Letztes Update am Mo, 27.05.2019 13:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Formel 1

Lockere Scherze mit Hamilton, Vettel bleibt aber der Geschlagene

Sebastian Vettel war gut drauf. Launige Wortgefechte mit Lewis Hamilton würde er aber gern gegen echte Duelle mit dem Formel-1-Souverän auf der Strecke eintauschen. Der Rückstand bleibt, darüber darf Vettels zweiter Platz in Monaco nicht hinwegtäuschen.

Trotz der erneuten Niederlage gegen Lewis Hamilton präsentierte sich Sebastian Vettel bei der Siegerehrung in Monaco gut gelaunt.

© AFPTrotz der erneuten Niederlage gegen Lewis Hamilton präsentierte sich Sebastian Vettel bei der Siegerehrung in Monaco gut gelaunt.



Monaco – Da war er wieder, der deutsche Lausbub in Sebastian Vettel. Pfiffige Kommentare, typisches Grinsen, launige Wortgefechte. Allen voran mit seinem Dauer-Bezwinger Lewis Hamilton. Als der Brite nach seinem famosen Monaco-Triumph ankündigte, sich am Abend ein schönes Essen und dazu ein Glas oder auch ein paar Gläser Wein zu gönnen, riet Vettel frech: „Sag doch einfach: eine Flasche.“

Es könnte so schön sein. Vettel, der viermalige Weltmeister gegen Hamilton, den fünfmaligen Weltmeister. Ferrari gegen Mercedes. Formel-1-Giganten unter sich. Vettel bleibt im Duell mit dem nunmehr 77-maligen Grand-Prix-Gewinner aber der Geschlagene.

Vettel bereits 55 Punkte zurück

Darüber konnte auch der zweite Platz beim packenden Klassiker in Monte Carlo nicht hinwegtäuschen. 55 Punkte liegt Vettel nach sechs Rennen zurück. „Wir arbeiten sehr hart und mit Hochdruck daran, die Lücke zu schließen und den Spieß möglichst bald rumzudrehen, damit es nicht zu langweilig wird“, beteuerte der WM-Dritte Vettel.

Vieles deutet aber daraufhin, dass Vettel in seinem fünften Jahr sehr früh im Kampf um die WM rechnerisch raus sein könnte. Dieser Hamilton scheint in der Form seines Lebens. Der 34-Jährige bügelte auch die Strategiepanne seines Teams aus. „Ein Sieg, der auf intensiver Spannung, nervenaufreibender Anstrengung, Schweiß und intuitiver Entschlossenheit fußte“, lobte der britische „Guardian“. Fast 70 der 78 Runden musste Hamilton auf der weicheren Reifenmischung fahren. Mercedes hatte sich verspekuliert. „Rückblickend wissen wir, dass die Reifenwahl bei Lewis falsch gewesen ist. Wir hätten bei seinem Stopp auf die harten Reifen wechseln müssen“, betonte Teamchef Toto Wolff.

Hamilton klagte fast im Rundenrhythmus, kämpfte aber erfolgreich gegen die abbauenden Rutsch-Gummis und Attacke-Pilot Max Verstappen im Red Bull. „Es war der qualvollste aller 77 Siege des Engländers“, befand die spanische Zeitung „La Vanguardia“. Am Ende einer hochemotionalen Woche mit dem Tod von Oberaufseher Niki Lauda zu Wochenbeginn und dem Hamilton-Sieg „mit dem Spirit“ des dreimaligen Champions kehrte auch das Lachen bei den Silberpfeil-Mitarbeitern wieder zurück - notfalls über sich selbst.

Weltmeisterliche Leistung: Hamilton hielt den Angriffen von Max Verstappen stand.
Weltmeisterliche Leistung: Hamilton hielt den Angriffen von Max Verstappen stand.
- AFP

Wie in dem Video, das das Werksteam am Abend von Monaco noch via Instagram veröffentlichte. Rede und Antwort muss darin Mercedes-Ingenieur James Vowles stehen. „Nun, im Nachhinein ist es recht klar: Mit den härteren Reifen hätten wir dasselbe Ergebnis erzielt - nur mit weniger Stress“, sagte er. „Wir wollten es ein bisschen spannend machen.“ Die Unterhaltung mit Hamilton via Funk sei gut gewesen, bei der Nachbesprechung würden sie bestimmt noch mehr Spaß haben. „Zuerstmal hoffe ich, dass er mich umarmt“, sagte Vowles.

