Letztes Update am Fr, 02.03.2018 12:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Formel 1

Toro-Rosso-Teamchef Tost: “Geldverteilung ist ein Wahnsinn“

Während der Testfahrten im verschneiten Barcelona nahm sich Tirols Formel-1-Beitrag, Franz Tost (Toro Rosso), Zeit für die TT und sprach Klartext bezüglich Budgetfragen, Grid Girls und Motorenpartner Honda.

© gepa/XPBDie Wollmütze war nicht erst heuer ein unverzichtbares Kleidungsstück bei Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost.



Montmelo — Seit Jahren pocht der 62-jährige Toro-Rosso-Teamchef auf Testfahrten im Februar in Bahrain oder Abu Dhabi — seit Jahren wird seine Kritik nicht gehört. Die heurigen Schneefälle und die Kälte bestätigten den Trinser in seiner Meinung. Aber prinzipiell „sind Testfahrten zu dieser Zeit in Europa sinnlos. Die Reifen kommen nicht auf Temperatur und es fehlen valide Aussagen zum Fahrverhalten des Rennwagens." Und es ist nicht das einzige Thema, das dem leidenschaftlichen Skifahrer im Magen liegt.

Im Vorjahr nannten die Formel-1-Fans am häufigsten den Toro Rosso als das Auto mit der coolsten Bemalung. Hat das irgendeinen Wert? Oder nagt der siebte Konstrukteursplatz zum vierten Mal in Serie noch?

Franz Tost (lacht): Es würde mich natürlich freuen, wenn die Fans auch dieses Jahr den Toro Rosso zum schönsten Boliden zählen. Sportlich ist das letzte Jahr passé und verdaut. Was zählt, sind Gegenwart und Zukunft.

Der neue Motorenpartner heißt Honda. Die Optimisten sehen die Japaner auf der Überholspur, die Pessimisten bleiben kritisch.

Tost: Die Optimisten liegen richtig. Honda hatte aber bereits letztes Jahr einen wesentlich besseren Motor, als es von einigen Stellen dargestellt wurde. Zudem verbesserte man in den letzten Monaten Haltbarkeit und Performance. Die Richtung stimmt.

Honda beliefert nun exklusiv Ihr Team. Welche Vorteile hat das?

Tost: Zum ersten Mal in unserer Geschichte arbeiten wir mit einem Motoren-Partner zusammen. Es heißt also nicht mehr: „Da ist der Motor und schaut, was ihr damit macht." Die Vorteile beginnen bereits in der Design-Phase. So konnte man den Einbau des Motors optimieren. Das hat große Auswirkungen auf Bereiche wie die Gewichtsverteilung, Aerodynamik oder Kühlung. Ein positiver Dominoeffekt. Das wird für 2019 noch interessanter — da erwarte ich mir noch eine größere Leistungssteigerung.

Italien und Japan — zwei unterschiedliche Kulturen. Gab es da schon öfters ein Gefühl von „Lost in Translation"?

Tost: Nachdem ich schon ein Jahr in Japan gelebt habe, bin ich mit deren Kultur vertraut. Um Kommunikationsprobleme zu minimieren, organisierten wir für unsere Mitarbeiter seit Längerem Seminare über die japanische Lebensweise und ihre Verhaltensregeln. Das wurde überaus positiv aufgenommen. Die Zusammenarbeit funktioniert ausgezeichnet.

Schnee auf der Strecke war für viele Formel-1-Teams neu.
- REUTERS

Mit Brendon Hartley (NZL) und Pierre Gasly (FRA) haben Sie zwei neue Fahrer. Freuen Sie sich erneut auf den Entwicklungsprozess?

Tost: Es ist ein komplexer, aber sehr reizvoller Vorgang für mich. Man muss jeden Fahrer als eigenständiges Individuum sehen und auch so behandeln. Was bei einem Fahrer funktioniert, geht bei einem anderen völlig daneben. Deshalb muss man zuerst die Lebensweise, die Motivation, die Ernährung, den Fahrstil, das technische Feedback und das Zweikampfverhalten beobachten. Danach geht es erst an die Einflussnahme. Das fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Themenwechsel: Keine Grid Girls, neue Startzeiten, neuer F1-Stream — Liberty Media beginnt Dinge zu ändern.

Tost: Die Grid Girls vermisse ich. Eine schöne Frau mit einem tollen Rennwagen ist ganz einfach eine Kombination, die man gerne sieht. Es sind aber andere Themen, an denen Liberty Media arbeiten muss. Erstens: Der Unterhaltungswert muss gesteigert werden. Erreicht wird das Ganze nur mittels eines ausgeglicheneren Starterfeldes. Zweitens müssen die Kosten endlich runter. Dazu gibt es die von mir schon seit Langem angedachte Kostenobergrenze oder ein Reglement, das eine zu teure Weiterentwicklung verhindert. Und da wäre noch Punkt drei: die gerechte Verteilung der Gelder. Gegenwärtig erhalten Top-Teams mehr Geld, als wir Budget haben. Das ist ein Wahnsinn.

Liberty spricht von 25 Grands Prix in der Saison. Wie soll das gehen?

Tost: Es ist völlig egal, wie viele Rennen gefahren werden. Einzig und allein entscheidend ist die Qualität. Wenn das Feld eng beisammen ist und verschiedene Fahrer siegen, dann schaut sich der Fan auch 25 Rennen an.

Streitpunkt „Halo" — das spaltet die Fans.

Tost: Ich verstehe die Bedenken. Aber eines ist klar: Die Sicherheit der Fahrer hat oberste Priorität. Verhindert der „Halo" Verletzungen eines Fahrers, beispielsweise wegen eines herumfliegenden Reifens, verstummen die Gegenargumente recht schnell.

Mit Lewis Hamilton (GBR/Mercedes) und Sebastian Vettel (GER/Ferrari) treffen zwei vierfache Weltmeister aufeinander. Erleben wir die spannendste WM seit Langem?

Tost: An der Spitze wird es vor allem davon abhängen, ob das Niveau des Ferraris dem von Mercedes nähergekommen ist. Dann wird es sehr spannend.

Wie realistisch ist Platz fünf für Toro Rosso?

Tost: Wir haben ein neues Auto, einen neuen Motor, zwei neue Fahrer und neue Reifen. Da ist Geduld gefragt. Es dauert noch etwas, bis wir unsere Wettbewerbsfähigkeit einschätzen können. Aber das Regulativ ist gleich geblieben, da haben es kleinere Teams immer leichter.

Spüren Sie nach all den Jahren noch keine Abnützungserscheinungen?

Tost (lacht): Keine Angst, noch bin ich voll motiviert.

Das Gespräch führte Daniel Suckert