Letztes Update am Do, 04.10.2018 10:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

„Im Profi-Fußball geht es nicht nur um Tore, Punkte und Ehre“

Am Tag der Tiroler Sportpsychologie gewährte Hans-Dieter Hermann Einblicke in seine Arbeit. Seit 2004 ist er beim DFB-Team am Puls der Zeit, erlebte den Titel 2014 ebenso wie den Flop 2018. Die TT bat ihn zum Gespräch.

© imago/Laci PerenyiZwei Weltmeister von 2014, über die man viel nach ihrem Rücktritt spricht – Mesut Özil (mit Pokal) und Per Mertesacker (hinten links).



Sie sind seit knapp 14 Jahren beim deutschen Nationalteam. Ist der Fußballer im Berufsfeld der Sportpsychologie immer noch eine besondere „Spezies“?

Hermann: Nein. Aber dieser Sport ist auf Profiebene extrem öffentlichkeitswirksam – vielleicht wie in Österreich bei den Skifahrern – und es hängen die Interessen vieler Menschen daran. Deswegen sind meine Themen mit den Spielern zum Teil andere als mit anderen Sportlern.

Wird der Spitzenfußball durch das viele Geld, das im Spiel ist, „entmenschlicht“?

Hermann: Entmenschlicht möchte ich nicht sagen, weil ich lerne die Spieler und Trainer auf einer Ebene kennen, wo es sehr menschelt und wo man merkt, das sind ganz normale Jungs.

... aber das sehen die Fans und die Gesellschaft nicht immer so.

Hermann: Was sich im Fußball abspielt und in der Gesellschaft, sind oft ähnliche Dinge. Und es ist offensichtlich: Im Profibereich geht es nicht nur um Tore, Punkte und Ehre. Fußball ist ein ganz großes Geschäft geworden, an dem viele teilhaben wollen.

Die Leute hören oft nur von Wochengehältern im sechsstelligen Euro-Bereich. Da geht der Blick auf den Menschen verloren.

Hermann: Genauer betrachtet muss man sagen, dass solche Gehälter nur wenige Spieler haben. Aber selbst bestbezahlte Fußballstars sind natürlich Menschen wie wir, mit Emotionen, auch mit Ängsten. Es ist so wie bei Filmstars: Da glaubt man ja auch nicht, dass sie zu 90 % ganz ähnliche Alltagsthemen zu bewältigen haben wie Nicht-Prominente.

Die Verschwiegenheitspflicht in Ihrem Berufsfeld ist klar. Aber mit welchen Themen werden Sie in Ihrer Arbeit konfrontiert?

Hermann: Es ist die ganze Bandbreite von privaten Themen über psychische Gesundheit bis hin zu Leistungsthemen. Ein besonderes Thema ist der Umgang mit Verletzungen und die Reintegration in die Mannschaft. Das ist für viele eine sensible Zeit. Meist geht es um Leistungsoptimierung, ums Besserwerden. Manchmal, aber sehr selten, geht es nach persönlichen Rückschlägen auch um Selbstmotivation, etwas häufiger kommen Themen zum Umgang mit der Öffentlichkeit vor.

Die DFB-Ära von Hans-Dieter Hermann begann 2004 mit einem Fingerzeig zu Jürgen Klinsmann.
- Haider

Per Mertesacker hat den immensen Druck nach seinem Karriereende in aller Offenheit angesprochen.

Hermann: Ich glaube sagen zu dürfen: Per Mertesacker war eine Ausnahme, weil er nach wenigen Bundesliga-Einsätzen sofort Nationalspieler geworden ist. Er war nie in einer Jugendnationalmannschaft, nie in einem Internat. Er hatte nicht die Zeit, langsam hineinzuwachsen. Den daraus entstandenen Druck konnte er wohl nie ablegen. Er hat sich das kaum anmerken lassen. Im Gegenteil: Wir alle haben ihn als großartigen Teamplayer und sehr verlässlichen Spieler erlebt.

Sie sind seit 2004 beim DFB-Team dabei, erlebten den WM-Titel 2014 ebenso mit wie den Vorrunden-Flop 2018, bei dem die Debatte um „Mesut Özil“ während des Turniers und danach medial leider dominiert hat.

Hermann: Die Geschichte mit den Erdogan-Fotos war nur insofern für die Mannschaft ein Problem, als die deutschen Medien permanent dieses Thema bespielt haben – bei jeder Pressekonferenz, jedem Interview, jeder Fernsehübertragung. Alle Spieler waren ständig unter Druck, sich öffentlich positionieren zu müssen. Man hat es nicht mehr vom Tisch gekriegt. Im internen Kreis war es kaum ein Thema, für den Austausch untereinander und die Team-Dynamik hat es keine Rolle gespielt. Aber es war ein Dauerthema für jeden, der Medienkontakt hatte.

Özils Erklärung nach der WM, dass es im DFB Rassismus gebe, kam nicht gut rüber.

Hermann: Über vieles in seiner Rücktrittserklärung konnte man sich nur wundern. Aber ich habe selbst mitbekommen, wie er vereinzelt von so genannten Fans hasserfüllt beschimpft wurde – auch aufgrund seiner türkischen Wurzeln. Das empfand ich als schwer erträglich und beschämend. Ich konnte gut nachvollziehen, dass sich Mesut dadurch verletzt fühlte.

Den deutschen Fußball mit all seinen Integrationsprojekten mit Rassismus in Verbindung zu bringen, erscheint sehr fragwürdig.