Hamilton schimpft mit Augenzwinkern

Die Umarmung bekam er. Allerdings ließ es sich Hamilton nicht nehmen, Vowles und Kollegen mit einer Flasche Schampus und sichtlicher Freude vollzuspritzen, während diese konzentriert vor ihren Laptops saßen. „Ihr habt mir diese Medium-Reifen für 68 Runden gegeben“, schimpfte Hamilton - mit mehr als einem Augenzwinkern.

Vier Saisonsiege, 137 Punkte. Hamiltons Start in die Saison hätte besser kaum laufen können. Den Angriff von Teamkollege Valtteri Bottas hat er abgewehrt, der Finne liegt 17 Punkte hinter Hamilton, dem nach einem gemütlichen Abend bei gutem Essen und Wein aber auch schon wieder ein trauriger Tag bevorsteht.

Er will zur Beerdigung von Niki Lauda am Mittwoch in Wien reisen. „Natürlich“, antwortete er kurz und knapp auf die entsprechende Frage. Die Art und Weise, wie er seinen Erfolg in Monaco einfuhr, wäre ganz im Sinne des stets kämpferischen Lauda gewesen. „Ich weiß, er schaut auf uns herunter, ich wollte ihn einfach stolz machen“, sagte Hamilton. (dpa)

Internationale Pressestimmen zum GP von Monaco

DEUTSCHLAND:

Hamburger Abendblatt: Lewis Hamilton siegt im Gedenken an Niki Lauda. Die 66. Auflage des Formel-1-Klassikers an der Cote d‘Azur wird noch länger in Erinnerung bleiben. Hamilton zeigte bei seinem Sieg vor Vettel eine Vorstellung der Extraklasse, das Rennen war von der ersten Runde an geprägt von Spannung, Spektakel und dem Gedenken an den am Montag im Alter von 70 Jahren gestorbenen Niki Lauda.

BILD: Niki, mein Sieg ist dein Sieg! Hamilton widmet den Erfolg seinem Freund. Siege ist Lewis Hamilton (34) gewohnt. Der Erfolg gestern in Monaco war sein 77. in der Formel 1. Doch mit so schwerem Herzen gewann der Brite noch nie. Beim Triumph in Monaco nahm Hamilton gleichzeitig Abschied von seinem Freund und Mercedes-Aufsichtsrat Niki Lauda (+ 70), der am Montag überraschend verstorben war.

Berliner Morgenpost: Hamilton gewinnt das härteste Rennen seines Lebens. Die Woche, die mit dem Tod von Niki Lauda begann, endete auch dramatisch - aber diesmal glücklich. Lewis Hamilton gewann den Großen Preis von Monaco mit einer seiner größten rennfahrerischen Leistungen. Es war eine sportliche Machtdemonstration und ein Sieg der großen Gefühle.

ITALIEN:

La Repubblica: Der Kämpfer Lewis Hamilton gewinnt in Monaco ein Rennen, das schwieriger war als erwartet: Der von der Pole gestartete britische Weltmeister führte das Rennen von Anfang bis Ende an. Und das trotz vieler Leiden: Mit qualmenden Reifen und zumeist mit Max Verstappen dicht auf den Fersen, dessen Atem er bis zur letzten Runde im Nacken spürte.

GROSSBRITANNIEN:

The Guardian: Mit einem Helm im selben Design, wie ihn Niki Lauda in seiner letzten Weltmeister-Saison für McLaren 1984 trug, fuhr Lewis Hamilton in Monaco einen Sieg ein, den er so unbedingt zu Ehren seines Freundes gewollt hatte. Ein Sieg, der auf intensiver Spannung, nervenaufreibender Anstrengung, Schweiß und intuitiver Entschlossenheit fußte, ist sicher einer, den Lauda bewundert und als absolut verdient angesehen hätte.

