Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 29.04.2019


Exklusiv

Härte im Spitzensport: Im Schatten der Medaillen

Nach den Diskussionen um Wiens Ballett-Akademie: Warum es keine Leistung ohne Härte gibt, welche Rolle der Trainer spielt und was sich in den letzten Jahren verändert hat – eine Analyse im Spitzensport.

Im Training tauchen selbst Weltmeister wie Caeleb Dressel stundenlang ab.

© imago/XinhuaIm Training tauchen selbst Weltmeister wie Caeleb Dressel stundenlang ab.



Von Sabine Hochschwarzer

Innsbruck – Die Handflächen der Tennisspieler sind überzogen mit Hornhäuten und Blasen, die Beine von Fußballern mit blauen Flecken und Narben, Knieprobleme gehören wie der Schnee zum Skisport und die Schultern von Schwimmern bleiben immer ein wunder Punkt: Hinter den Erfolgen im Spitzensport steckt wenig Glorie, der Alltag glänzt gar nicht golden.

„Das ist Spitzensport und kein Spaß“, sagt Lucia Egermann, Österreichs Nationaltrainerin der Rhythmischen Gymnastik. „Ohne Drill geht es nicht. Härte muss sein, es ist knallhart“, weiß Wolfgang Thiem, Vater von Tennis-Ass Dominic. „Wer glaubt, dass Spitzenleistungen nur mit Freude am Sport zu schaffen sind, hat keine Ahnung davon“, stellt Gunnar Prokop, einst Handball- und Leichtathletik-Trainer, klar. Stellvertretend sprechen sie aus, was im Leistungssport als normal gilt. An Grenzen gehen sie, jene Sportler, die es ganz nach oben schaffen wollen – an Grenzen, die mitunter ihre Trainer vorgeben.

Blut und Blasen – für Tennis-Star Rafael Nadal sind eingebundene Finger und Wunden auf den Händen etwas Alltägliches.
Blut und Blasen – für Tennis-Star Rafael Nadal sind eingebundene Finger und Wunden auf den Händen etwas Alltägliches.
- imago

Wo diese gezogen werden, scheint nicht immer definiert zu sein. Das zeigen etwa auch die jüngsten Diskussionen rund um die Wiener Akademie im Ballett – eine Kunstform, die mit dem Leistungssport durchaus vergleichbar ist. „Es hängt von den Werten einer Gesellschaft ab, was als hart oder eben zu hart empfunden wird“, sagt Walter Bär, Sportlicher Leiter im Österreichischen Schwimmverband. Dass Missbrauch und Gewalt in jeglicher Hinsicht zu verurteilen sind, nicht zu entschuldigen oder gar zu rechtfertigen, darüber ist man sich einig – heute in Österreich. „Es gab früher bei uns auch Lehrer, die Kinder schlugen. Und das wurde hingenommen, die Zeiten haben sich aber Gott sei Dank verändert“, erklärt Ex-Fußballer Roland Kirchler, Leiter der Tiroler Nachwuchsakademie. Auch Prokop, über Jahrzehnte als Trainer erfolgreich, zieht dort eine klare Linie: „Die Würde des Menschen ist das oberste Gebot.“

Reportagen über chinesische Turn-Kinder, die unter Tränen in den Spagat gedrückt werden, zeigen ein anderes Bild. Auch Gymnastik-Coach Egermann, aufgewachsen in Bulgarien, erinnert sich an so einiges: „Ich hatte 500 Gramm zu viel auf der Waage und musste nach dem Training so lange Seil springen, bis das weg war.“ Es sei auch verboten gewesen, während vier Stunden langer Einheiten Wasser zu trinken.

„Ostblock-Methoden“, nennt Prokop das, was er so gesehen hat, und erzählt von südkoreanischen Olympiasiegerinnen, die von ihrem Trainer geschlagen worden seien: „Das geht nicht, so etwas ist bei uns auch undenkbar.“ In geschlossenen Systemen scheinen solche Methoden Zeitspannen überdauern zu können, dazu kommen oft schwierige soziale Verhältnisse. „Wenn bei uns einer im Tennis nicht erfolgreich ist, wird er auch nicht verhungern. Die Leidensfähigkeit wird also unter anderen Gegebenheiten höher sein“, weiß Tenniscoach Thiem. Manchmal erhoffen sich ganze Familien im Hintergrund sozialen Aufstieg durch Erfolge und Medaillen eines verwandten Sportlers.

