Letztes Update am Mi, 03.10.2018 13:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Behindertensport

Weckruf von Lösch: „Das IPC ist größenwahnsinnig geworden“

ÖSV-Behindertensportlerin Claudia Lösch (29) beendete überraschend ihre Ski-Karriere. Im TT-Gespräch erzählt die Wahl-Tirolerin, warum abseits der Piste vieles falsch läuft und ihr Rücktritt ein Weckruf sein soll.

© KiechlClaudia Lösch hat in ihrer Karriere viel erreicht, die Paralympics 2010 in Vancouver strahlen am hellsten.



Ist Ihr Rücktritt mit ein paar Tagen Abstand betrachtet immer noch die richtige Entscheidung?

Claudia Lösch: Es ist eine gute Entscheidung. Für mich selber war der Entschluss schon Anfang August klar. Ich habe das für mich behalten.

Sie machen einen befreiten Eindruck.

Lösch: In dem Moment, wenn auf der Nordkette Schnee liegt und ich bei Sonnenschein im Büro sitzen muss, werde ich mir denken: Jetzt wär’ ich gerne auf der Piste. Es war eine richtig geile Zeit, aber jetzt ist der richtige Moment für etwas anderes. Ich war 20 Jahre im Skisport, 16 Jahre im Weltcup und werde in zwei Wochen 30. Ich habe bisher mehr als zwei Drittel meines Lebens dem Sport gewidmet. Mit zwei Olympia-Medaillen in Pyeongchang (Silber Super-G und Bronze RTL, Anm.) kann man gut aufhören.

Sie nennen Ihren Rücktritt einen Weckruf. Hat sich der Behindertensport Ihrer Meinung nach in die falsche Richtung entwickelt?

Lösch: Bis vor zwei Jahren ist sehr vieles in die richtige Richtung gelaufen. Zuletzt hatte ich aber das Gefühl, dass das Internationale Paralympische Komitee (IPC) entdeckt hat, dass man mit unserem Sport doch nicht so schlecht Geld verdienen kann. Wahnsinnig viele Ressourcen werden dem operativen Sport entzogen, um sich selbst strukturell zu verbreitern. Das halte ich für falsch: Man muss zuerst den Sport entwickeln und parallel die Struktur, denn sonst bleibt der Sport auf der Strecke.

Was müsste man verbessern?

Lösch: Das System, wie die Leute in die Klassen eingestuft werden, muss reformiert werden. Da bleibt zu viel Raum für persönliche Meinungen der Klassifizierer und leider auch für Betrug. Die Bandbreite, ob man in die eine oder andere Klasse reinfällt, ist groß. Weiters sollte das Faktorensystem die Schwierigkeit von Pisten einrechnen. Derzeit funktioniert es auf mittelschweren Pisten. Bei flachen Strecken wie in Korea können auch Leute mit hohen Behinderungen schnelle Schwünge fahren und brauchen dadurch nicht so viel Zeitvorsprung.

Lösch bei ihren letzten Paralympics in Pyeongchang 2018.
- gepa

Ein weiterer Grund für den Schlussstrich sei der lückenhafte Weltcup-Kalender.

Lösch: Das IPC ist größenwahnsinnig geworden. Man verlangt vom WM-Veranstalter Unsummen, anstatt dass man froh wäre, einen geeigneten WM-Ort zu haben. Auch die Europacup-Rennen im Kühtai sind definitiv gefährdet. Viele Rennen, die im Weltcup-Kalender stehen, werden unter den aktuellen Bedingungen nicht stattfinden können. Wenn das IPC keinen Schwenk macht, wird das eine spannende Saison.

Die Saisonvorbereitung auf nationaler Ebene wurde durch ungeklärte Finanzierungsfragen und eine langwierige Prozedur zur Trainer-Nachbesetzung beeinträchtigt.

Lösch: Wir haben schon länger gewusst, dass unsere beiden Trainer Eric Digruber und Daniela Mandler nach Pyeongchang aufhören. Auch unser Chefwachsler Raphael Hudler wollte nicht mehr. Es hat lange gedauert, bis man reagiert und die Finanzierung geklärt hat. Bis dahin waren die besten Leute weg.

Die Paralympics 2022 in China kommen für Sie auch aus „politischen Gründen“ nicht infrage. Was meinen Sie damit?

Lösch: Ich halte den Sport für einen sehr politischen Bereich, weil er von den Politikern gezielt benützt wird. In Peking haben wir ein Regime, das ein Problem mit Menschen- und Behindertenrechten hat, und das versucht, sich positiv nach außen zu verkaufen. Ich will da nicht mehr mitmachen.

Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?

Lösch: Bei den Paralympics 2014 in Sotschi habe ich versucht, mich selbst zu belügen und so zu tun, als ob es mir wurscht wäre. Aber das war es nicht und ich habe den halben Tag nur den Kopf geschüttelt über die Art und Weise, wie alles aufgezogen worden ist. Die Landschaft hat unter den Bauprojekten extrem gelitten. Präsident Putin hat die große Bühne genützt, ich wollte mich nicht zum Kasperl machen lassen. Am Anreisetag nach Sotschi sind die Spannungen um die Krim losgebrochen. Den Ukrainern wurden teilweise Pressekonferenzen im Paralympischen Dorf untersagt. Da habe ich gemerkt, wie die Politik den Sport instrumentalisiert, das war ein ungutes Gefühl.

Serientäterin: die sechsfache Behindertensportlerin des Jahres.
- gepa

Welche positiven Erinnerungen nehmen Sie mit?

Lösch: Es gibt wesentlich mehr schöne Erfahrungen, sonst wäre ich nicht so lange gefahren. An zwei Momente denke ich gerne zurück: Bei den Paralympics in Vancouver 2010 war das Gesamtkonzept stimmig und die Bevölkerung hat das mit Freude und Begeisterung mitgetragen. Ich bin auch danach nie mehr vor so vielen Leuten Ski gefahren. Meine Glanzleistung im Rennfahren war bei der WM 2015 in Whistler. Im Abfahrtstraining bin ich schwer gestürzt und man musste mich aus dem Tiefschnee ausbuddeln. Drei Tage später habe ich die WM-Abfahrt gewonnen und jeder Schwung war nahe an der Perfektion. Richtig genial, genau so muss sich Skifahren anfühlen.

Paralympics-Gold in der Abfahrt hätten Sie natürlich gerne geholt.

Lösch: Das wird immer ein kleiner Wermutstropfen bleiben, weil ich in Pyeongchang sehr gute Chancen gehabt hätte. Es hat nicht sollen sein, mittlerweile habe ich damit abgeschlossen.

Wie geht es nun nach der Ski-Karriere weiter?

Lösch: Derzeit absolviere ich ein Praktikum in der Olympiaworld Innsbruck. Auch mein Studienabschluss steht noch aus. Ich könnte mir gut vorstellen, eine Stimme für den Behindertensport zu sein. Wie und in welcher Form, da werde ich mir Zeit lassen.

Wo wird man Sie nun häufiger antreffen?

Lösch: Definitiv beim Pubquiz (Quiz spielen in einer Bar, Anm.) in Innsbruck. Da will ich meinen Ehrgeiz kanalisieren. In ein paar Tagen sind die Staatsmeisterschaften in Wien, da werde ich im Teamquiz antreten. Derzeit bin ich die Nummer sieben in Österreich. Die Top drei sind aber nicht realistisch, da wissen andere mehr. (lacht)

Das Gespräch führte Benjamin Kiechl