebraucht, um in der Formel Ford zu fahren. Dann bist du mit Mitte 20 aufgestiegen und hast als Junger gegolten. Heute hat ein Verstappen mit 17 Jahren schon elf Jahre Rennerfahrung vorzuweisen.

So kamen die starken Auftritte wenig überraschend.

Tost: Für mich war klar, dass Verstappen nie ein Problem mit der Fahrzeug-Beherrschung bekommen wird. Was wir nicht wussten: Wie reagiert er auf das Drumherum? Auf einmal will die Presse was. Du hast nicht einen, sondern fünf Ingenieure. Du bist für Werbezwecke im Einsatz usw. Da muss man die jungen Fahrer richtig führen. Sonst sitzen sie am Sonntag, wenn es um alles geht, mental müde im Auto.

Wie sich Verstappen dann in den Zweikämpfen geschlagen hat, das war herzerfrischend. Das wollen die Leute sehen. Hin und wieder habe ich mich gefragt: Sind die anderen nur noch Ministranten?

Verstappen erinnerte an Sebastian Vettel (GER).

Tost: Als Sebastian bei uns die ersten Rennen fuhr, da kam er regelmäßig mit einem kaputten Frontflügel in der ersten Runde an die Box. Ein Junger muss so fahren. Ich nenne das immer die „Unfall-Periode“.

Themenwechsel: Wo muss man ansetzen, um die Mischung zwischen Show und Sport zu verbessern?

Tost: Wenn man die Show verbessern will, muss man zunächst die Motoren-Gleichheit herstellen. Sollte Mercedes 2017 wieder so weit vorne sein, müsste die FIA (Weltverband, Anm.) den Motor einfrieren und die anderen aufholen lassen. Was frei bleiben sollte, ist die Weiterentwicklung an den Batterien. Die gewonnenen Erkenntnisse inklusive jener der Rückgewinnungssysteme können ja auf die Automobilindustrie transferiert werden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben wir keine Fahrer-WM – wir haben nur noch eine WM der Motoren! Bitte nicht falsch verstehen, aber in dem Mercedes wären auch Alonso oder Vettel Weltmeister geworden.

Technische Vorsprünge gab es schon öfters.

Tost: Richtig, aber das Anspruchsniveau, unterhalten zu werden, ist gestiegen. Und dem muss man sich anpassen. Es gibt zu viele andere Sportarten, deshalb muss was geboten werden.

Die Kosten sind immer ein Thema in der Formel 1. Wie sehen Sie das?

Tost: Die Kosten müssen reduziert werden. Es kann nicht sein, dass Teams 450 Millionen Euro im Jahr ausgeben. Zugleich wird aber bei den Straßenautos um jeden Cent gefeilscht. Auch die Hersteller werden diese Summen nicht ewig akzeptieren. Das ist untragbar. Wir geben in der Formel 1 viel zu viel Geld aus.

Ihr Vorschlag?

Tost: Jedes Team hat, zum Beispiel, ein Budget von 150 Millionen Euro zur Verfügung, alles kontrolliert über die FIA (Weltverband, Anm.). Die Großen schreien zwar, man könnte das nicht kontrollieren, aber das ist Blödsinn. Bei Toro Rosso weiß ich, wie viel jede Schraube kostet. Viele behaupten, Weiterentwicklungen wären nicht zu kontrollieren. Ebenso Blödsinn. Wenn sich jemand weigern würde, die Aufwendungen zu zeigen, dann ist die Sache einfach: Die FIA könnte den doppelten Durchschnittspreis der anderen Teams für so ein Teil verrechnen. So schnell könnte man gar nicht schauen, wie die Rechnungen eintrudeln würden.

Was muss noch passieren?

Tost: Die Ticketpreise müssen runter. Wir brauchen die Familien und müssen die Kinder gewinnen. Wenn ein Ticket 300 Euro kostet und jemand geht mit seiner Frau und zwei Kindern hin, dann ist er 1200 Euro los. Das geht nicht. Zusätzlich müssen die Veranstalter mehr tun. Sprich: Konzerte könnten ein Teil des Programms sein. In Austin (USA, Anm.) kamen allein 80.000 Zuschauer zum Konzert mit jeder Menge Jungen.

Mit dem möglichen neue­n Mehrheitseigentümer, Liberty Medien, könnten solche Dinge fix umgesetzt werden.

Tost: Es sieht verheißungsvoll aus, auch wenn man etwas aufpassen muss. Das Motorsport-Verständnis zwischen den USA und Europa ist sehr unterschiedlich: Bei den Amerikanern geht es nur um die Show, bei uns nur um die Technologie. Für die Formel 1 sind beide Extreme schlecht.

Was sagen Sie zur Rückkehr von Le Castellet (FRA) in den Rennkalender 2018?

Tost: Für mich müssen andere Destinationen her. Mir sind zu viele Grands Prix in Europa. Ich weiß, dass ich da gegen meine Kollegen spreche. Aber wir müssen nach Südafrika, brauchen mehr US-Rennen, müssen nach Argentinien, und auch Indien wäre vom Markt her ganz wichtig. Die Formel 1 ist ein globaler Sport. 2015 sahen das ganze Jahr über eine halbe Milliarde Fans die Rennen live. Solche Zahlen haben normal nur die Fußball-WM oder die Olympischen Spiele. Wir haben das jedes zweite Wochenende. Man sieht also: Das Produkt funktioniert nach wie vor. Aber es muss was getan werden.

Abschließend: Fehlt Ihnen das Skifahren als Tiroler?

Tost: Das stimmt, ja! Das vermisse ich sehr. In den letzten 20 Jahren bin ich vielleicht zehn Stunden am Berg gewesen. Und wenn ich nach England fliege und die Alpen unter mir sehe, denke ich mir immer wieder: „Ach, was machst du da nur im Flieger? Du solltest jetzt mit den Skier­n im Pulver stehen!“ Aber so ist das nun einmal. (lacht)

Das Gespräch führte Daniel Suckert




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