SPANIEN:

Marca: Lewis Hamilton musste mehr als nötig leiden, um seinen vierten Grand-Prix-Sieg in Monaco zu erringen und so seine Führungsposition in der Formel 1-Weltmeisterschaft zu festigen. Ein guter Start und ein schleppendes Rennen, das durch die schlechte Reifenwahl von Mercedes gebremst wurde, genügte dem Briten, um den 77. Sieg seiner F1-Karriere zu holen. Beschämend war die Wahl des Niederländers (Max Verstappen) als Pilot des Tages, nachdem er schon dafür bestraft worden war, Bottas an eine Wand zu drücken und dann noch versucht hatte, sich Hamilton von weitem zu nähern - ohne echte Chance zum Überholen.

AS: Verstappen hat es in den Straßen von Monaco wieder und immer wieder versucht, in einer endlosen Verfolgungsjagd auf Hamilton, dessen weiche Reifen in einem sehr schlechten Zustand waren. Er ist ein Fahrer, der keine langen Überlegungen anstellt, wenn es um den Moment geht, ein Überholmanöver zu starten, was auf einem so engen Kurs wie dem von Monaco unmöglich scheint. (...) Aber für ihn gab es keine Belohnung, sondern nur für einen defensiven Hamilton, der das Rennen damit verbrachte, sich bei den Ingenieuren über den Zustand seiner Reifen zu beschweren.

El Mundo: Ayrton Senna hatte es 1992 gezeigt (...), Daniel Ricciardo hat es im vergangenen Jahr trotz eines alarmierenden Leistungsverlusts des Motors seines Red Bull erneut demonstriert. Man kann in Monaco gewinnen, auch wenn der an zweiter Stelle fahrende Wagen viel schneller ist als der erste. Lewis Hamilton hat dies gestern erneut gegen Max Verstappen bestätigt.

SCHWEIZ:

Blick: Lewis Hamilton kürt sich in den engen Gassen zum König von Monaco. Und denkt nur an eines bzw. jemanden: Niki Lauda (†70). Überall Lauda in Monte Carlo! Die Ehrungen sind überwältigend, an jeder Ecke sind Widmungen, Trauerbekundungen und Danksagungen zu sehen. Und Lauda feiert gar einen Doppelsieg. Denn: Sowohl Sieger Hamilton als auch der zweitplatzierte Sebastian Vettel im Ferrari tragen einen Lauda-Helm. Schöne Gesten, so weit das Auge reicht.

Neue Züricher Zeitung: Mit dem Spirit von Niki Lauda. Die Formel-1-Welt zeigte vor und nach dem Großen Preis von Monaco große Gefühle. Eine Schweigeminute erinnerte an den verstorbenen Niki Lauda, alle Fahrer trugen rote Käppis, Lewis Hamilton und Sebastian Vettel veränderten das Design ihrer Helme, die Silberpfeile trugen einen roten Schutzbügel mit der Aufschrift Wir vermissen dich. Auch am Ende eines der dramatischsten Rennen in der Geschichte Monacos wurde des Österreichers gedacht, als Hamilton seinen vierten Saisonsieg mit einer großen Rennfahrer-Leistung sicherstellen konnte.

Tagesanzeiger: Formel 1 Lewis Hamilton wird von einem Rudel durch die Gassen von Monaco gejagt und rettet sich zu einem emotionalen Sieg. Sein Chef sagt: Es war eine Fahrt, wie sie Niki geliebt hätte. Gegen alle. Ohne Chance.

FRANKREICH:

Le Figaro: Nachdem die Woche für Mercedes mit dem Tod von Niki Lauda im Alter von 70 Jahren schmerzhaft begonnen hatte, endete sie mit einer ergreifenden Hommage. Denn in Monaco setzte sich Lewis Hamilton am Ende eines spannenden Rennens durch, was ohne Zweifel zur Freude des legendären österreichischen Fahrers gewesen wäre.