Letztes Update am Di, 30.04.2019 20:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


25. Todestag

Berger über Freund Senna: „Zu Lebzeiten schon eine Legende“

Seine DTM startet am Wochenende, sein Feuerunfall in Imola jährte sich heuer zum bereits 30. Mal und sein Freund Ayrton Senna starb vor 25 Jahren in Imola: Formel-1-Legende Gerhard Berger über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Legende Ayrton Senna ist noch heute in der Formel 1 allgegenwärtig. Am 1. Mai jährt sich der Todestag des Brasilianers zum 25. Mal.

© gepaDie Legende Ayrton Senna ist noch heute in der Formel 1 allgegenwärtig. Am 1. Mai jährt sich der Todestag des Brasilianers zum 25. Mal.



Sie klingen so weit weg.

Gerhard Berger: Ich bin gerade privat in den USA.

Sozusagen die Ruhe vor dem Sturm genießen.

Berger: So könnte man es sagen. (lacht)

Gehen wir zurück in die Vergangenheit: Das Imola-Wochenende mit Ihrem schweren Feuerunfall hat sich heuer zum 30. Mal gejährt. Wie nahe geht Ihnen das noch?

Berger: Das ist ein Teil meiner Karriere, wie meine zehn Formel-1-Siege. Ich habe Glück gehabt und es ist ein Teil meiner Erinnerung. Aber es belastet mich nicht im Unterbewusstsein.

DTM-Boss Gerhard Berger wagt den Blick zurück und in die Zukunft.
DTM-Boss Gerhard Berger wagt den Blick zurück und in die Zukunft.
- gepa

Der italienische Ingenieur Giorgio Ascanelli hat nach Ihrem Unfall gesagt, Sie waren danach ein anderer Fahrer. Es hätte ja viel mehr schiefgehen können. Halten Sie sich das hin und wieder vor Augen?

Berger: Natürlich hat der Crash alles verändert. Meine Leichtigkeit war weg und ich habe dann nicht mehr Sachen ausprobiert, wie mit vier Rädern im Gras einen Gegner zu überholen. Ich hatte einfach Riesenglück, überlebt zu haben.

Weniger Glück hatten Roland Ratzenberger und Ayrton Senna beim schwarzen Imola-Wochenende vor 25 Jahren. Sie haben schon so oft über Ihren Ex-Teamkollegen bei McLaren (1990–92) gesprochen. Sehen Sie Senna nach all den Jahren mit anderen Augen?

Berger: Nein, Senna war schon zu Lebzeiten eine Legende. Er war mein Freund und ein ganz besonderes Exemplar mit viel Charme. Und ein Schlitzohr, der genau wusste, was er will. Der Beste, der mir in der Formel 1 je begegnet ist. Er war mental so stark, so fokussiert und konnte auf den Punkt das Leistungsmaximum abrufen.

Ex-Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo hat beim Formel-1-Podcast erzählt, Senna hätte noch vorgehabt, einmal zu Ferrari zu gehen?

Berger: Das hat Senna mir auch bestätigt. Aber ich habe ihm damals gesagt: „Das werde ich verhindern. Ich will dich nicht noch einmal als Teamkollegen haben.“ (lacht)

Das Was-wäre-wenn macht wenig Sinn. Wenn wir aber sehen, dass Damon Hill 1994 mit dem Williams fast noch Weltmeister geworden wäre, kann man davon ausgehen, den Erfolgslauf von Michael Schumacher hätte es nie gegeben. Und vielleicht wäre ein Mick Schumacher heute nicht kurz vor dem Sprung in die Königsklasse. Könnte das einer der positiven Punkte des Senna-Todes sein?

Berger: Ich glaube, die Formel 1 wäre sehr langweilig geworden. Senna hätte den Boliden an jedem zweiten Wochenende auf die Pole-Position gestellt. Denn Williams hatte mit Adrian Newey (Designer-Genie, Anm.) und ihm das stärkste Paket. Die Konsequenz wäre die von Ihnen angesprochene gewesen. Obwohl ich solche Spekulationen nicht gut finde. Es war Schicksal und das muss man akzeptieren.

Das Formel-1-Jahr 1994: die zwei Tiroler Gerhard Berger (l.) und Karl Wendlinger (r.) mit Roland Ratzenberger.
Das Formel-1-Jahr 1994: die zwei Tiroler Gerhard Berger (l.) und Karl Wendlinger (r.) mit Roland Ratzenberger.
- gepa

Kehren wir in die Gegenwart zurück. Mit Charles Leclerc (Ferrari) und Lando Norris (McLaren) mischen gerade zwei Jungstars die Königsklasse auf. Gefällt Ihnen das?

