Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.06.2017


Exklusiv

Franz Tost: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“

Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost (61) sprach vor dem Kanada-Grand-Prix am Wochenende mit der TT über seinen WM-Tipp, ausufernde Budgets und Lucas Auer.

Blickt noch skeptisch in die Zukunft der Formel 1: der Tiroler Franz Tost (Teamchef Toro Rosso).

© gepaBlickt noch skeptisch in die Zukunft der Formel 1: der Tiroler Franz Tost (Teamchef Toro Rosso).



Derzeit leuchtet Platz fünf in der Konstrukteurs-WM auf — das wäre auch am End­e der Saison das große Ziel, oder?

Franz Tost: Der fünfte Platz in der Konstruktionsmeisterschaft ist das klar definierte Ziel. Alles andere wäre eine Enttäuschung.

An der Spitze kämpfen zwei Weltmeister, dahinter im Mittelfeld sind Sie mit Force India, Renault, Williams und Sauber.

Tost: Die Chancen sind gegeben, Renault, Williams und Sauber hinter uns zu lassen. Bei Force India wird die Luft schon sehr dünn, die haben ein richtig starkes Paket.

Wie zufrieden sind Sie mit dem neuen Toro Rosso?

Tost: Unser STR12-Bolide hat eine gesunde Basis, das zeigten die Wintertests in Barcelona, das beweisen aber auch die Resultate der ersten sechs Rennen. Jetzt hängt es davon ab, wie effizient wir weiterentwickeln und ob wir das Niveau halten oder, besser noch, steigern können.

Wie zufrieden sind Sie mit den Piloten? Carlos Sainz (ESP) scheint besser als Daniil Kwjat (RUS) in Tritt gekommen zu sein.

Tost: Carlos zeigte in den bisherigen Rennen eine wirklich gute Performance. Besonders im Qualifying und er entwickelt ein immer besseres Verständnis für die optimale Ausnutzung der Reifen. Danii­l wurde einige Male von der Technik im Stich gelassen. Im Qualifying ist er manchmal noch etwas zu aggressiv in seiner Fahrweise.

Hat sich die Rückkehr zu den Renault-Motoren rentiert? Ein Update wurde nun ja bereits zweimal verschoben.

Tost: Renault hat einen komplett neuen Antrieb konstruiert, der sehr viel Potenzial hat. Bis dessen Optimum zur Verfügung steht, braucht es aber noch Zeit. Vor allem die Haltbarkeit einzelner Komponenten muss verbessert werden. Solange die nicht gewährleistet ist, kann auch die volle Leistung nicht abgerufen werden.

Wie gefällt Ihnen die neue Formel 1? Die Euphorie ist ja recht groß. Gibt es aus Ihrer Sicht noch Schrauben, an denen gedreht werden muss?

Tost: Die neuen Formel-1-Autos sehen spektakulär aus, sind schwieriger zu kontrollieren, physisch wesentlich anstrengender zu fahren, und dank Ferrari sehen wir attraktive Rennen. Aber: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Inwieweit?

Tost: Wir beobachten gegenwärtig eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Mercedes und Ferrari sind teilweise über eine Sekunde vor dem Rest des Felds. Die Ursache dieses Wettbewerbsunterschiedes liegt hauptsächlich im Entwicklungstempo. Die Top-Teams bringen zu jedem Rennen neue Modifikationen. Ihre Budgets liegen in einem Bereich von 500 Millionen Euro. Und genau hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Woran denken Sie?

Tost: Die Kosten müssen drastisch gesenkt werden. Der neue Eigentümer Liberty Media muss sich auch folgenden Themen widmen: erstens eine Kostensenkung über ein klar definiertes Reglement. Zweitens benötigt es einen gerechten Schlüssel zur Verteilung der Einnahmen an die Rennställe. Und drittens müssen die Grands Prix familienfreundlicher aufgezogen werden.

Spüren die Teams schon die neuen Machtverhältnisse rund um Chase Carey (Liberty Media)? Ist nun vieles eher möglich als in der Ära von Bernie Ecclestone?

Tost: Es gibt schon mehr Freiheiten. Zum Beispiel, wenn es darum geht, soziale Medien in das gesamte Kommunikationssystem besser zu integrieren. Generell ist bis 2020 das Meiste geregelt, die Auswirkungen von Liberty Media werden so erst ab 2021 voll durchschlagen können. Schon jetzt steht aber eine Frage im Fokus: Wird es Liberty Media gelingen, die bisherige Formel-1- mit der amerikanischen Motorsport-Philosophie zu vereinen? Die Formel 1 ist mit ihrem jetzigen Reglement eine reine Technik-WM, in den USA hingegen setzt man ausschließlich auf Entertainment. Hier einen goldenen Mittelweg zu finden, wird entscheidend sein für die Zukunft der Königsklasse.

Bei welchem Rennen könnten Sie mit Ihrem Team eine Überraschung liefern?

Tost: Ohne besondere Umstände wie Regen oder andere unvorhersehbare Zwischenfälle können wir nicht aufs Podium fahren. So ehrlich muss man sein.

Trauen Sie sich schon zu sagen, ob Sebastian Vettel (GER/Ferrari) oder Lewis Hamilton (GBR/Mercedes) am Ende die Nase in der WM vorne haben wird?

Tost: Zwischen den beiden tobt momentan ein sehr ausgeglichener Kampf. Wobei ich es am Ende Vettel wünschen würde, dass er vorne liegt, weil er zusammen mit Ferrari wirklich einen hervorragenden Job erledigt.

Und wie sehen Sie die Leistungen Ihres Tiroler Landsmannes Lucas Auer in der DTM? Ist die Chance auf die Formel 1 realistisch?

Tost: Durch seine Siege und die Führung in der Meisterschaft hat der Lucas einmal mehr sein Talent unter Beweis gestellt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich eine Türe in der Formel 1 öffnen wird.

Das Gespräch führte Daniel Suckert