Letztes Update am Mi, 09.01.2019 11:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Formel 1

Mercedes-Boss Wolff im Interview: „Versuchen bewusst zu bremsen“

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff (46) sprach kurz nach dem Jahreswechsel mit der TT über den Faktor Mensch in der Formel 1, Handschlag-Qualität und die Zusammenarbeit mit dem „Global Player“ Hamilton.

Geschafft! Das Jahr 2018 war ein weiteres mit einem jubelnden Toto Wolff.

© imagoGeschafft! Das Jahr 2018 war ein weiteres mit einem jubelnden Toto Wolff.



Haben Sie Ihr Vorhaben, vier Wochen in kein Flugzeug zu steigen, umgesetzt?

Toto Wolff (lacht): Lass mich kurz rechnen. Vom 16. Dezember bis zum 6. Jänner bin ich nicht geflogen. Okay, es waren also drei Wochen. Aber das war mehr als erholsam und ich könnte noch drei Wochen darauf verzichten.

Wie viel Zeit hat man, diesen historischen Gewinn des fünften WM-Titels en suite zu realisieren?

Wolff: Sagen wir einmal so: Es sackt so langsam. Ich denke sehr oft darüber nach und freue mich immer wieder aufs Neue. Und es war mir ganz wichtig, unserem Team das zu vermitteln: zurücklehnen, durchatmen und erinnern. Zumindest bis zum 31. Dezember. Ab dem 1. Jänner kannst du dir von den alten Erfolgen nichts mehr kaufen.

Ist dieses irre Tempo nicht kontraproduktiv?

Wolff: Wir versuchen immer wieder aus dem Hamsterrad herauszuspringen und bewusst zu bremsen. Aber so läuft das Business nun mal.

Mercedes jubelte 2018 über den fünften WM-Titel in Serie.
Mercedes jubelte 2018 über den fünften WM-Titel in Serie.
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Themenwechsel: Bei der FIA-Gala gab es ein nettes Foto von Ihnen und Kimi Räikkönen. Ohne Alkohol hier zu verherrlichen, aber der beschwipste Räikkönen hat für jede Menge Unterhaltung in einer oft so stocksteif wirkenden Formel-1-Umgebung gesorgt.

Wolff: Das Schöne an Kimi ist, er steht über den Dingen. Das ist ein total netter und geradliniger Typ. Etwas, an dem es so oft mangelt. An Typen, die geradeheraus sagen, was sie sich denken. Zu viele verbiegen sich heutzutage und sagen nur noch das, was das Gegenüber hören will. An dem Abend waren wir eine ganz liebe Truppe, die sich das ein oder andere Mal mehr als sonst geherzt hat. (lacht)

Erster Grand Prix nach der Sommerpause in Spa: Sebastian Vettel (GER/Ferrari) feiert einen dominanten Sieg. Wie laut schrillten da die Alarmglocken?

Wolff: Spa war für mich der Kernpunkt der Wende. Diese schmerzhafte Watschen kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Am Montag darauf habe ich eine Energie im Team gespürt, die bisher noch nie da war. In Monza gewannen wir, obwohl wir nicht das schnellste Auto im Feld hatten – in Singapur und Russland hatten wir danach das beste Paket.

Was hat zu dem Zeitpunkt den Unterschied ausgemacht?

Wolff: Die Fähigkeit der Besten zeigt sich darin, wie sie auf eine Niederlage reagieren. Wir haben transparent analysiert, sind offen mit den Themen umgegangen und haben reagiert.

Ihre Präsenz und Ihr Führungsstil wurden von allen Seiten gelobt.

Wolff: Mein Background sind die Finanzen und die Psychologie, und das ist gepaart mit dem Interesse am Motorsport etwas, was mir am Ende des Tages zugutekommt.

Ihr Superstar Lewis Hamilton stellt einen „Global Player“ dar. Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit so einem Kaliber vorstellen?

Wolff: Die basiert auf Vertrauen und ist über die lange Zeit stetig gewachsen. Das ist wie in einer Ehe, alles verfestigt sich, man kennt die Stärken und Schwächen, das Grundvertrauen ist da. Es ist nicht so, dass wir ein neues Familienmitglied rekrutieren, aber wir sind eng, und das in einer High-Performance-Umgebung, die zeitweise ein feindliches Umfeld bietet.

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff wurde mit dem John-Bolster-Award für herausragende technische Leistungen ausgezeichnet.
Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff wurde mit dem John-Bolster-Award für herausragende technische Leistungen ausgezeichnet.
- imago sportfotodienst

Wie bleibt man nun nach all den Erfolgen hungrig?

Wolff: Das ist eines unserer Kernthemen, die wir im Team versuchen, in den Griff zu bekommen. Es mangelt nicht an Motivation, denn alles, was jetzt noch kommt, stellt Geschichte dar. Es geht nur um die Abnützungserscheinungen, den Verschleiß an Menschen. Das ist ein Problem. Es sind 21 Rennen, mehr als 250 Hotelnächte und 800 Flugstunden im Jahr – irgendwann kostet das den Härtesten Substanz. Davon sind alle Teams betroffen und es sind sich auch alle einig, das Ganze proaktiv anzugehen. Es geht darum, den Menschen mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Wie viel Spielraum bleibt für so etwas in einer Umgebung, wo stets Perfektionismus verlangt wird?

