Letztes Update am Mi, 11.07.2018 10:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Schwer gestürzter Denifl: „Keiner würde einfach absteigen“

Nach Tagen mit Kopfweh, Übelkeit und überhöhtem Schlafbedarf fühlt sich Stefan Denifl bereit, wieder ins Training einzusteigen. Erst einmal geht es heute zu Hause auf das Ergometer – für eine halbe Stunde.

Muss vorerst kürzer treten: Stefan Denifl.

© gepaMuss vorerst kürzer treten: Stefan Denifl.



Innsbruck, Fulpmes – Die Folgewirkungen seiner vor wenigen Tagen bei einem Trainingssturz erlittenen Gehirnerschütterung sind nicht mehr wahrnehmbar. Die leichte Übelkeit ist bei Stefan Denifl ebenso verflogen wie der Kopfschmerz – auch die zuletzt erlebte Dauermüdigkeit hat sich dieser Tage wieder in Tatendrang umgekehrt. Die TT erreichte den Vorjahressieger der Österreich-Radrundfahrt am Handy zu Hause in Fulpmes.

Wann können Sie wieder ins Training einsteigen?

Stefan Denifl: Ich bin seit Montag komplett beschwerdefrei und möchte morgen (Mittwoch, Anm.) wieder mit dem Training beginnen. Erst einmal ist eine halbe Stunde Ergometer-Strampeln geplant. Geht das ohne Probleme, wird es am Donnerstag eine Stunde sein und so soll das Ganze Tag für Tag schrittweise gesteigert werden. Ich bin jedenfalls guter Dinge, dass ich am Wochenende wieder auf die Straße zurückkehren werde.

Keine Sorge, dass Sie übertreiben könnten?

Denifl: Unser Teamarzt Alan Farrell hat mir einen genauen Trainingsplan geschickt. Und da er auch das irische Rugby-Nationalteam betreut, kennt er sich mit Gehirnerschütterungen besonders gut aus. Das sollte schon passen.

Inwieweit tickt in Ihnen auch die Uhr hinsichtlich der in 73 Tagen beginnenden Heim-Weltmeisterschaft?

Denifl: Nicht wirklich. Auch deshalb, weil ich zuletzt wieder erstklassig trainieren konnte und wirklich gut in Form war. So gesehen wird mich diese Zwangspause nicht sehr viel kosten. Außerdem ...

Außerdem ...?

Denifl: 2013 habe ich mir bei der Ö-Tour das Schlüsselbein gebrochen, wurde operiert und war drei Wochen komplett außer Gefecht. Und dann bin ich bei der WM in Florenz eines meiner besten Eintagesrennen gefahren. Hätte ich den Defekt auf der Schlussrunde nicht gehabt, wäre sogar ein Top-Ten-Platz möglich gewesen. Also: Noch ist gar nichts verloren, aber klar, ich kann’s nicht erwarten, wieder am Radl zu sitzen. Sonst werde ich doch noch nervös. (lacht)

Wie erging es Ihnen in den vergangenen Tagen in der Zuschauerrolle?

Denifl: Zu Beginn habe ich weder von der Österreich-Rundfahrt noch von der Tour de France viel gesehen, weil ich auch Ruhe gebraucht habe. Aber gerade habe ich das Finish der vierten Ö-Tour-Etappe am Livestream mitverfolgt – und die Tour de France läuft auch am Fernseher.

Und wie geht’s Ihnen dabei?

Denifl: Natürlich schmerzt es, weil ich nur zu gerne um die Titelverteidigung der Österreich-Rundfahrt mitgekämpft hätte. Aber ich muss schon sagen, das Niveau ist extrem hoch, bis jetzt wird wirklich stark gefahren. Und natürlich verfolge ich auch meine Teamkollegen, die einen guten Job machen. Wir tragen das Bergtrikot und haben einen unter den Top Ten.

Trauen Sie sich schon, einen Siegertipp abzugeben?

Denifl: Ich denke schon, dass Hermann Pernsteiner alle Möglichkeiten hat, die Rundfahrt zu gewinnen. Vorausgesetzt, er kommt heute auch gut über den Glockner. Was jedenfalls für Pernsteiner spricht, ist seine starke Mannschaft (Bahrain, Anm.) und damit ein nicht zu unterschätzendes Plus an taktischen Möglichkeiten.

Abschließend noch einmal zurück zur Tour de France. Der US-Amerikaner Lawson Craddock brach sich auf der Auftaktetappe das Schulterblatt und quälte sich auch auf der gestrigen vierten Etappe im Sattel. Können Sie ihn verstehen?

Denifl: Sportlich auf alle Fälle. Es ist die wichtigste Rundfahrt des Jahres, auf die du Monate hintrainiert hast. Die ganze Welt schaut zu. Da willst du nicht aufgeben – schon gar nicht gleich zu Beginn. Dazu kommt, dass du in Zeiten von Social Media deinen Bekanntheitsgrad immens steigern kannst. Für nicht wenige ist Craddock der erste Held dieser Tour.

Und für Sie?

Denifl: Keiner würde einfach absteigen, auch ich nicht. Natürlich musst du dir irgendwann die Fragen stellen: Sind die Schmerzen ertragbar? Was ist einem die Gesundheit wert? Macht es wirklich noch Sinn? Als Familienvater denkt man vielleicht noch etwas differenzierter, in jedem Fall eine extrem schwierige Entscheidung.

Das Gespräch führte Max Ischia