Hermann: Ja, das sehe ich auch so. Wir haben in Deutschland selbst in den kleinen Vereinen sehr viele Spieler mit Migrationshintergrund und es gibt auf Vereins- und Verbandsebene eine große Zahl an Integrations-Initiativen, bei denen sich vor allem viele Ehrenamtliche einbringen. Mesut ist mit seinem Tweet klar über das Ziel hinausgeschossen, hat allerdings auch nie behauptet, dass er negative Erfahrungen innerhalb der Mannschaft oder durch die Trainer gemacht hat – im Gegenteil.

Am Ende gab es leider nur noch Verlierer.

Hermann: Es haben alle verloren. Durch seinen Rücktritt hat auch die Mannschaft verloren, denn er hat sportlich unglaublich viel geleistet. Er war ein wesentlicher Teil der Erfolgsgeschichte der letzten acht Jahre.

Steckbrief von Hans-Dieter Hermann

Hans-Dieter Hermann - geb. 14. Mai 1960; 2 Kinder.

Werdegang:

1988 bis 2005 Psychologe am Olympia­stützpunkt Rhein-Neckar und dem angeschlossenen Medizinischen Therapie- und Trainingszentrum. Er betreute verschiedene Kaderathleten des Deutschen Sportbundes, Nationalmannschaften und Profiteams aus den Bereichen Hockey, Turnen, Boxen und Judo. Arbeitete auch mit dem ÖSV zusammen.

Fußball:

Ralf Rangnick, damaliger Jugendkoordinator des VfB Stuttgart, lotste Hermann Mitte der 90er zum Fußball; 2006-’10 Sportpsychologe der TSG Hoffenheim; seit 2004 ununterbrochen und bei allen Turnieren beim DFB-Team. U. a. ZDF-Experte bei den Olympischen Spielen 2012 in London und 2014 in Sotschi.

Hätte man das Thema anders angehen müssen?

Hermann: Wahrscheinlich, aber ganz ehrlich: Ich weiß auch heute nicht, wie. Nachdem die Fotos entstanden sind und Mesut darüber auf keinen Fall sprechen wollte, war die Situation verfahren und hat eine enorme Eigendynamik entwickelt.

Also lagen die Ursachen für den Misserfolg in anderen Bereichen. Was hat 2018 nicht funktioniert?

Hermann: Schwierig zu sagen, zumal die Analysten der Mannschaft bescheinigen, dass sie in der Vorrunde mit die besten Laufleistungen aller teilnehmenden Teams hatte und beispielsweise doppelt so viele Torchancen kreiert hat wie in der Vorrunde 2014. Es wurden nur kaum Tore erzielt. Man könnte sagen, dass die Mannschaft in einem gewissen Umbruch war. Noch 2017 hat das Team in einer ganz anderen, sehr jungen Besetzung den Confederations-Cup gewonnen. Wir alle waren jetzt in Russland mit Blick auf die individuelle Klasse der Spieler überzeugt: Wenn wir erst einmal richtig im Turnier drin sind, dann wächst die Mannschaft mit ihren Aufgaben.

Aber dem war nicht so ...

Hermann: Es war zunächst sehr schmerzhaft, dass es nicht so kam, und die Spieler und Trainer mussten viel Kritik aushalten. Aber die letzten Spiele im September haben gezeigt, dass alle auf die Erfolgsspur zurückwollen und sich entsprechend einbringen. 2004 hatten wir auch eine sportliche Vollkatastrophe im deutschen Fußball und dann kam diese erfolgreiche Zeit – immerhin ging sie dreizehneinhalb Jahre. Rückschläge sind Hinweise zur Veränderung. Eine solche Situation beinhaltet immer auch Chancen, die wir nutzen wollen.

Ist der WM-Titel 2014 Ihr absolutes Highlight?

Hermann: Als Sportpsychologe lebt man nicht zwingend von den Erfolgen, auch wenn das Turnier und Titelgewinn der Mannschaft 2014 ein unbeschreiblich schönes Erlebnis war. Es ist wirklich ein Geschenk, da dabei sein zu dürfen. Das Schöne an meinem Beruf ist aber auch der Kontakt mit Sportlern, die verletzt sind, sich nichts mehr zutrauen. Ihnen zu helfen zurückzufinden, ist für mich immer wieder ein beruflicher Höhepunkt.

Ein Wort zum Nachwuchs: Der Weg nach ganz oben startet ja von einem breiten Plafond an die dünne Spitze eines Berges, den nur ganz wenige erklimmen. Sollte man beispielsweise Eltern nicht auch öfter transportieren, dass nicht nur das Ziel, sondern auch der Weg das Wertvolle und Schöne ist?

Hermann: Jürg Bühler (Referent Schweiz Tennis) hat das hier auf dem Tag der Sportpsychologie schön beschrieben. Wir sollten nicht zu früh auf die Leistung schauen, sondern auf die Freude am Sport. Sie muss, gerade in jungen Jahren, im Vordergrund stehen. Und mit der Freude und der einhergehenden Selbstwertsteigerung sollen Kinder und Jugendliche Stück für Stück an Leistung herangeführt werden. Auch der ÖSV sucht in erster Linie keine 14-jährigen Jugend-Weltmeister, sondern man möchte erfolgreiche Leute im Weltcup und bei Olympischen Spielen nachher sehen. Nachgewiesenermaßen kann man heutzutage erst im Alter von circa 16 bis 17 Jahren Prognosen über die Karriere wagen.

Das Wichtigste bleibt die Liebe zum Spiel/Sport ...

Hermann: Ja, und diese Liebe verlieren viele Kinder, wenn sie zu früh nur nach Erfolg und Misserfolg bewertet werden.

Das Gespräch führte Alex Gruber