Wolff: Ich kann keine aerodynamische Fläche konstruieren, aber ich kann dem Menschen, der das macht, eine angenehme Umgebung schaffen. Ein Rundherum, wo es ihm gut geht. Darauf kommt es an: zu wissen, was deine Menschen um dich herum brauchen.

Es gibt aber nicht nur Gewinner in Ihrem Team. Ihr zweiter Fahrer, Valtteri Bottas (FIN), ist der Verlierer der Saison.

Wolff: Seine Saison muss man unter zwei Aspekten sehen. In Baku wäre der Sieg möglich gewesen und dann hätte Valtteri von Platz eins der Gesamtwertung gelacht. Da hatte er Pech. So hat alles einen anderen Lauf genommen und irgendwann mussten wir auf Lewis setzen. Das ist für einen Fahrer ein großer Rückschlag und hat ihn zurückgeworfen.

Es wird für Bottas jetzt aber sicher nicht leichter.

Wolff: Er hat die Fähigkeiten und wir werden ihm alles geben, was er braucht. Valtteri weiß, dass er jetzt rausmuss. Denn wenn du Fünfter wirst, während dein Teamkollege Weltmeister wird, ist das keine gute Eigenwerbung.

Mit Esteban Ocon (FRA/Testpilot) und George Russell (GBR/Williams) haben Sie zwei starke Talente, zugleich aber zu wenige Cockpits. Machen das Red Bull und Ferrari klüger?

Wolff: Das sind völlig andere Zugänge. Red Bull leistet sich ein Juniorteam, Ferrari sponsert Sauber und Haas. Das machen wir nicht und das meine ich jetzt nicht negativ. Wir haben einen anderen Ansatz. Wir mischen uns nicht bei unseren Kundenteams ein, das ist ihre Autorität. Wir müssen unsere Fahrer über die Leistung in die Auslage bringen und zudem muss das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen. Esteban hatte im Juli bei Renault ein Cockpit, das per Handschlag fixiert wurde. Mit dem Wechsel von Daniel Ricciardo kam auf einmal alles anders. Niemand hat sich mehr an die Abmachungen erinnert.

Erfolgreiches Motorsport-Ehepaar: Toto Wolff mit Frau Susie.
Erfolgreiches Motorsport-Ehepaar: Toto Wolff mit Frau Susie.
- imago sportfotodienst

Offenbar ist ein Handschlag in einem Milliarden-Business nichts mehr wert.

Wolff: Es gibt gewisse Werte, an die sollte man sich immer halten.

Stichwort Esteban Ocon: In Brasilien sind er und Max Verstappen (NED/Red Bull) aneinandergeraten. Unter anderem brach auch die Fehde zwischen Ihnen und Helmut Marko wieder auf. Wenn die Gerüchte stimmen und Red Bull mit Honda sehr stark wird, darf man sich auf regelmäßige Sticheleien zwischen zwei Österreichern freuen?

Wolff: Zunächst einmal haben die beiden Buben in Brasilien etwas gemacht, was ganz normal ist und was oft in der Königsklasse fehlt: die gelebte Emotion. Da war nichts Verwerfliches dabei. Dass Red Bull mit Honda ein Paket stellen wird, das einen seriösen WM-Kandidaten darstellt, daran zweifle ich nicht. Sie sind ein Kandidat, wenn nicht der Hauptgegner. Red Bull wird nicht mehr nur die exotischen Rennen wie Monaco oder Mexiko gewinnen.

Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost hat vor Kurzem betont: Die Mehrheitsbesitzer Liberty Media müssen liefern.

Wolff: Liberty ist seit zweieinhalb Jahren an Bord. Die Formel 1 muss weiter attraktiv bleiben, und das in einer veränderten Medienlandschaft. Auf der einen Seite müssen wir weiter wachsen, auf der anderen Seite kann es nicht immer nur „höher, schneller, weiter“ gehen. Bei 21 Rennen sind wir an der Grenze angelangt. Vor allem, was den Menschen und seine Ressourcen betrifft.

Liberty wünscht sich mehr Sieganwärter. Das könnte Ihre Dominanz betreffen.

Wolff: Da muss man am Boden bleiben. Die Kräfteverhältnisse können sich immer ändern. Schauen wir uns nur die Entwicklung bei McLaren und Williams an. Ich verstehe, was Liberty schaffen will. Das ist der richtige Weg. Wenn im Ski-Zirkus die Skilängen kürzer werden, müssen sich alle daran anpassen. Man darf nur nicht an den Teams vorbei entscheiden.

Ihre Ehefrau Susie Wolff ist nun Formel-E-Teamchefin. Sind Sie jetzt der Babysitter bei Ihrem jüngsten Sohn?

Wolff: Wir haben das beim ersten Rennen in Rihad (15. Dezember, Anm.) so gemacht. Da war ich mit dem Kleinen daheim und hatte eine Menge Spaß.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Frau Wolff wieder aktiv ist?

Wolff: Ich sage nur: Happy wife, happy life.

Das Gespräch führte Daniel Suckert