Letztes Update am Do, 02.11.2017 09:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Berger: „Wir konnten noch Helden sein, heute ist alles berechenbar“

Tirols Formel-1-Legende Gerhard Berger (58) sprach mit der Tiroler Tageszeitung über die gute alte Zeit, die aktuelle DTM und die Zukunft der Königsklasse.

© gepa2017: Gerhard Berger hat sein Lächeln auch als DTM-Boss nicht verloren.



Ist Lewis Hamilton (GBR/Mercedes) ein verdienter Formel-1-Weltmeister?

Gerhard Berger: Lewis ist unglaublich. Und ich möchte auch nicht Max Verstappen (NED/Red Bull) unerwähnt lassen. Da sind gerade Piloten unterwegs, die Motorsport vom Allerfeinsten abliefern. Das muss man schon sagen. Einen Lewis Hamilton muss man in Richtung Ayrton Senna (BRA) einordnen. Das ist schon ein ganz besonderer Rennfahrer.

Wie realistisch ist es, dass die Formel-1-Fans im kommenden Jahr mit Hamilton, Verstappen und einem Sebastian Vettel (GER/Ferrari) einen Dreikampf zu sehen bekommen?

Berger: Man sieht ja jetzt schon, dass das Feld näher zusammenrückt. Mercedes hatte einen riesigen Vorsprung, aber der verpufft Schritt für Schritt. Mittlerweile machen sie nur noch kleine Entwicklungsschritte und die Konkurrenz holt auf. Als Fan darf man durchaus auf einen Dreikampf an der Spitze hoffen, auch wenn die silberne Dominanz noch ein wenig mitschwingt. Aber der Ferrari konnte heuer ein ums andere Mal aufzeigen und der Red Bull ist mittlerweile bärenstark.

Wie gefällt Ihnen generell die neue Formel 1 mit den breiteren Boliden?

Berger: Das passt alles. Man wünscht sich halt nach wie vor, dass mehr Teams an der Spitze mitkämpfen. Die Herren von Force India beispielsweise machen als vierte Kraft einen tollen Job, haben aber schon 1,5 Sekunden Rückstand. Es wird guter Sport geliefert, wir haben tolle Fahrer-Typen und die Unterhaltung passt.

Und wie sehen Sie das Rundherum?

Berger: Das sehe ich positiv kritisch. Es tut sich viel und die Stimmung vor Ort ist sehr positiv. Aber das, was in Texas (USA) passiert ist, war mir persönlich zu viel Klimbim. Einmarsch mit Nebel, die Fahrer einzeln aufrufen – das ist nicht mein Geschmack. Das ist mir zu wenig Motor- und zu viel Box-Sport. Aber man merkt sicher eine Aufbruchsstimmung.

1990: Bei McLaren entwickelte sich mit Ayrton Senna (BRA/r.) eine tiefe Freundschaft.
- imago sportfotodienst

Apropos Texas: Da erlebte man auf der Strecke einen Hauch von Überregulierung, was die Strafe gegen Verstappen betrifft. Jetzt soll 2018 noch das Halo-System (Überrollbügel) kommen. Ist das zu viel Sicherheitsdenken in einer Sportart, in der man Helden sehen will?

Berger: Das ist ein Konflikt, der stets aufkommt. Ich bin da bei Niki Lauda, der das auch kritisch sieht. Das Halo-System entspricht nicht der DNA der Formel 1 und sieht schrecklich aus. Auf der anderen Seite: Wenn es Leben rettet, ist es gerechtfertigt. Ich habe bei dem Thema gemischte Gefühle.

Wenn ich mich an meine Kindheit zurückerinnere: In meinem Zimmer sind Poster von Popstar Michael Jackson, Ayrton Senna und Ihnen gehangen. War es für Ihre Generation noch einfacher, ein Held zu sein?

