Letztes Update am Mo, 04.12.2017 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Missbrauch

Vorwürfe gegen ÖSV: Ein System, das keiner verantworten will

Wenn es um Sportschwerpunktschulen geht, weist der Österreichische Skiverband die Verantwortung von sich. Nicola Werdenigg indes will hinter den Missbrauchsvorfällen „Systemisches“ erkennen.

© GEPA-26101355052 - SOELDEN,AUSTRIA,26.OKT.13 - SKI ALPIN - FIS Weltcup Auftakt, Rettenbachferner, Riesentorlauf der Damen. Bild zeigt ein Feature der Piste. Foto: GEPA pictures/ Andreas Pranter



Von Florian Madl

Innsbruck – Am 30. September 2017 war die Welt noch heil, da feierte das Schigymnasium Stams seinen 50. Geburtstag. Den größten negativen Anstrich erfuhr die Medaillenschmiede des heimischen Skisports in der bewegten und zumeist erfolgreichen Vergangenheit durch einen Bericht im deutschen Nachrichtenmagazin Spiegel, in dem die Talentwerkstatt in die Nähe des anrüchigen DDR-Systems gerückt wurde. Ein Klacks im Vergleich zu dem, was sich augenblicklich abspielt. Dass Ex-Schüler anonym über untragbare Zustände und schwere sexuelle Übergriffe berichteten, will der Österreichische Skiverband nicht zu verantworten haben: „Wir legen großen Wert auf die Feststellung, dass der Österreichische Skiverband weder Träger von Schulen oder Internaten ist, noch Einfluss auf die Auswahl von Lehrern oder Erziehern hat“, heißt es in einer aktuellen Aussendung.

Während das Land Tirol zuletzt intensiv um Aufarbeitung der wenig ruhmreichen Vergangenheit der Sport-Eliteschule bemüht ist (siehe Artikel unten), forderte Ex-Schülerin Nicola Werdenigg gestern im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung Reflektiertheit ein: „Der Österreichische Skiverband versucht, das Thema auf die Schulen abzuwälzen, und sieht nicht das Systemische dahinter.“ Bereits nach Bekanntwerden der jüngsten Vorwürfe in der Tageszeitung Der Standard hatte die 59-Jährige gegenüber der Austria Presse Agentur gemeint:

„Diese Machtübergriffe, die durchaus auch sexualisierte Gewalt sind, sind so typisch für dieses System.“ Ohne diese Übergriffe würde das Ganze vielleicht nicht so funktionieren“. Gestern legte die in Wien lebende Leiterin einer PR-Agentur nach: „Das Thema Missbrauch umfasst weit mehr als nur die Schulen und reicht bis hinunter in die Nachwuchskader.“

Dass die Aufarbeitung allerdings auf Basis einer Untersuchungskommission erfolgen könne, die der Österreichische Skiverband von sich aus propagiert, glaubt Werdenigg nicht: „Ich habe keine Zweifel an Klasnic und ihrer Kommission, allerdings bringen viele einer vom ÖSV initiierten Opferschutz-Hotline kein Vertrauen entgegen.“ Und die Olympia-Vierte der Winterspiele 1976 in Innsbruck (Abfahrt) führte eine große Welle der Aufarbeitung an, die sie persönlich erreiche:

„Allein bei mir haben sich locker 40, 50 Leute gemeldet.“ Dabei sei es nicht mehr um Kleinigkeiten gegangen, hieß es, zu Details wollte sich Werdenigg jedoch nicht äußern. In der Aufarbeitung setzte sie auf die Hilfe der Kriminalitätsopferhilfe Weißer Ring, der mit dem Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie zusammenarbeitet. „Die ersten Meldungen sind schon eingegangen.“

Dass auch ihr mittlerweile verstorbener Vater Ernst, Mitte der 1970er-Jahre Damen-Rennsportleiter des österreichischen Skiteams, Teil der Diskussion sei, störe sie: „Es ist unangenehm, dass jetzt auch meine Familie reingezogen wird. Dass mein Vater interimistisch Damen-Chef war, war nicht sein Plan.“ Die Diskussion erreiche mittlerweile in manchen Medien ein „Schmuddel-Niveau“.

Der ÖSV zu den Missbrauchsvorwürfen

Aussendung im Wortlaut: „Mit großer Betroffenheit haben wir zur Kenntnis genommen, dass in letzter Zeit immer wieder von nicht vertretbaren Vorfällen oder Übergriffen, in Schulen mit sportlichen Schwerpunkten, berichtet wird.

Wir legen großen Wert auf die Feststellung, dass der Österreichische Skiverband weder Träger von Schulen oder Internaten ist, noch Einfluss auf die Auswahl von Lehrern oder Erziehern hat.

Selbstverständlich kooperiert der Österreichische Skiverband mit diesen Einrichtungen.

Ausdrücklich wollen wir uns aber dagegen verwehren, dass der Österreichische Skiverband im Zusammenhang mit solchen Vorfällen als mitverantwortliche Institution genannt wird.

Im Hinblick auf die Größe des ÖSV und die Vielzahl der Aktiven und Betreuer können auch wir nicht Vorfälle in unserem Bereich von vornherein ausschließen. Aus diesem Grunde wurde von uns eine Anlaufstelle für allfällig Betroffene eingerichtet. Die ehemalige Landeshauptfrau der Steiermark, Waltraud Klasnic, steht als vertrauliche Ansprechperson zur Verfügung.“