Als Ausbildnerin schlug Ex-Gymnastin Egermann jedenfalls einen anderen Weg ein, anderes könne und wolle sie heute nicht mehr vertreten: „Ein Trainer muss auch ein Pädagoge sein. Er muss wissen, wann Streicheleinheiten nötig sind und wann nicht.“ Streng müsse man schon sein, sagt sie, „manchmal eben gespielt streng“. Auch im Fußball hat sich laut Akademie-Leiter Kirchler einiges geändert: „Ein Führungsstil wie jener von Ernst Happel oder Felix Magath wäre heute nicht mehr möglich. Die Spieler würden davonlaufen“, glaubt der ehemalige Bundesliga-Fußballer, der in seiner Trainerausbildung eine Arbeit zum Thema „Führung im Fußball“ verfasst hat. Er sieht darin ohnehin den entscheidenden Unterschied: „Führungsqualität ist meiner Meinung wichtiger als das Fachliche, denn dort ist ohnehin fast jeder auf dem gleichen Stand.“ Der Charakter beeinflusse die Art zu führen, die Bandbreite reiche von diktatorisch bis hin zu laissez-faire, sagt Kirchler.

Dass der Trainer eine Autorität sein soll, ist unbestritten. In einigen Sportarten geht es sogar darum, Lebensgefahr abzuwenden. Vertrauen muss also da sein, wenn etwa ein Skisprungcoach seinen Schützling vom Balken winkt. „Autorität ja, aber nicht zwangsläufig autoritär“, findet Schwimmtrainer Bär. Er selbst bevorzuge einen eher demokratischen Stil. Die Beziehung zum Aktiven hänge von den Persönlichkeiten ab, aber auch von der Sportart: „Das Verhältnis kann freundschaftlich sein, aber auch eine Art Hassliebe.“

Bei Wettkämpfen springen die Spitzensportler kurzzeitig ins Rampenlicht (hier Österreichs Nummer eins Nicol Ruprecht).
Bei Wettkämpfen springen die Spitzensportler kurzzeitig ins Rampenlicht (hier Österreichs Nummer eins Nicol Ruprecht).
- imago/ZUMA Press

Führungsstile werden auch kritisch gesehen, wie etwa jener von Norwegens Ski-Cheftrainer Christian Mitter. Die ärztliche Abteilung wandte sich laut TV-Sender NRK in einem Brief an den Verband, in dem bei der Beschreibung Worte wie „Verhöhnung“, „Unsichtbarkeit“ oder „scharfe Maßregelungen“ fallen.

Der Steirer wollte sich zunächst auf TT-Anfrage nicht dazu äußern, als nunmehr neuer Cheftrainer der österreichischen Ski-Damen sprach er aber von ungerechter Kritik, die seine Entscheidung für den Abschied aus Norwegen erleichtert hätte: „Was mich vor allem stört, ist, dass es über die Medien kommuniziert wurde. Die Trainer wissen, wie es zugeht, die Ärzte oftmals nicht. Mit den Athleten gab es nie Probleme.“

Ex-Kicker Kirchler sieht in seinem Sport jedenfalls, dass Spieler heute mündiger seien als früher: „Es bräuchte ja nur einer mit dem Handy etwas aufnehmen, dann hätte der Trainer ein Problem.“

Trotz Wertewandels gilt aber: Durchhaltevermögen und Willensstärke bleiben im Spitzensport entscheidend, mehr noch als jedes andere Talent – da sind sich die Trainer einig. „Es braucht Härte zu sich selbst, sich zu überwinden und auch Tränen. Ich kenne keinen erfolgreichen Spitzensportler, der das nicht durchlebt hat“, weiß der 78-jährige Prokop.

Vater Thiem spricht vom „sprichwörtlichen Arschtritt“, der nötig sei, um an Grenzen zu gehen. Sohn Dominic trainierte etwa auch unter Sepp Resnik, ehemaliger Extremsportler und Bundesheer-Vizeleutnant, der für Unübliches bekannt ist. Er ließ Thiem durch kalte Bäche waten, Baumstämme schleppen und um Mitternacht laufen. „Resnik ist national als Schleifer bekannt, aber eines hat er, und das ist das Wichtigste: Einfühlungsvermögen“, erklärt Vater Thiem. Tennis sei ein komplexer Sport, „da braucht es einen eigenen Typus Sportler“.

Kritik am Körper – das Gewicht ist in Sportarten wie Skispringen oder Rhythmischer Gymnastik entscheidender Faktor – müssten Leistungssportler aushalten, auch das sagen die Trainer. „Entscheidend ist natürlich, wie das gesagt wird“, weiß Gymnastik-Coach Egermann. Ihr stehe dabei etwa eine Ernährungspsychologin zur Seite.

Sorgen um die Gesundheit der Sportler mache man sich, ärztliche Betreuung gilt heute als selbstverständlich. Doch „Leistungssport ist grundsätzlich nie gesund“, gibt Papa Thiem zu bedenken. Nachsatz: „Aber auch 30 Kilo Überwicht oder Drogen sind für Jugendliche ungesund.“

An die Weltspitze schaffen es trotz des hohen Einsatzes im Spitzensport nur die wenigsten. Prokop ist jedoch überzeugt, dass sich ein Versuch allemal lohnt: „Was gibt es Schöneres, als das zu meinem Beruf zu machen, was ich mir als Kind schon erträumt habe?“