Berger: Heute ist alles sehr berechenbar geworden. Das betrifft vor allem die Technik. Die Berechenbarkeit gibt Hamilton und Co. nicht mehr die nötige Bühne, die wir noch hatten. Wir konnten noch Helden sein. In unserer Zeit gaben die Bremsen ihren Geist auf, einmal hielt der Reifen nicht, dann gab es einen Motorschaden. Körperlich war es eine ganz andere Herausforderung und zusätzlich lauerte die Gefahr an jeder Ecke. Das Sicherheitsempfinden war für die Zuschauer ein ganz anderes. Die unmittelbare Gefahr in unserer Zeit hat die Zuschauer bewegt, zum Schwitzen gebracht und in ihnen das Gefühl verbreitet: ,Das ist mir zu gefährlich. Das kann ich nicht.‘ Das alles gibt es heute praktisch nicht mehr. Passieren kann immer noch was, wie man bei Jules Bianchi in Japan (tödlicher Unfall 2014, Anm.) gesehen hat. Aber es stellt die Ausnahme dar.

Ich erinnere mich noch an ein älteres Interview von Ihnen. Damals sagten Sie, der Feuerunfall in Imola (1989) hätte Sie verändert. Sie wären nicht mehr mit vier Rädern über die Wiese gerast.

Berger (lacht): Das könnten die Jungs heute von Haus aus gar nicht mehr machen, weil sie sofort bestraft werden. Die Überregulierung ist sicher keine gute Geschichte.

Am 26. Oktober 1997 sind Sie zurückgetreten. Gibt es einen Sieg, der Ihnen von den zehn speziell in Erinnerung geblieben ist?

Berger: Die waren alle durch die Bank schön. Jeder Sieg hat etwas Spezielles – ob das der erste in Mexiko (1986) oder der letzte am Hockenheimring (1997) – sie hatten alle was.

Würden Sie trotz ausgebliebenem Weltmeistertitel noch einmal alles so machen?

Nur in höchsten Tönen spricht Berger über den vierfachen Weltmeister Lewis Hamilton (GBR), den er auf Augenhöhe mit Senna sieht.
- gepa

Berger (lacht): Ja, absolut. Ich wüsste nicht, was ich ändern würde.

Kommen wir zum Deutschen Tourenwagen Masters (DTM): Wie fällt Ihre erste Jahresbilanz als Boss aus?

Berger: Bis auf den Mercedes-Rückzug ab 2019 verlief alles nach Plan. Der Rücktritt war sicher ein Rückschlag, an dem wir zu knabbern haben. Trotzdem arbeiten wir gerade an einer Lösung. Die Reichweite und die Einschaltquoten sind gestiegen, wir hatten beim Hockenheim-Finale über 150.000 Zuschauer. Das sind Zahlen, wie man sie nur aus der Formel 1 kennt.

Auch der Sport war spannend.

Berger: Nach der MotoGP kommen sicher gleich wir. Vor dem Finale konnten noch sechs Fahrer den Titel holen. Das Produkt stimmt also und die Plattform passt. Aber die Mercedes-Problematik und der Wunsch nach mehr Herstellern, an dem arbeiten wir.

Da kommt die japanische GT-Serie ins Spiel.

Berger: Der erste Schritt ist einmal die Vereinheitlichung des Reglements. Das sollte für 2019 passen. Dann spricht nichts dagegen, dass Nissan, Honda und Toyota zu überschaubaren Preisen auch in Europa antreten.

Glauben Sie, dass Mercedes noch einmal alle Ressourcen aktivieren wird?

Berger: Das ist die Frage, wie man das Bröckeln verhindert. Denn wenn jemand weiß, es wird sein letztes Jahr, ist er meistens mit dem Kopf schon woanders.

Es gibt ein Gerücht: Die DTM würde einen zweiten Österreich-Stopp in Salzburg anstreben.

Berger: Gerade Salzburg würde Sinn machen aufgrund der Nähe zur bayerischen Grenze. Nur der Salzburgring selbst hat noch nicht die Voraussetzungen zu bieten, die wir benötigen, vor allem sicherheitstechnisch. Der Ball liegt jetzt bei den Veranstaltern.

Was steht in Ihrem zweiten Jahr auf der Agenda ganz oben?

Berger: Auftritte wie beim Finale in Hockenheim öfter zu erleben.

Abschlussfrage: Ihr Neffe Lucas Auer fuhr sich heuer mehrmals in den Vordergrund. Was muss besser werden?

Berger: Vor allem die Konstanz. Er muss mehrere Rennen auf hohem Niveau abliefern, dann klappt es auch mit dem Titel.

Das Gespräch führte Daniel Suckert


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