Berger: Vor allem Norris hat mich positiv überrascht. Leclerc kenne ich ja schon aus der Go-Kart-Szene. Der ist öfters gegen Lucas (Auer, Neffe; Anm.) gefahren. Seine Qualität kenne ich schon. Mir taugen die Burschen, die sind richtig gut.

Ihr ehemaliger Schützling Sebastian Vettel (GER) bekommt derweilen sehr viel Kritik ab. Kann der Ferrari-Star das bewältigen?

Berger: Das wird er müssen. Das ist Ferrari. Entweder du bist ganz oben oder du bekommst Kritik von allen Seiten. Aber ich glaube, die Scuderia steht knapp vor dem Durchbruch. Ich glaube an Mattia Binotto (Teamchef, Anm.) – ein fähiger Mann. Man muss sie jetzt einmal in Ruhe arbeiten lassen, dann geht es in die andere Richtung. Dasselbe gilt ebenso für Red Bull. Wenn ich mir ansehe, wie Max Verstappe­n in Baku eine schnellste Runde nach der nächsten abgespult hat, bin ich sicher, da kommt noch einiges, auf das wir uns freuen dürfen.

Am kommenden Wochenende startet Ihre Rennserie, das Deutsche Tourenwagen Masters (DTM). Ohne Österreich-Rennen, aber mit den beiden Salzburgern Philipp Eng (BMW) und Ferdinand Habsburg (Aston Martin).

Berger: Der Philipp hat schon einen guten Eindruck hinterlassen (Rookie of the year 2018, Anm.), der wird noch einen Schritt machen. Auch der Ferdinand sieht schnell aus. Dass wir heuer ein Österreich-Rennen haben, hat sich leider nicht ergeben. Aber wir kommen zurück. Vielleicht mit einem Innsbruck-Stadtrennen. (lacht)

Das wäre was. In Ihrem Rahmenprogramm wird heuer erstmals eine Rennserie der Damen stattfinden.

Berger: Darauf freue ich mich ganz besonders. Das betreuen viele McLaren-Leute, die sehr fähig sind. Das Ganze ist sehr professionell. Frauen fahren gegen Frauen als Vorbereitung darauf, vielleicht irgendwann einmal bei den Männern antreten zu können. Es hat sehr viel Anklang gefunden und ich bin begeistert.

Sie haben immer wieder davon gesprochen, dass die DTM zu einem internationalen Produkt werden muss.

Berger: Mir ist alles noch zu deutsch geprägt. Natürlich sitzt in Deutschland die größte Fangemeinde, aber wir bewegen uns in vielen Ländern wie Großbritannien, Belgien und es wird auch ein Rennen mit der japanischen GT-Serie zusammen geben. Der eingeschlagene Weg ist richtig, wird aber noch etwas dauern.

Die Formel E wird von allen Seiten gepusht. Die saubere Energie lockt etliche Sponsoren an. Spüren Sie das?

Berger: Ja, aber das ist halt im Moment so.

Das Gespräch führte Daniel Suckert

Ein Wochenende, das alles veränderte

„Gott hat seine schützende Hand von der Formel 1 genommen“, sagte Niki Lauda nach dem schwarzen Imola-Wochenende 1994. Heute vor 25 Jahren starben innerhalb von 25 Stunden der Salzburger Roland Ratzenberger (30. April, Qualifying) und am Tag danach der wohl beste Pilot aller Zeiten: Ayrton Senna (BRA).

Schon am Freitag krachte der Jordan des Brasilianers Rubens Barrichello mit über 225 km/h gegen die Oberkante eines Reifenstapels. Mit einer gebrochenen Nase kam dieser noch glimpflich davon.

Am Tag danach endete die Glückssträhne der Königsklasse: Beim 34-jährigen Ratzenberger brach im Qualifying der Frontflügel – mit 290 km/h prallte der Simtek-Bolide ungebremst in die Betonmauer der Villeneuve-Kurve. Der Salzburger verstarb mit einem Schädelbasisbruch noch am Unglücksort. Der tragische Höhepunkt folgte aber am Tag darauf: Die Ausnahmepersönlichkeit Senna krachte in Führung liegend in die Mauer der berüchtigten Tamburello-Kurve. Er erlitt schwere Kopfverletzungen. Im Cockpit des zerstörten Williams fand man eine rotweißrote Fahne. Senna hatte nach dem Imola-Grand-Prix vorgehabt, diese für Ratzenberger zu schwenken.

Der damalige FIA-Chef Max Mosley hob die Sicherheitsbestimmungen drastisch an. Erst am 5. Oktober 2014 verunglückte mit Jules Bianchi der nächste Formel-1-Pilot, der neun Monate später an den Folgen des Unfalls verstarb.