Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 26.09.2018


Volleyball

Zwei Freunde, eine Heimat, ein Ball und zwei Welten

Volleyball brachte sie einst zusammen, heute trennt sie vor allem der Untergrund, auf dem sie spielen: Martin Ermacora und Niklas Kronthaler.

Freunde fürs Leben: Alpenvolleys-Spieler Niklas Kronthaler (l.) und Beachvolleyballer Martin Ermacora treffen nur noch selten aufeinander.

© HochschwarzerFreunde fürs Leben: Alpenvolleys-Spieler Niklas Kronthaler (l.) und Beachvolleyballer Martin Ermacora treffen nur noch selten aufeinander.



Von Sabine Hochschwarzer

Innsbruck – Vor 24 Jahren war der Unterschied 33 Tage groß. „Ich bin eindeutig der Ältere“, sagt Martin Ermacora und schmunzelt. Der Vorsprung wuchs sich zwischenzeitlich aus, heute schaut Niklas Kronthaler trotz seiner 1,95 Meter dennoch lächelnd auf: „In irgendwelchen Sommerferien ist mir Martin plötzlich über den Kopf gewachsen.“ Acht Zentimeter, die kaum auffallen. Dass beide für Volleyball genetisch geeignet sind, hingegen schon. Zur Körpergröße wurde ihnen die Leder- bzw. Kunststoffkugel auch noch in die Wiege gelegt: Beide Väter, Hannes Kronthaler und Andreas Ermacora, spielten einst in der Bundesliga.

Zusammen durchliefen die Söhne alle Nachwuchsteams bei Hypo Tirol, drückten vier Jahre die gleiche Schulbank und verbrachten auch sonst viel Zeit gemeinsam. Heute bedarf es aber „Facetime“, Videotelefonie, damit sie sich sehen. „Treffen gehen sich leider nur noch selten aus“, bedauert Kronthaler.

Ihre Wege gingen 2014 in verschiedene Richtungen: Ermacora zog nach Wien, um Beachvolleyballer zu werden, Kronthaler blieb bei Hypo in der Halle. Der Ball mag sich ähneln, das Spiel ist dennoch gänzlich anders. „Auf Sand hast du keinen Ersatz. In der Halle kannst du ausgetauscht werden, wenn es nicht so läuft“, beschreibt Ermacora, der seit Beginn mit dem Steirer Moritz Pristauz baggert. Der Umstieg sei vor allem mental herausfordernd gewesen. „Beim Beachvolleyball bist du oft auf dich allein gestellt, musst dir vieles rundherum selbst organisieren“, erklärt Kronthaler.

Der Respekt für den anderen ist groß. Der Hallenspieler bewundert die Disziplin seines Freundes, des Weltranglisten-30.: „Martin kann seine Leistung auf den Punkt abrufen, das hat er zuletzt in Wien wieder bewiesen.“

Der Beachvolleyballer schwärmt indes vom Durchhaltevermögen seines Kumpels, des Außenangreifers der Alpenvolleys: „Es ist unglaublich, wie Niklas es immer schafft, motiviert zu bleiben, auch in seiner zweijährigen Verletzungspause.“ Zunächst war es 2014 der rechte Ellenbogen, dann zwei Operationen am Knie. Dass Kronthaler beinahe nie wieder Volleyball spielen hätte können, wurde ihm erst später bewusst. „Gute Freunde helfen einem in dieser Zeit sehr“, sagt der Innsbrucker und blickt zum Wahl-Wiener, der gleich fortsetzt: „Leider habe ich im August aufgeholt.“ Auch sein rechter Arm ist vernarbt. „Jetzt sind wir eben Ellenbogen-Bros“, sagt er, dann lächeln beide.

Für Ermacora ist die Saison vorbei, die Aufbauphase hat begonnen. Das nächste Turnier wartet erst 2019 – alles ist ausgerichtet auf das große Ziel Tokio 2020. Kronthaler steht hingegen am Beginn. Das erste Spiel der Alpenvolleys in der deutschen Bundesliga steigt am 14. Oktober. In der Start-Sechs steht der Nationalteamspieler nicht: „Klar ist es nicht leicht, zuschauen zu müssen. Ich bin in der Hackordnung aber eins nach oben gerutscht und habe nur noch zwei Legionäre vor mir.“ Er wolle dem Coach bei jedem Training beweisen, dass nicht klar sei, wer spiele: „Ich hoffe jedenfalls, dass ich heuer mehr Einsätze habe.“

Mit Vorurteilen wegen seines Vaters, des Managers des Volleyball-Teams, hat sich der Wirtschaftsstudent längst arrangiert: „Ich habe immer diesen Stempel aufgedrückt bekommen. Für mich ist das aber ein Ansporn, zu beweisen, dass ich nicht nur wegen meines Papas dabei bin.“ Auch Ermacora muss vorgefasste Meinungen entkräften: „Manche glauben, dass ich Urlaub mache, weil ich 250 Tage im Jahr unterwegs und braun gebrannt bin. Das harte Training sieht keiner.“

Kronthaler nickt. Eigentlich gebe es nur eines, worum er seinen Freund beneide: „Wenn 10.000 Leute ,I am from Austria’ singen, das hat was. Das würde ich mir für die Halle auch wünschen.“