Letztes Update am Mi, 27.12.2017 17:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Formel 1

Zweite Chance im Haifischbecken Formel 1 für Hartley

Brendon Hartley (28) hat über den zweiten PS-Bildungsweg den Sprung in die Formel 1 geschafft. Eine ungewöhnliche Geschichte, die ihn nach vielen Jahren wieder zu Red Bull brachte.

© gepaBei Red Bull wieder im Formel-1-Rampenlicht: Brendon Hartley.



Von Daniel Suckert

Faenza – Dass der beste Kumpel ausgerechnet Daniel Ricciardo (Red Bull) ist, stellt keinen Zufall dar. Brendon Hartley steht dem australischen Dauergrinser in nichts nach. Zumindest was das sonnige Gemüt betrifft. Dass die beiden PS-Freunde noch einmal in der selben Rennserie fahren würden, hätte sich wohl keiner der beiden erträumen lassen. Nun ist es aber amtlich. Sieben Jahre nach dem missglückten Gastspiel als Red-Bull-Testfahrer schließt sich für den Neuseeländer mit dem Engagement beim Tochterteam Toro Rosso der Kreis.

„Es war alles sehr surreal“, erzählt Hartley dieser Tage, als er in der Toro-Rosso-Zentrale im italienischen Faenza erscheint. „So richtig realisiert habe ich es, als ich beim Einchecken am Flughafen war. Immer wenn die Leute bei Beruf Rennfahrer lesen, fragen sie dich: ,Formel 1?’ Da musste ich stets verneinen. Jetzt konnte ich endlich ,Ja!’ sagen.“

Das Jahr 2017 wird dem 28-Jährigen wohl immer in Erinnerung bleiben. Im Juni gewann Hartley mit den 24 Stunden von Le Mans eines der prestigeträchtigsten Rennen der Motorsportszene. Nur einen Monat später verkündete sein Arbeitgeber Porsche aber den Ausstieg aus der Langstrecken-WM mit Ende des Jahres.

Überzeugen oder nie mehr Formel 1

Der Le-Mans-Sieger stand vor dem Nichts. Wie schon einmal vor sieben Jahren. Als man ihn aufgrund fehlender Ergebnisse in der Formel-3-, der Renault-World-Serie und der GP2 als Red-Bull-Junior fallen ließ. Das war einmal, dachte sich der Neuseeländer und griff zum Handy. „Ich rief Helmut Marko (Red-Bull-Motorsportkonsulent, Anm.) an, erklärte ihm, dass ich nicht mehr der selbe sei. Ich wäre bereit, wenn es eine Chance gäbe.“

Wenig später folgte eine Einladung zu einem Simulatortest in Milton Keynes und auf einmal fand er sich im Flieger zum Formel-1-Grand-Prix in Austin (22. Oktober) wieder. Im Tochterteam des Tirolers Franz Tost (Teamchef) bot man ihm eine einmalige Chance: Überzeugen oder nie mehr eine Chance auf die Königsklasse haben.

Steckbrief: Brendon Hartley

Geboren: 10. November 1989, Palmerston North (NZE)

Startnummer:

28

Erster Formel-1-Start:

Großer Preis der USA 2017

PS-Stationen u.a.:

Formel Renault 2.0 (Meister/2007); Formel-1-Testfahrer (2008/09/10); LMP2 (5./2013); LMP1 (9./2015; Weltmeister; 16/4.; 17/WM); Le Mans Sieg 2017; Formel 1, Toro Rosso (ab 2017).

Man kann nur erahnen, wie groß der Druck auf Hartleys Schultern in dem Moment lastete. Hartley: „Obwohl die Erfüllung meines Kindheitstraumes anstand, unterdrückte ich die Gefühle. Ich wollte mir nicht selbst im Weg stehen, versuchte keine große Sache daraus zu machen. Und das, obwohl die gesamte Motorsportfamilie auf mich blickte. Ich bin heute noch stolz, wie cool ich geblieben bin.“

Dabei könnten die Unterschiede zwischen einem LMP1 und einem offenen Formel-1-Boliden größer nicht sein. „Die Komplexität und was du auf jeder Runde alles tun und beachten musst, das ist schon gewaltig. Die Geschwindigkeit war natürlich sehr erstaunlich. Der größte Unterschied war aber sicher die Fahrerposition und das Verstehen, wie die Reifen funktionieren.“

Hartley: „Ich fühlte mich bereit dafür“

Cool und abgeklärt pilotierte der Blondschopf dann den Toro Rosso auf Rang 13. Sein Engagement verlängerte sich für die restliche Saison. Dazwischen holte er sich mit Porsche noch den Sieg in der Gesamtwertung der LMP1-Wertung. „Es war eine recht intensive Zeit. Aber ich fühlte mich bereit dafür“, sagte der ehemalige Teamkollege von Mark Webber selbstbewusst.

Und der Aufwand lohnte sich. Der einst aussortierte Pilot ist zurück im teuersten Kreisverkehr der Welt. Nicht als Testfahrer, sondern an vorderster Front. Das beeindruckte sogar den Trinser Tost: „Dieses Beispiel zeigt, dass man nie aufgeben darf. Bei entsprechendem Einsatz, Durchhaltevermögen und Motivation ergeben sich immer Möglichkeiten.“

Der Sieg beim Rennklassiker in Le Mans hatte Brendon Hartley den Weg zurück in die Formel 1 geebnet.
- gepa

In der Stunde des persönlich größten Erfolgs dachte Hartley an einen Steirer, der ihm das alles ermöglicht hatte: Fritz Enzinger (Porsche, Chef LMP1). Der 61-Jährige hatte Hartley aufgefangen: „Fritz hat mir eine große Chance gegeben. Und das in einer Zeit, in der ich keine große Nummer war. Ich war der Jüngste und es stellte ein Risiko für Porsche dar. Sie haben mir aber die Zeit und den Raum gegeben, mich zu entwickeln.“

Was in der Königsklasse möglich sei, darauf will sich der noch punktelose Pilot nicht festlegen. Man müsse abwarten, was das Auto hergebe. Teamchef Tost und seine Crew gehen 2018 erstmals mit einem Honda-Motor im Heck auf die Strecke. Keine risikofreie Entscheidung. Hartley beeindruckt das nicht. Wer zweimal vor dem Nichts stand, der sieht alles ein wenig gelassener. „Das alles macht dich stärker, du lernst auf das große Ganze zu blicken.“

Bevor es im Februar mit den Wintertests los geht, steht im Jänner noch ein anderes Highlight bevor: die Hochzeit. Die versucht er in vollen Zügen zu genießen, bevor sich der Druck im Haifischbecken Formel 1 wieder nach oben schraubt. Seine Landsleute stehen in jedem Fall („Auf einmal haben Leute Formel 1 geschaut, die nie was damit am Hut hatten.“) zur Seite.

Abschließend blieb nur noch eine Frage: Welche Schlagzeile er am Tag nach dem Australien-Auftakt Ende März gerne lesen würde? Eine kurze Denkpause, ein Lächeln und die Antwort: „Um ehrlich zu sein: Ich lese gar keine Zeitungen. Darum ist es mir egal.“