Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 05.10.2018


Tennis

Langer weg zurück: Paszek will von Tirol aus neu durchstarten

Zwischen Hoffnung und Karriereende: Drei Jahre dauerte die Leidenszeit eines der größten Tennis-Talente Österreichs. Nun will Tamira Paszek von Tirol aus zurück auf die große Weltbühne des weißen Sports.

© Michael KristenIn Wattens am Tennisplatz schwitzt die Vorarlbergerin für die Rückkehr mit dem Tiroler Fitnesscoach Joachim ?Jopo? Pötschger (r.).



Von Daniel Suckert

Wattens – „Grün“ – lange muss Tamira Paszek nicht überlegen, ob sie auf rotem oder grünem Sand des Wattener Tennisclubs trainieren will. Grün erinnert Österreichs ehemalige Nummer 26 der Tenniswelt an ihre größten Erfolge. Vor sieben bzw. sechs Jahren schaffte die Vorarlbergerin den zweimaligen Einzug ins Viertelfinale von Wimbledon. Und die Liebe zum prestigeträchtigsten Rasenturnier der Welt hat sie wieder zurückkommen lassen. Und das nach einer dreijährigen Leidenszeit, die die heute 27-Jährige nicht nur einmal an das Karriereende denken hat lassen.

Tennis-Star Tamira Paszek gewährte der TT tiefe Einblicke in ihre Sportler-Seele.
- Michael Kristen

„Das Panorama ist unglaublich. Können wir ein Foto machen?“, fragt Paszek an diesem sonnigen Herbstmorgen ihren Tiroler Fitnesscoach Joachim „Jopo“ Pötschger beim Blick auf den Hundskopf. Das Quecksilber im Thermometer hat sich gerade so über die Zehn-Grad-Grenze gearbeitet. Ihrem Lächeln tut das keinen Abbruch. Tamir­a Pasze­k hat sich verändert. Der Tunnel­blick ist gewichen. Sie lebt im Hier und Jetzt.

Gelöst. Entspannt. Demütig. Der Gang auf den Tennisplatz macht ihr wieder Spaß. Ein Gefühl, das sie über die Jahre verloren hatte. Dafür sorgten mehrere Verletzungen: „Ich würde sagen, von 2013 weg, wo mein höchstes Ranking zu Buche stand, hätt­e ich mir viel mehr Nerven gespart, wenn ich nur einmal eine Auszeit genommen und alles auskuriert hätt­e.“

Das ging jedoch nicht. Der Ehrgeiz, ihr großes Können in Ergebnisse umzumünzen, ließ ein Stehenbleiben nicht zu: „Irgendwann konnte ich nicht mehr an meine Grenzen gehen“, erzählt sie, während ihr Blick Richtung Boden wandert. Dem folgt ein kurzes Über-die-Stirn-Streichen. Es wirkt, als möchte die Rechtshänderin das Leid vergangener Tage endgültig wegwischen.

Alles beginnt vor vier Jahren mit einer kombinierten Mandel-, Nebenhöhlen- und Kieferhöhlenoperation. Statt einer Linderung folgt eine schmerzhafte Nervenerkrankung im Gesicht, am Ende kommt noch ein Nervengeschwulst im Fuß dazu. Auf jede Hoffnung folgt ein Rückschlag, auf jeden Rückschlag folgt wieder Hoffnung. Die Leidenschaft, die Leiden schafft.

Paszek will sich nach langer Leidenszeit zurückkämpfen.
- Michael Kristen

Eine Zeit, die aber auch etwas Positives ans Tageslicht bringt: „Diese Zeit war immens wichtig für mich.“ Mimi – wie sie im Freundeskreis genannt wird – bereist die Welt, verbringt Zeit mit ihrer Familie und ihren Hunden. Sie genießt das Leben auf eine noch nie dagewesene Art und Weise. Und kann die wichtigste Erkenntnis daraus ziehen: „Menschlich war für mich entscheidend: Ich lebe auch ohne das Tennis gut und bin glücklich. Diese Ansicht hat sicher viel verändert.“

Sie blickt über den Tellerrand hinaus, beschäftigt sich mit einem Plan B, ohne dabei zu sehr ins Detail zu gehen. „Beschäftigst du dich zu sehr mit dem Neuen, dann schließt du parallel mit dem Alten ab.“ Es kommt der Punkt, an dem Paszek sich die alles entscheidende Frage stellt: „Das war bei einer Ausdauer­einheit am Ergometer und ich fragte mich: ,Wie würdest du dich fühlen, wenn du nicht mehr in Wimbledon spielen könntest?‘ Das hat mich sehr traurig gemacht und da war klar, dass ich weitermachen will.“

Eines der größten rotweißroten Talente lässt seinem Entschluss Taten folgen. Ein kleines Team inklusive dem Tiroler Fitnesscoach Pötschge­r soll die Rückkehr auf die große Tennis-Bühne ermöglichen. Ganz wichtig dabei, die Basis bleibt in ihrer Heimat in Vorarlberg. Dort, wo das wärmende familiäre Nest ist.

Ihr Lächeln beim Them­a Familie verschwindet schnell, wenn es um den gesellschaftlichen Rechtsruck geht. Paszeks Papa ist in Tansania geboren, in Kenia aufgewachsen, lebte 15 Jahre in Kanada und kam dann nach Österreich. Ihre Mutter ist in Chile geboren und kam dann in die Alpenrepublik. Alltags-Rassismus stellt für sie keine Neuigkeit dar. „Ich erinnere mich noch an meine Schulzeit – ich wurde oft gehänselt. Obwohl ich jetzt nicht wirklich dunkelhäutig bin. Für mich ist ein Mensch ein Mensch – unabhängig von der Hautfarbe oder der Religion. Mein Bruder, der eine dunklere Haut und einen Bart hat, kommt oft nach Hause und sagt: ,Die sehen mich alle so komisch an!‘ Es ist einfach schade, dass wir Menschen das nicht schaffen, im Einklang miteinander zu leben.“

Leben möchte Paszek nun auch wieder mit dem weißen Sport. Wann es genau zurück auf die Tour geht, steht noch nicht fest. Nur dass es zurück geht. Auch bei der Zielsetzung gibt es kein „Muss“ mehr: „Inwiefern kann ich nach zwei Jahren weg vom Tennis-Zirkus noch leiden? Inwieweit kann ich beim Training über die Grenzen hinausgehen?“, sagt sie mit einem Augenzwinkern Richtung Coach Pötschger. Dann fügt die Vorarlbergerin kämpferisch an: „Ich weiß, was ich kann, und muss niemandem mehr etwa­s beweisen.“

Und da gibt es noch etwas, das für die Siegerin dreier WTA-Turniere (2006, ’10, ’12) ganz entscheidend sein wird: „So komisch es klingen mag, aber ich möchte mit dem Tennis erst aufhören, wenn für mich der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Und nicht, wenn ich durch etwas von außen gestoppt werde.“