Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 18.03.2019


Exklusiv

Abseits von Doping: Die kleinen Helfer der Sportler

Eigenblutdoping ist im Breitensport nicht an der Tagesordnung, der Griff in den Arzneikasten hingegen schon. Dort, wo Leistung eine untergeordnete Rolle spielt, geht es um Schmerzen und wie sie auszuhalten sind.

 Doping im Breitensport? Studien gehen eher von Medikamentenmissbrauch zur Linderung aufkommender Schmerzen aus.

© Jürgen Skarwan Doping im Breitensport? Studien gehen eher von Medikamentenmissbrauch zur Linderung aufkommender Schmerzen aus.



Von Florian Madl

Innsbruck – „Mother’s Littl­e Helper“ sang Mick Jagger Mitte der 60er-Jahre in Anspielung auf jene „kleinen Helfer“, die Müttern durch den Alltag helfen würden. Valium war angesagt, also ein Benzodiazepin, das zur Beruhigung beiträgt. Umgelegt auf den Breitensport muss der Kulthit der Rolling Stones „Biker’s“ oder „Runner’s Littl­e Helper“ heißen. Denn von Doping zu sprechen, davon hält der Tiroler Sportarzt Kurt Moosburger nichts: „Im nicht organisierten Breitensport halte ich das nicht für zulässig.“ Vielmehr ginge es im Ausdauerbereich um Medikamentenmissbrauch, der Schmerzgrenzen nach oben verschiebt und das unumgängliche Leiden ein Stück weit erträglicher macht. Dass damit die Leistung gefördert wird, bezweifelt Moosburger.

Bestätigung erhält er durch Ergebnisse einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln, des Instituts für Präventivmedizin der Bundeswehr und des Deutschen Sportärztebunds. Demnach konsumiere jeder Fünfte der über 150.000 befragten Läufer Schmerzmittel.

Entsprechend reagiert Oliver Schwarz, Geschäftsführer von Ötztal Tourismus, wenn sein jährlich stattfindender Radmarathon mit Schlagzeilen wie „Jeder dritte Breitensportler dopt“ konfrontiert wird. Man nehme das Thema ernst, stünde im Kontakt mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur NADA und dem Österreichischen Radsportverband. „Allerdings“, schränkt Schwarz ein, „können wir nicht 4000 Leute testen.“ Nachsatz: „Was wäre die Konsequenz aus einem positiven Test? Du kannst lediglich einem Autofahrer den Schein wegnehmen, wenn er einen hat.“ Auf sein Rennen umgelegt hieße das: Eine offiziell beim Verband gelöste Tageslizenz wäre die einzige Möglichkeit, Sanktionen folgen zu lassen.

Die jüngste Dopingdiskussion, ausgelöst durch die Vorfälle bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld, färbe nach der Meinung Schwarz’ jedoch ab: „Das spiegelt sich möglicherweise auch dann wider, wenn es um Förderungen für Profiveranstaltungen geht“, glaubt der Touristiker.

Zugänglich seien die Medikamente durch den florierenden Online-Handel und unterschiedliche gesetzliche Regelungen im Ausland problemlos. Der Ächtung innerhalb der Bevölkerung können sich Gedopte jedenfalls gewiss sein. Einer österreichweiten Studie der Agentur marktagent zufolge glaubt die Mehrheit, dass ein Drittel aller Profisportler zu verbotenen Mitteln im Sinne der Leistungssteigerung greife. Die „gefährdeten Sportarten“ – etwa Radfahren, Bodybuilding und Langlauf – gäben Anlass zum Zweifel. Im Amateursport glauben lediglich 60 Prozent, dass klassisches Doping eine Rolle spiele.

Diese Meinung teilt auch Sportarzt Kurt Moosburger, der vielmehr im Körperkult („Adonis-Komplex“) als im Drang nach Leistung die Ursache erkennen will. Es sei Lifestyle und Bestandteil einer Lebensphase nach 50, in der Waschbrettbäuche erstrebenswert wären. Muskelaufbau dient weniger der Leistungsfähigkeit als der Optik.

Mit einer weiteren These lehnt sich der Tiroler zudem aus dem Fenster: „Ich denke, dass die steigende Tendenz zu vermehrter Aggressivität im Straßenverkehr oder zu häuslicher Gewalt auch auf missbräuchliche Verwendung von Anabolika zurückzuführen ist.“